Ich habe einmal ein Pferd an einem Kiosk in Greenwich Village eine Zeitung kaufen sehen.
Ich war überrascht, aber nicht schockiert. New York ist New York. Eine Stadt, in der sonderbare Dinge nichts Besonderes sind.
Es war ein schönes Pferd. Schwarz. Sehr schwarz, ein bisschen wie Black Beauty. Den Kopf hielt es gesenkt, in den Kiosk hinein. Dem Verkäufer muss es direkt ins Auge geblickt haben.
Um den Kiosk herum war alles ruhig. Kein Anzeichen von Aufregung oder Unruhe. New Yorker Verkäufer wundern sich wahrscheinlich über nichts, dachte ich mir. Ein Pferd als Kunde wird ihr geringstes Problem sein.
Ich trat näher, um zu sehen, welche Zeitung das Pferd erwarb. War es die «New York Times» oder die «Washington Post»?
Als ich näher kam, erkannte ich die Zeitung. Es war die «New York Post», ein Boulevardblatt.
Ich stellte fest, dass das Pferd einen Besitzer hatte. Der Besitzer war durch ein grosses Strassenbauschild verdeckt worden. Es war ein Polizist.
Er bezahlte seine Zeitung und stieg wieder aufs Pferd. Polizist und Pferd entfernten sich gemächlich die MacDougal Street hinab.
Dieses Kioskerlebnis war eine meiner harmlosesten Verbindungen zu einem Kiosk. Kioske rufen meine schlechtesten Eigenschaften wach.
Charakterzüge, die ich nicht gern zur Schau stelle, kommen zum Vorschein. Eigenarten, die ich lieber unterdrücken würde, gewinnen die Oberhand. Kioske wecken mein Interesse an Klatsch und Tratsch.
Jahrelang habe ich dieses Interesse zu zügeln versucht. Ich habe ihm Handschellen und Knebel angelegt. Aber es meldet sich immer wieder.
Ich habe es mit Vernunftgründen versucht. Von Klatsch bekomme ich Kopfschmerzen. Es macht mich wahnsinnig, nichts als Brad Pitt oder seine derzeitige Freundin im Kopf zu haben.
Doch wie Alkoholiker und Drogensüchtige neige ich dazu, die Nebenwirkungen zu vergessen. Kioske sind für jene von uns, die gegen ihre Klatschsucht ankämpfen, einfach zu verlockend.
Die Schlagzeilen locken einen mit ihrem Sirenengesang. Von nah und fern. Niemals würde ich einen Laden betreten, um am Klatsch teilzuhaben. Das wäre zu offenkundig. Zu peinlich. Kioske machen es einem leichter.
An manchen Kiosken bin ich bis zu zehnmal vorbeigegangen, bevor ich einknickte und die Zeitschrift kaufte, in der gesagt wurde, warum Lynn Redgraves Ehemann ihrer Schwiegertochter ein Kind gemacht hat.
Was ich wirklich wissen wollte, war: Hat sie ihn verlassen, als sie das erfuhr? Offenbar hat sie es getan.
Als Monica Lewinsky das Tagesgespräch beherrschte, war es sehr schwer, an einem Kiosk vorbeizugehen. Jeden Tag führte mich eine neue Schlagzeile in Versuchung. Was befand sich auf dem blauen Kleid? War es Spinat oder weniger Appetitliches?
Letzte Woche liess ich mich von einem wunderschönen Bild von Sophia Loren auf einer Umschlagseite ködern. Sie sah grossartig aus, und sie ist Mitte sechzig. Ich kaufte die Zeitschrift, um mehr über Sophia zu erfahren. Und noch ein paar weitere Magazine, da ich schon einmal dabei war.
Ich las den Artikel über Sophia und andere Geschichten. Ich sah mich gezwungen, die ganznächtige Koksparty einer Berühmtheit über Seiten hinweg zu verfolgen. Und Seiten um Seiten über den Kampf, den jemand anders gegen dicke Hüften führt.
Wer will das alles wissen? Es handelt sich nicht um sinnvolle Informationen. Oder auch nur um Informationen, die zu besitzen man ohne Erröten eingestehen kann.
Ich verbrachte fünf Minuten damit, Fotos von Cyndi Laupers und Cindy Crawfords ziemlich nackten schwangeren Bäuchen anzustarren. Interessiert mich so etwas?
Tja, die Wahrheit sieht so aus, dass es mich interessiert.
Die Schriftstellerin Lily Brett wohnt in New York. Ihr neuer Roman «Zu sehen» ist kürzlich bei Deuticke, Wien, erschienen.