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NZZ Folio 10/07 - Thema: Auto der Zukunft Inhaltsverzeichnis
Von Tieren -- Polonaise auf der Wabe
© Manfred Ruckszio / Naturbildpo...
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| Indem sie mit dem Schwanz wedelt, verrät die Biene die Entfernung zum Futter. |
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1920 entdeckte Karl von Frisch, dass Bienen tanzend miteinander kommunizieren. Zwanzig intensive Forschungsjahre später wusste er auch, worüber.
Von Herbert Cerutti
Die Fähigkeit, Nektar in wertvollen Honig zu verwandeln, Wachs für Kerzen zu liefern und dank der Bestäubungsarbeit zum Gedeihen von Früchten und Blumen beizutragen, liess Apis mellifera, die Honigbiene, zum ersten Haustier werden.
Bewunderte man schon immer den Sammelfleiss der Insekten, hegte der Imker zudem die Vermutung, dass die Bienen miteinander «reden» können. Denn kaum hat eine einzelne Kundschafterin einen blühenden Obstbaum entdeckt, summen bereits Dutzende von Kolleginnen im Geäst. Dass ein solches Kollektiv nicht zufällig innert Minuten ebenfalls auf den neuen Nektarsegen gestossen sein kann, war auch den Zoologen schon früh klar. Aber wie teilt die erfolgreiche Kundschafterin ihren Fund der im Stock wartenden Arbeiterschaft mit?
Der Österreicher Karl von Frisch begann 1912 an der Universität München, das Leben der Bienen zu erforschen. Der Zoologieassistent überraschte die Fachwelt zuerst mit der Entdeckung, dass Bienen Farben erkennen können. Bis dahin galt das Dogma, Insekten und andere wirbellose Tiere hätten keinen Farbensinn. Dem jungen Forscher aber wollte die Meinung, all die Farbenpracht in der Blumenwelt sei ohne spezielle Funktion, nicht in den Kopf. So entwickelte er eine Reihe einfacher Experimente, die ein ausgezeichnetes Farbensehen der Bienen bei der Futtersuche nachwiesen.
Von Frisch hatte für seine Versuche farbige Futterschalen mit Zuckerwasser gefüllt und an verschiedenen Orten im Gelände placiert. Durch Variieren der Farben, Futtermengen und Orte konnte er ein gezieltes Wiedererkennen einer ergiebigen Futterquelle aufgrund ihrer Farbe durch die Bienen beweisen. Und auch ihm war aufgefallen, wie eine Futterquelle tagelang von den Bienen unentdeckt bleiben kann. Kaum war aber eine Biene beim Suchflug auf den süssen Segen gestossen, trafen schon zahlreiche neue Sammlerinnen am Fundort ein.
In jahrzehntelanger Arbeit brachte Karl von Frisch eine Tatsache ans Licht, die in der Zoologenzunft nur widerstrebend akzeptiert wurde: Die Bienen kennen eine Sprache mit abstrakten Symbolen – eine Fähigkeit, über die sonst nur intelligente, höhere Wesen wie der Mensch verfügen. Dass sich auch Insekten mit einem Hirn kleiner als ein Stecknadelkopf auf solch clevere Art untereinander verständigen, wollte manchem Homo sapiens nicht in den Kopf.
Erst würgen, dann tanzen
Karl von Frisch hatte die an der Futterschale eintreffende erste Biene während des Trinkens mit einem Farbtupfer auf dem Rücken markiert, damit er sie später im Bienenstock identifizieren konnte. Indem er eine Wand des Bienenstocks durch eine Glasscheibe ersetzte, konnte er das sonst im Dunkeln stattfindende Geschehen beobachten.
Trifft die Kundschafterin von einem erfolgreichen Suchflug zurück, würgt sie im Bienenstock den gesammelten Nektar tröpfchenweise hervor. Der Saft wird von Bienen im Innendienst übernommen, zu Honig umgewandelt und als Vorrat in leeren Wabenzellen deponiert. Manchmal beginnt jetzt die Sammlerin auf einer der senkrecht im Bienenstock hängenden Waben zu «tanzen». Einmal im Kreis herum und dann, nach einer Wende in der Gegenrichtung, tänzelt sie auf den schmalen Wachsrändern der sechseckigen Wabenzellen. Rasch versammeln sich andere Bienen um die Tänzerin, laufen synchron hinter ihr her und betasten immer wieder mit den Fühlern deren Leib.
Zuweilen zeigt die Tänzerin nicht den «Rundtanz», sondern einen «Schwänzeltanz» in Form einer Acht. Dabei läuft sie nach einem ersten Kreis ein Stück weit geradeaus und macht dann einen Kreis in der Gegenrichtung. Auf dem geraden Mittelstück der Tanzfigur schwänzelt das Insekt mit dem Hintern. Schliesslich schwärmen die Nachtänzerinnen aus und finden zielsicher die Futterquelle. Von Frisch war überzeugt, die Kundschafterin gebe den Stockkolleginnen detaillierte Informationen über den Ort und die Art des entdeckten Futters. Er vermutete, der Kreistanz zeige das Entdecken von Nektar an, während der Schwänzeltanz Pollen bedeute.
Hier irrte von Frisch. Es brauchte nach der Entdeckung des Bienentanzes in den 1920ern nochmals zwei Jahrzehnte, bis er die Bienensprache richtig lesen konnte. Seine im Jahre 1946 veröffentlichten Erkenntnisse waren eine zoologische Sensation. Getanzt wird nur, falls eine besonders ergiebige Nahrungsquelle entdeckt worden ist. Der Kreistanz meldet einen grossen Fund innerhalb von 50 Metern vom Bienenstock. Indem die Nachtänzerinnen die Tänzerin betasten, lernen sie den am Körper der Heimgekehrten haftenden Duft der Blüte kennen. Die Bienen können einen speziellen Duft unter mindestens 750 verschiedenen Düften herausriechen und finden so im nahen Umfeld bald die verheissene Nahrung.
Im Bereich bis 10 Kilometer braucht es zusätzliche Informationen. Die Biene tanzt ihren Schwänzeltanz auf der senkrechten Wabe so, dass das gerade Zwischenstück der Acht zur Senkrechten einen bestimmten Winkel bildet. Dieser Winkel entspricht genau jenem zwischen dem Sonnenstand und der Richtung zur Futterquelle.
Die Distanz zum Futter ist ebenfalls in der Schwänzelphase der Tanzfigur codiert. Je länger diese Phase dauert, desto weiter entfernt ist das Ziel. Und wie bei der menschlichen Sprache gibt es auch bei den Bienen Dialekte. Bei der deutschen Unterart der Honigbiene entspricht jedes Schwänzeln etwa 75 Metern; bei der italienischen Unterart meint eine Schwänzeleinheit 25 Meter.
Die innere Uhr der Bienen
Die Bienensprache ist jedoch keine einseitige Angelegenheit. Die Kolleginnen im Bienenstock sind kritische Marktbeobachterinnen. Diese «Stockbienen» nehmen Nahrung von vielen verschiedenen Sammlerinnen entgegen und kennen deshalb das gesamte Spektrum des gerade verfügbaren Blütenangebots. Indem sie den zurückgekehrten Sammlerinnen je nach relativer Qualität die Fracht sofort oder erst mit Verzögerung abnehmen und allenfalls auch nur einen Teil der transportierten Ladung löschen, wird die Sammlerin über den Wert ihrer Arbeit informiert und richtet anschliessend die Intensität ihres Tanzes danach. Findet eine Sammlerin innerhalb von 45 Sekunden nach der Rückkehr keine Beachtung, verzichtet sie auf das Tanzen.
Eine ähnliche Qualifikation findet betreffend der Art des Sammelgutes statt. An heissen Tagen kühlen die Stockbienen das Nest, indem sie Wasser über die Waben verteilen und mit Flügelfächeln kühlende Verdunstung erzeugen. Besteht nun erhöhter Wasserbedarf, bevorzugen die Stockbienen jene Sammlerinnen, die stark verdünnten Nektar oder Wassertröpfchen heimbringen, was bald schon die gewünschte Marktkorrektur bringt.
Braucht das Bienenvolk statt des kohlenhydratreichen Nektars eher eiweissreichen Pollen oder stehen Reparaturen am Nest durch Einbau von Baumharz an, wird der momentane Bedarf ebenfalls kommuniziert. Es gibt jedoch Sammlerinnen, die eifrig zu tanzen beginnen, obwohl sie nach der Rückkehr ignoriert worden sind. Sie haben entweder eine besonders üppige Nahrungsquelle gefunden und sich schon mit wenig Blütenbesuchen den Magen gefüllt oder eine gute Quelle in nur geringer Flugdistanz gefunden. Da nur die Heimkehrerin den hohen Wert ihrer Entdeckung kennt, tanzt sie nun beharrlich für ihr Wissen.
Die rätselhafte Bienenwelt hat nach den bahnbrechenden Arbeiten von Karl von Frisch zahlreiche weitere Forscher und Forscherinnen fasziniert. Es war schon seit längerem bekannt, dass sich Bienen beim Flug zu einer Futterstelle und bei der Rückkehr zum Stock nach dem Sonnenstand richten, wobei sie sowohl im Freien wie später im dunklen Bienenstock mit einer inneren Uhr den Lauf der Sonne laufend kompensieren. Bei bedeckter Sonne können Bienen sich zudem nach dem Muster des polarisierten UV-Lichts am Himmel orientieren. Auch werden Landmarken wie Waldränder oder markante Einzelbäume erkannt.
James und Carol Gould und Fred Dyer von der Princeton University verblüfften 1988 mit der Entdeckung, dass Bienen bei ihren Flügen eine geistige Landkarte nutzen. Den Beweis lieferte ein eher hinterlistiger Test. Auf dem Versuchsgelände gab es einen kleinen See. Man deponierte auf einem Ruderboot mitten im See eine reiche Futterstelle und dressierte einige Bienen auf diesen Fundort. Zurück im Bienenstock, tanzten die Heimkehrerinnen eifrig für den Futterplatz. Vergebens. Keine einzige Stockbiene machte sich auf den Weg – offenbar, weil ihnen die mentale Karte sagte, der Platz liege ja mitten im See, und dort gebe es wohl weder Blumen noch Bäume. Rückten die Forscher das Boot dann näher zum Ufer, glaubten die Stockbienen den Kundschafterinnen, sobald die vorgetanzte Futterstelle beim Seerand lag.
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.
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