NZZ Folio 05/94 - Thema: Blaues Blut   Inhaltsverzeichnis

Blick in die Welt -- Die Macht des Schicksals

Von Dieter Meier

La forza del destino hiesse der Titel auf italienisch, und schon bekäme die deutsche Schwermut jenen Schuss Klamotte, den man bei Verdi mit Spumante in die Pause trägt. Um der äusserst heiklen Frage, ob wir Menschenkinder unser Leben mitbestimmen, das ohnmächtige Gewicht zu nehmen, beginne ich meinen kleinen Aufsatz mit ein paar leichtsinnigen Reimversen.

 Schreibt Meier-Grosshans heut'  
 zum Spass,  
 Will er nur sich selbst gefallen,  
 Ist die Eitelkeit sein Mass,  
 Betritt er drum die Dichterhallen?  
 Nimmt der Taschen-Virtuose  
 Seine Geige aus der Hose,  
 Um der Welt partout zu zeigen,  
 Dass der grosse Weltenreigen  
 Nicht in Menschenhänden liegt,  
 Und was der Mensch zu fassen  
 kriegt,  
 Nichts weiter ist als Pech und  
 Glück,  
 Ein grosses und ein kleines Stück.  

Der Tag kommt, Johnny Walker geht, Meier-Destino erfrischt seinen Leib unter einem eiskalten Schauer, nimmt sich dieses und jenes vor für den 30. März 1994, steigt hastig in die Hosen und dann, was dann?


Welcher Himmel gibt mir die Kraft, mich trotz fast endloser Zweifel dann doch nicht schlicht und einfach zu Tode zu saufen? Meier heiss' ich, Meier bin ich, und immer war alles, was ich machte, Meier. Seit ich im Dolder-Wellenbad als Erstklässler vom Dreimeterbrett sprang, um die Mädchen zu beeindrucken, hat Meier das Glück, über den Kindskopf Meier zu lachen und Meier zu sehen als kleines Partikel im All, dem das Geworfensein die wunderbare Freiheit der Demut gibt, die nichts, aber auch gar nichts sich selbst zuschreibt, sondern alles der Gnade des Schicksals. So habe ich das unwahrscheinliche Masel, eine Mutter und einen Vater zu haben, denen Sein alles und Schein nichts bedeutet, die mich immer und von ganzem Herzen liebten, auch als mein Tun ihnen fremd war.


Die christliche Ethik baut auf dem Fundament von Schuld, Strafe, Wille, Versagen und, oh Gipfel der Perversion, Erbsünde, von der wir nur loskommen, wenn wir an den Budenzauber der Dreifaltigkeit glauben und an jenen jüdischen Fundamentalisten, der unter dem Namen Jesus Stunk machte gegen die römischen Kolonialherren.


Die christliche Schuld- und Straf- GmbH geht von der unlogischen Annahme aus, jeder Mensch habe ene Anlage, ein Talent, eine Gabe, und es sei dann sein höchstpersönlicher Wille, aus diesen Voraussetzungen ja oder nein etwas zu machen. Wer im Rausch krepiert, eine Bank überfällt, einen Lustmord begeht, das Familienvermögen verhurt, die Arbeit meidet wie der Beelzebub das Kreuz, wird von unserer Gesellschaft verachtet und bestraft, dabei trägt er an der Bürde des Bösen, die ihm schicksalhaft aufgeladen wurde, schon schwer genug, und der Philister sollte viele Kerzen anzünden, dass nicht ihm diese Drecksrolle zugefallen ist.


Der Spiesser wird zum Richter und missbraucht den Verdammten als Spiegel seiner Selbstgefälligkeit. Ich aber sage euch, wenn Anlage ein Schicksal ist, so ist die Fähigkeit, aus ihr ja oder nein etwas zu machen, auch nur ein Schicksal. «Ich habe keinen freien Willen. Ich habe das Erlebnis einfach nicht gehabt, dass ich sage: Jetzt habe ich entschieden, ich abstraktes metaphysisches Wesen.» Das sagt Valentin Braitenberg, einer der brillantesten Hirnforscher. Das verehrte Publikum wird jetzt ein Gedicht lesen, das ich auch noch nicht kenne und von dem ich nicht einmal weiss, warum ich es schreibe, anstatt mich sofort schlafen zu legen.

 Mitten in der Märzennacht  
 Sitzt Meier an der  
 Schreibmaschine,  
 Weiss denn Meier, was er macht,  
 Fliegt er wie die Honigbiene,  
 Ist sein Tanz auch ein Programm,  
 Setzt er sich nur auf die Blüte,  
 Weil er gar nicht anders kann,  
 Schicksal grosse Wundertüte.  

Shakespeare hat in seinem Jago nicht einen schlechten Menschen denunziert, er hat die Möglichkeit des Bösen als ein Schicksal aus sich selbst gerissen und sie in Jago erlitten, so wie Fritz Lang, der Peter Lorre, den Lustmörder, der seine letzte Erfüllung nur erlebt, wenn er das unschuldige Kind und damit das Kind in sich tötet, vor dem Katakombengericht der Berufskriminellen so erbarmungswürdig aufschreien lässt «Kann nicht, muss, kann nicht, muss», dass sogar der steinharte Ankläger Gründgens für Sekunden den Boden seiner Vernichtungsmoral unter den Füssen verliert und sprachlos bleibt angesichts des wehrlosen Täters, der, schicksalhaft getrieben, wie ein verwundetes Tier sich den Gnadenschuss ersehnt.


Was für ein wunderbar leichtes Leben haben Menschen, deren höchster Genuss, deren Lusterfüllung darin besteht, Freude zu bereiten und jedem von ganzem Herzen Glück zu wünschen. Dankbar sollten wir sein und uns nichts, aber auch gar nichts einbilden auf das sogenannt Geleistete; und die vom Teufel Gerittenen, die Versager und Halunken im Sinne des kategorischen Imperativs begleiten, so weit es geht und so gut es geht.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.