DAS PAAR. Eigentlich sind die Mischoks das blühende Leben. Er, Peter Mischok, steckt im kamelfarbenen Jackett und strahlt über das ganze Gesicht, ein Mann, dem es gutgeht. Er ist etwa eins siebzig, schlank, agil und beim Reden kaum zu stoppen. «Guten Abend, Peter Mischok», stellt er sich vor, «ich möchte 120 Jahre leben. Jetzt bin ich 60, hab also noch mal 60.» Das ist natürlich ein Witz. Tatsächlich wolle er nur die 95 erreichen. Das habe auch die Oma geschafft.
Sie, Erdmute Mischok, ist jetzt 56, vielleicht ein wenig kräftiger als er, aber sportlich. Sie trägt eine Weste im Tigerlook, dazu leuchtend violette Fingernägel und sagt: «Ich möchte 140 werden.» Das ist kein Witz. Von solchen Lebensspannen spreche man im indischen Ayurveda, und dass unser Körper prinzipiell darauf ausgelegt sein könnte, das glaubt Erdmute Mischok schon.
Die Mischoks sind keine Spinner. Sie sind ein nüchternes Paar, lebenslustig, aber handfest. Sie eine Berlinerin. Er aus Karlsruhe. Seit langem leben sie in München. Warum sie in die Anti-Aging-Klinik am oberbayrischen Abtsee gekommen sind? Sie fühlten sich ausgebrannt. «Meine Frau hat seit Jahren den Wechsel gepredigt», erzählt Peter Mischok. Er ist Leiter der Abteilung Schmierstoffe bei der Total Mineralöl GmbH, einem Grosskonzern. Entsprechend seine Arbeit. Einen Tag hier, den anderen dort. Flugzeug, Hotel, Auto.
Auch sie sehnte sich nach neuer Vitalität, hatte in den letzten Jahren viel meditiert und wollte nicht mehr nur ihre Seele, sondern auch ihren Körper stärken. Als Erdmute Mischok den Artikel in einer Zeitschrift fand, war die Sache schnell klar. Der Text beschrieb die Klinik am Abtsee, wo man kuren könne, neue Kraft schöpfen, das Altern stoppen, sich verjüngen. Das klang für beide gut. War zumindest einen Versuch wert. Natürlich stünden grosse Fragen hinter alledem, sagt Frau Mischok. Was denn das überhaupt sei, Anti-Aging. Ob man dem Organismus helfen könne, besser und länger zu funktionieren. Lässt sich die Uhr zurückstellen? – Gute Frage.
DER ORT. Eines steht fest: Am Abtsee ist es schön. Die kleine Schlossklinik hier im Berchtesgadener Land sei die erste Anti-Aging-Klinik in Deutschland gewesen, hatte Chefarzt Wagner am Telefon gesagt. Das Haus liegt direkt am See. Blick auf die Salzburger Alpen, sanft gewellte Hügel, Zwiebeltürme in den Dörfern. Bayern aus dem Bilderbuch.
Natürlich ist die Klinik keine Klinik im strengen Sinn. Man könnte auch altmodisch von einem Sanatorium sprechen oder, etwas zeitgemässer, von einem Wellness-Hotel. Direkt vorne an der Waldstrasse liegen die Praxisräume, wo die Patienten untersucht und behandelt werden, massiert und manikürt. Dann spaziert man durch einen Torbogen hindurch auf das eigentliche Haupthaus zu, das Schloss. Ein bayrischer Tabakfabrikant hatte sich das Haus im Renaissancestil im vorletzten Jahrhundert bauen lassen. Besitzer und Bestimmung wechselten häufig, unter den Nazis wurde das Schlösschen gar zur Gausportschule.
Geht man hinein, steht vorne rechts im Foyer ein Plakat für die regelmässigen Vorträge: «Schönheit – Weisheit – Stärke. Wirkung der Hormone auf Körper, Geist und Seele.» In den Fluren und Zimmern des Schlosses liegt blauer Teppichboden, darauf sind altrosa Sessel gemütlich verteilt. Jetzt noch schnell hinab ins Untergeschoss. Dort ist der Wellness-Raum, ein lichter Saal. Der Geruch von Räucherstäbchen liegt in der Luft. Und wie Pferde in den Boxen stehen die Trimmgeräte vor den schönen Bogenfenstern, durch die man hinabschaut auf den See.
DIE SZENE. In der Wissenschaft sollte man Vorurteile möglichst zurückstellen, aber ein Imageproblem hat die Anti-Aging-Szene wohl doch: Sie treibt zu viele Blüten. So ist zum Beispiel bekannt, dass sich das Leben eines Fadenwurms (er stirbt normalerweise nach drei bis vier Wochen) um das Mehrfache verlängern lässt, wenn man ein einziges seiner Gene austauscht. «Falls Menschen so veränderlich sind wie Würmer, könnten wir Lebensspannen von 350 Jahren erreichen», sagt der amerikanische Wurmforscher Tom Johnson von der University of Colorado. Tatsächlich habe einmal eine mexikanische Klinik angefragt, ob er die genetisch mutierten Rekordwürmer nicht zermahlen und für eine Verjüngungskur älterer Herrschaften bereitstellen könne.
Was den Mexikanern recht ist, ist den Schweizern billig. Die Clinique La Prairie in Clarens-Montreux informiert unter dem Motto «The fine art of aging», sie habe – «nach mehreren Jahren der Forschung» – ein Extrakt aus der Leber von Schafsföten entwickelt, das alternden Personen gegen Wechseljahrsbeschwerden, Gedächtnisschwäche oder Energielosigkeit in den Hintern gespritzt werden könne. Spritzen lassen sich auch noch allerlei andere Dinge, zum Beispiel menschliches Wachstumshormon. So vermeldet das European Life Extension Institute in Frankfurt, mit dem Hormon liesse sich das Leistungsvermögen steigern, das Energieniveau heben und die Muskelkraft stärken.
Allerdings ist man gleich wieder enttäuscht, wenn man ein wenig in der Fachliteratur stöbert. In einer Analyse der US-Medizinerin Mary Lee Vance ist etwa zu lesen, dass Wachstumshormone zwar das Körperfett schmelzen und das Muskelvolumen wachsen lassen, die Muskelkraft aber keineswegs zunimmt und sportliches Training sowieso bessere Effekte erzielt. Auch haben die teuren Hormonspritzen offenbar allerlei Nebenwirkungen, lösen mitunter sogar eine Zuckerkrankheit aus. Könnte es sein, dass sich das Anti-Aging-Hormon dereinst als Pro-Aging-Mittel entpuppt?
Doch die Szene ist bunt und bietet vieles mehr. Vitaminpillen etwa, die das Altern ebenso aufhalten sollen wie Hefepräparate oder in Hautkapseln gefüllte Mikronährstoffe. Inzwischen beteiligen sich auch manche Heilpraktiker und Psychotherapeuten an der Anti-Aging-Diskussion und sagen viel Gutes über Vitalitätschecks, Coachingmodelle und Darmsanierungen.
DER ARZT. Die Idee der Schlossklinik nimmt sich indes recht einfach aus: «Wir wollen wissenschaftliche Erkenntnisse umsetzen», sagt Chefarzt Wagner, «ohne drei Generationen zu warten, bis alles durch die Lehrbücher gegangen ist.» Das klingt einleuchtend. Anti-Aging jetzt – und nicht erst am Sankt-Nimmerleins-Tag. Johannes Wagner, ein Mann mit grauem Scheitel und feiner Brille, hat eine zuvorkommende Art, war selbst an den Flughafen Salzburg gekommen, um seinen Gast im dunklen BMW an den Abtsee zu fahren.
Kommen kann in die Klinik freilich fast jeder, die junge Pilotin mit Energiedefiziten, die Putzfrau mit Übergewicht, der Politmanager mit Depressionen. «Einmal hat mich eine über 90-jährige ungarische Gräfin aufgesucht», erzählt Wagner. Was er für sie tun solle, habe er ein wenig ratlos die bereits etwas faltige Dame gefragt, worauf sie antwortete. «Schaun S’ mich on, möchten S’ so rumlaufen? Tun S’ wos!»
Das Konzept der Klinik liegt, salopp gesagt, in einer Doppelstrategie: der Hormonbehandlung und der «Huber-Kur». Huber – ein Wiener Frauenarzt und, laut Hausbroschüre, international anerkannter Anti-Aging-Experte – habe die Klinik erfunden, sei Spiritus Rector und habe ihn, Wagner, irgendwann gefragt, «ob ich nicht sein Bischof in Deutschland werden will».
Die Huber-Kur besteht, so sagt es der Prospekt, aus fünf Säulen. 1. Nach 16 Uhr gibt es nichts mehr zu essen («Dinner Cancelling»). 2. Nachts wird bei Bedarf die Körpertemperatur mit Magnesium oder Melatonintabletten leicht gesenkt («Körpersysteme verschleissen langsamer»). 3. Über eine Vene erhalten die Patienten Liponsäure («bekannter Radikalenjäger», der die freien Radikale – das sind zellschädigende Stoffwechselprodukte – vermindern soll). 4. Vor dem Essen trinken die Kurgäste «Avemar», einen leicht modrig-süssen Trunk aus fermentierten Weizenkeimen («schafft, dass Krebszellen absterben»). 5. Zusätzlich kann sogenanntes Carnosin eingenommen werden («macht verbrauchte Zellen wieder jugendfrisch»).
Die zweite strategische Flanke indes, die Hormonbehandlung, könnte man auch als Hormon-Tuning bezeichnen. Es gehe nicht darum, Hormone wie Hustenbonbons zu verteilen, sagt Wagner, sondern darum, Patienten, falls nötig, ihren individuellen Cocktail zusammenzustellen. Hormontherapie, das kann sich am Abtsee durchaus auf eine Salbe hier oder ein Zäpfchen dort beschränken. Wagner selbst nimmt gelegentlich Pillen mit DHEA, einem dem Testosteron verwandten Stoff, «als Anti-Stress-Mittel», wie er sagt.
Natürlich weiss auch Wagner, dass gerade die Geschlechtshormone gehörig in Verruf geraten sind, seitdem eine grossangelegte US-Studie – die «Women’s Health Initiative», kurz WHI – vorletztes Jahr ergeben hat, dass eine Hormontherapie nach den Wechseljahren möglicherweise mehr schadet als nützt. Lange Zeit hatten Frauenärzte propagiert, man könne Alterskrankheiten wie Osteoporose oder selbst Alzheimer verhüten, wenn man den in höheren Jahren verminderten Östrogenspiegel dauerhaft ausgleiche. Die Idee schien durch verschiedene Untersuchungen bestätigt zu werden. So hatte eine Langzeitbeobachtung unter Zehntausenden US-Krankenschwestern – die «Nurses’ Health Study» – nahegelegt, dass Frauen besser vor Herzinfarkt geschützt sind, wenn sie Hormone nehmen.
Die WHI-Studie, die die Hormonpillen im Vergleich mit Placebos testete, ergab dann jedoch, dass die Ersatztherapie zwar dem Knochenschwund und vielleicht sogar dem Dickdarmkrebs vorbeugen kann. Die Effekte beim Herzinfarkt seien aber bestenfalls gleich null, wenn nicht negativ. Zudem steigerten sich die Schlaganfall- und Brustkrebsraten. Inzwischen hat ein angesehenes US-Expertengremium, das Institute of Medicine, gewarnt, man solle dieselben Fehler nicht noch einmal bei Männern wiederholen und alternden Herren (wie in den USA bereits weithin der Fall) Testosteron gegen alle möglichen Beschwerden verordnen – ohne dass das Risiko-Nutzen-Verhältnis geklärt sei.
Ganz verzichten mag Johannes Wagner auf die Hormone dennoch nicht. Immerhin hätten sie in der Evolution «400 000 Jahre ihren Job getan», und «die Welt» werde nun auch nicht passieren, wenn man ab und zu Hormone nehme. Einmal kam ein 86-Jähriger zu ihm und klagte, er verblöde vollkommen und habe zu nichts mehr Lust. «Dem hab ich einen Hauch Testosteron gegeben», sagt Wagner. Nach einer Woche sei der alte Herr strahlend und voller Energie gewesen.
Nun ist man Journalist und stellt gern Fragen: «Herr Wagner, das könnte doch auch ein Placeboeffekt sein?»
«Das wäre mir wurscht.»
«Woher wissen Sie dann, dass Sie das Richtige tun?»
«Wissen ist eine relative Sache, aber von der intellektuellen Idee her passt es ins Bild.»
«Verkaufen Sie vielleicht ein Lebensgefühl?»
«Ich denke, das ist mit dabei.»
«Wie viele Jahre lebe ich länger, wenn ich als Patient zu Ihnen komme?»
«Eigentlich glaube ich nicht, dass sich die Lebenszeit verlängern lässt.»
«Auf Ihrer Website steht aber, dass sich der Körper dauerhaft verjüngen kann.»
«Ich würde eben sagen, subjektiv verjüngen, nicht objektiv.»
«Sehen Sie», fügt Wagner hinzu, «mich würgt es selbst immer ein wenig, wenn ich Anti-Aging sage, das klingt elitär und überteuert, ich würde lieber Prävention oder Prophylaxe sagen.» Das ist jetzt ein starkes Stück. Da glaubt man, einen echten Anti-Aging-Mediziner vor sich zu haben – und der behauptet, keiner zu sein.
Vielleicht muss man mal Herrn Huber fragen.
DER PROFESSOR. Das Schild an der Schlossklinik lautet: Univ. Prof. Dr. Dr. Johannes Huber. Huber ist nicht nur Mediziner, sondern auch Theologe und ein sehr gefragter Mann. Er war Sekretär beim Wiener Erzbischof Kardinal König, sitzt der österreichischen Bioethikkommission vor, leitet eine Abteilung der Universitätsklinik Wien, nennt seine Privatpraxis Zentrum für Hormonkosmetik, gehört dem Führungsteam der Wiener Gentestfirma Genosense an, kooperiert mit dem «futuremed-aesthetic-center» in Berlin und schreibt öfter mal ein Buch.
Eines davon, recht dick und im nüchternen Sachstil, heisst «Grundlagen der Altersprävention», ein anderes, etwas schlanker und populärer, nennt sich «Länger leben, später altern. Eine Anleitung». (Ah!) «Die einzige hundertprozentige Möglichkeit, das Leben zu verlängern», so liest man beim Durchblättern, «besteht im Kalorienverzicht – im Dinner Cancelling.»
Anruf bei Huber in Wien: «Herr Huber, Sie sind doch auch Theologe, glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?»
«Das ist eine sehr gute Frage. Hundertprozentig beweisen kann ich das natürlich nicht, aber es gibt die Erhaltung der Energie, und dass mit dem Tod alles zu Ende sein soll, glaube ich nicht.»
«Warum suggerieren Sie dann in Ihrem Buch, dass man vor dem Tod davonlaufen und länger leben kann?»
«Weil die Menschen das wollen.»
«Aber bewiesen ist die Möglichkeit zur Lebensverlängerung nicht?»
«Eine prospektive Studie, die das für den Menschen beweist, gibt es nicht.»
«Und Ihr Buch?»
«Das hat ein Journalist geschrieben.»
«Sie meinen, Sie stehen nicht dazu?»
«Doch, doch, schaun S’, vielleicht könnte man die Formulierungen ein wenig überarbeiten, aber von der Grundidee halte ich das für gut.»
Zwei Tage später ruft Huber noch mal zurück. Er störe nicht gern, wolle aber noch sagen, dass die Internationale Agentur für Krebsforschung in Lyon ein ganzes Handbuch zum Zusammenhang von Krebsprävention, Sport und Gewichtskontrolle herausgegeben habe. Tatsächlich hatten Wissenschafter schon im Jahr 1909 beobachtet, dass Tumoren in mageren Mäusen schlechter wachsen als in fetten, und viele Versuche haben seitdem gezeigt, dass Tiere, die wenig zu fressen bekommen, wirklich länger leben – ob es sich nun um Laborwürmer, Fliegen, Fische oder Mäuse handelt. Gemäss einer Hypothese entstehen bei einem zurückgeschraubten Energiestoffwechsel weniger schädliche Nebenprodukte, etwa freie Radikale. Auch ist bekannt, dass Mäuse später sterben, wenn der Spiegel eines bestimmten Hormons – des insulin-like growth factor 1 – dauerhaft niedrig bleibt.
Was jedoch den Menschen angeht, bleibt die Lage bisher ungeklärt, geschweige denn, man wüsste, ob nun diese oder jene Diät zu empfehlen sei. So hält der US-Alterungsbiologe Mark Lane seit vielen Jahren eine Horde von Affen kurz, um auch bei Primaten den Effekt einer knappen Kost zu studieren. Laut Lane könnte alles darauf hinauslaufen, dass man möglichst auf einen Drittel der Kalorien dauerhaft verzichten sollte. Doch wer, so fragte die Wochenzeitung «Die Zeit», «will eigentlich 100 werden, nur um 100 Jahre zu hungern»?
DAS PAAR. Das Sympathische an den Mischoks ist, dass ihnen die wissenschaftlichen Diskussionen ab einem gewissen Punkt schnuppe sind. Sie haben das Gefühl, in der Schlossklinik gut aufgehoben zu sein. Das zählt. Anti-Aging? Ein Schlagwort, ein Reisser, sagt Peter Mischok, genau wie Verjüngung, ewige Jugend und so weiter. Manche Patienten suchten freilich genau diese Verheissung, und dahinter, klar, stehe eine Industrie, es geht um Kundenwünsche, reden wir nicht drüber. «Doch mich berühren die Schlagworte nicht», sagt Peter Mischok, «mir kommt es drauf an, wie ich mich fühle. Kann sein, das hält nicht lang, aber im Moment fühle ich mich sauwohl. Wollen Sie nicht noch etwas Wasser trinken? Sie müssen mehr trinken», sagt er und schenkt Sprudel nach.
«Natürlich», erzählt er weiter, «fasten kann man auch allein, aber man braucht einen Anstoss.» Als Jugendlicher, mit 15, war Peter Mischok spindeldürr und musste in Kur, um zuzunehmen. Als die Mischoks im vergangenen Herbst für zwei Wochen in die Schlossklinik kamen, wog er 92 Kilo und sah aus «wie Schweinchen Schlau». Jetzt, im Januar, sie sind noch mal für ein Wochenende da, wiegt er 79. Die Mischoks machten nur die Huber-Kur (Hormone brauchten sie nicht), und sie finden, es habe sich gelohnt. «Es hat sich was getan», sagt Peter Mischok, «wir haben seitdem unsere Ernährung umgestellt, ich hab mein ganzes Leben umgestellt. Noch etwas Wasser? Nein?»
Was bei der Kur ausschlaggebend war, sei natürlich schwer zu sagen. Beide sind überzeugt, dass Chefarzt Wagner seine Sache versteht, andererseits stimme eben die Atmosphäre («die Mädels sind alle so nett», wie er sagt), und viel bewirke allein der Ort, die Ruhe, der Frieden, die Spaziergänge in der schönen Umgebung. Überhaupt, die Spaziergänge. Auf den Wiesen hier stehen uralte Höfe, und sofort zieht einem der herzhafte Duft von Kuhdung in die Nase. Irgendwie komisch, der Gedanke, aber könnte nicht auch Kuhdung eine Art Anti-Aging bewirken, zumal man doch weiss, dass Gerüche die Stimmung verändern und laut manchen neurobiologischen Studien sogar die Hormonproduktion im Hirn modulieren?
DIE KOSMETIKERIN. Inzwischen ist es Sonntagvormittag, und Sonja Fuchs cremt Peter Mischok in einem der Behandlungszimmer den Bauch. Fuchs ist die Kosmetikerin der Klinik, eine bildhübsche Person aus Salzburg. Sie trägt ein Hormonpräparat auf die Bauchhaut auf, wickelt um Mischoks Leib weiche Binden und steckt flache Elektroden darunter. Leichte Stromimpulse sollen die Haut durchlässiger machen, damit der Signalstoff in die Tiefen dringt und Mischoks letzten (wirklich letzten) Bauchansatz dahinschmelzen lässt.
Fuchs, so scheint es, ist eine wahre Spezialistin in dem, was man medizinische Kosmetik nennt, und im Grunde möchte man ihr immer weiter zuhören, wenn sie mit verführendem Lächeln sagt: «Wenns wos mochst fürn Körper, wos für die Seele, dass olls baumeln lässt, und dann no wos Medizinisches, dann host es.» Als sie aus dem Raum geht, sagt Peter Mischok: «Die Mädels können einem das einfach vermitteln: Wenn ich jetzt hinausmuss in die böse Welt, dann bin ich stark.»
DAS PAAR. Beim Mittagessen strahlt Peter Mischok sogar mehr als am Abend zuvor. Beide haben sich noch an den Body Impedance Analyzer anschliessen lassen, ein Gerät, das den elektrischen Widerstand im Organismus misst und daraus den Fett- und Muskelanteil des Körpers errechnet. Sie hat drei Kilo reines Fett seit dem Herbst verloren und ein Kilo Muskeln gewonnen, er konnte seine Muskelmasse halten und zehn Kilo Fett verbrennen. Stolz? «Und wie!» sagt Peter Mischok. Das Mittagessen endet in ausgelassener Laune.
Einen letzten Spaziergang um den Abtsee herum (der Kuhdung!), bevor das Taxi kommt, zurück zum Flughafen Salzburg. Check-in, Körperkontrolle, Wartesaal, Abflug. Die Propellermaschine schraubt sich sachte in die Höhe. Dann zockelt sie gemütlich über die verschneiten Gipfel dahin. Wie ging noch der Witz zum Abschied von den Mischoks? «Wir sehen uns in 60 Jahren.»
Beim Blick durchs kleine Flugzeugfenster denkt man an die Ewigkeit.
Martin Lindner ist Arzt und freier Wissenschaftsjournalist in Berlin.