Gibt man die Worte Insects und Business in eine Internetsuchmaschine ein, eröffnen sich ungeahnte Geschäftswelten. «Insects Incorporated» wäre das passende Rubrum für all das, was da über den Bildschirm wuselt. Ein Newsletter beschreibt, wie man aus einer Mehlwurmzucht ein profitables Unternehmen macht. Eine Homepage führt eine Liste mit 85 «insect related companies»: Insektendompteure, Insektenkünstler und Insektenpräparatoren werben um Kundschaft.
Einer der schönsten Insektenklassiker ist «Uncle Milton» (www.unclemilton.com). Milton Levine, der Patron der Firma, betrieb in den fünfziger Jahren einen relativ erfolgreichen Versandhandel, er erfand Plastikschrumpfköpfe, Spielzeugpistolen oder Kakerlaken-Insektizide. Die meisten Produkte liefen ein bis zwei Jahre gut, dann wurden sie aussortiert. Bis er die Idee mit der Ameisen-Spielzeugfarm hatte, die sich auch nach 40 Jahren noch prächtig verkauft.
Bis heute hat Uncle Milton fast 15 Millionen Farmen mit mehr als 200 Millionen Ameisen abgesetzt. Die Basisversion für rund 12 Dollar ist unverändert geblieben. Sie ist 12 mal 23 Zentimeter gross und verfügt über einen durchsichtigen Plastic-Container. Hier krabbeln die Ameisen im Sand und bauen Tunnels. Darüber stehen eine Plasticfarm, ein Silo und eine Windmühle. Mittlerweile gibt es aber auch Miniameisenfarmen und kreisförmige Ameisenstädte. Am schönsten ist die Anekdote aus jener Zeit, als Uncle Milton die ersten Prototypen produzierte: Er liess eine Anzeige in eine Zeitung setzen: «Ameisen gesucht!» Ein Mann kam mit einem Glas und sagte: «Da sind 5000 drin.» Woher er das wisse, hakte Milton Levine nach. Diese Nachfrage machte den Mann so wütend, dass er Levine anbrüllte: «Dann zählen Sie eben selber!»
Gezählt haben Beamte des US-Staates North Carolina. Sie fanden heraus, dass Honigbienen mit ihren Bestäubungsflügen einen landwirtschaftlichen Mehrwert von rund neun Millionen Dollar erwirtschaften. Zu welcher Summe würde sich dieser Bienendienst erst weltweit addieren? Oder wüssten Sie, ob Lippenstift koscher ist? Diese Frage stellte sich ernsthaft eine Autorin der Zeitung «Kosher Today». Schliesslich enthalten Lippenstifte den Farbstoff Karmin. Und das ist nichts anderes als der getrocknete und pulverisierte Körper einer weiblichen Koschenille, im Volksmund auch rote Schildlaus genannt. Die Antwort: Lippenstift ist nicht koscher, weil Insekten laut dem Alten Testament nicht koscher sind. Aber darum geht's ja gar nicht: Welche Frau weiss denn schon, dass sie sich Tag für Tag Lausblut auf ihre Lippen schmiert? Was wirklich im Lippenstift steckt, wird von den Herstellern aus naheliegenden Gründen gerne verschwiegen.
Sehr viel offener ist da John Stone, Inhaber der «Butterfly Farm» (www.butterflyfarm. co.uk) in Stratford-upon-Avon. Laut seinen Angaben setzen die englischen Schmetterlingshäuser mit dem Verkauf von verpuppten Schmetterlingen fünf Millionen Pfund um. Auf ein Vielfaches belaufen sich die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern.
Allein die Butterfly Farm in Stratford-upon-Avon zählte im vergangenen Jahr 100 000 Besucher. Ein Eintritt kostet 3 Pfund 95 - man rechne. Stone nennt auch seine Gewinnspanne, möchte sie aber nicht veröffentlicht sehen. Schreiben können wir wiederum, dass seine Farm in den Sommermonaten bis zu 12 000 Schmetterlingspuppen pro Woche verkauft. Weg wie warme Semmeln geht zum Beispiel der «Blue Morphon», der wegen seiner metallic-blauen Flügel so gerne gekauft wird. 500 Stück setzt Stone davon jede Woche um, zu drei Pfund der Schmetterling.
Seine Kunden sind rund 70 Volieren und Zooanlagen weltweit, die Bedarf an Schmetterlingslarven haben. Privatkunden hat Stone kaum, denn er verkauft erst ab 100 Stück. Seine Lieferanten sind Züchter in Fernost und Afrika. Für das Business benötigt Stone eine besondere Lizenz vom britischen Landwirtschaftsministerium. Die verpflichtet ihn, keine Exemplare zu verkaufen, die besonders schützenswert oder selten sind. Ausserdem beteiligt er sich auch nicht am Geschäft mit toten Tieren.
John Stone verhandelt jeden Freitag stundenlang mit Luftlinien, damit seine Boxen mit den Schmetterlingspuppen am Wochenende auf möglichst direkte Flüge von Surinam, Australien oder anderswo nach London-Heathrow kommen. Mit den Zollbehörden hat er ebenfalls Vereinbarungen getroffen, die sicherstellen sollen, dass die «hochwertigen Qualitätsprodukte» das Flughafengebäude schnellstmöglich wieder verlassen können. Denn es ist wichtig, dass die Schmetterlingspuppen keinen grösseren Temperaturschwankungen ausgesetzt sind.
Stone fing als Gärtner mit zwei Pfund Stundenlohn auf der Farm an, jetzt gehört sie ihm: «Wenn mich jemand fragt, was ich mache, dann antworte ich immer: <Logistik und Inkasso>.» Sein Geschäft läuft nicht überall gleich gut, aber im Allgemeinen ist er zufrieden: «Im Vereinigten Königreich schrumpft der Markt, in Europa ist er stabil, aber in Nordamerika expandieren wir.»
Im Vergleich zu John Stone ist George Goldsteins Geschäftsinteresse an Insekten von eher parasitärer Natur. Er profitiert davon, dass sich andere Menschen vor Insekten fürchten und handelt nicht mit echten Tieren, sondern nur mit gut gemachten Kopien.
Goldstein besitzt in London eine der grössten Scherzartikel-Grosshandelsfirmen Europas (www.jarroy.com), ein offenbar eher antizyklisches Geschäft. «Immer wenn es der Wirtschaft nicht ganz so gut geht, machen wir die besten Umsätze», erzählt Goldstein. «Die Leute wollen dann wenigstens lachen.» Gerade hat er 5000 Kakerlaken nach Istanbul verkauft. Ob die Plastic-Attrappen, die es in einer Tokio-Version und in einer Hongkong-Version gibt, den Türken über ihre Wirtschaftskrise hinweghelfen werden? Jedenfalls sei die Hongkong-Kakerlake besser, weil grösser, ekliger und effektvoller.
So gut wie die klebrigen und im Dunkeln leuchtenden Maden findet Goldstein die Kakerlaken aber nicht. «Grossartig schauen die Fliegen im Eiswürfel aus. Sobald der Ice Cube in einem Getränk schwimmt, ist die Fliege nicht mehr von einer echten zu unterscheiden.» 50 000 dieser Eiswürfel verkauft George Goldstein jedes Jahr. Das Dutzend für 3 Pfund 20. Einen Herzinfarkt habe beim Anblick seiner Scherzinstrumente noch niemand erlitten. «Gott sei Dank!» Aber ganz im Ernst: «Mein absoluter Renner ist immer noch die viertönige Furzmaschine mit Fernbedienung.»
Oz Svihaug geht es schlecht. Dem Einzelunternehmer (www.jumping-beans.com) sind eben gerade 200 000 mexikanische Springbohnen erfroren. 200 000 mexikanische Springbohnen! Das sind 50 Prozent seines Jahresumsatzes.
Svihaug war gerade auf einer Geschäftsreise, als zu Hause in San Diego völlig unerwartet das Thermometer purzelte. Er dachte sich zunächst nichts dabei, denn er war sicher, dass die Heizung in seinem Lager automatisch anspringen würde. Aber dem war nicht so. Im Lager sank die Temperatur stark. Und da waren die Springbohnen sofort hinüber.
Normalerweise lagert der gebürtige Norweger seine Bohnen bei zehn Grad Celsius. «Bei höheren Temperaturen springen die Bohnen sonst nur unnötig hin und her. Ausserdem behalten sie so ihre beste Sprungkraft. Das freut meine Kunden.» Wenn der 73-Jährige über seine Springbohnen spricht, erhält seine Stimme einen beinahe fürsorglichen Ton. Es klingt ein bisschen so, als ob Opa Oz seinem Enkel einige Anekdoten aus seinem Leben erzählen würde. Das ist gut so, denn Kinder sind seine besten Kunden.
Also, Grossvater Svihaug: Warum springt die Bohne? «Die beginnen zu hüpfen, sobald es warm wird. Ab 18 Grad hüpfen sie den ganzen Tag. Klettert das Thermometer über 45 Grad, dann sterben sie.»
Und warum springt die Bohne wirklich? Weil die Bohne eigentlich gar keine Bohne, sondern die Frucht eines Wolfsmilchgewächses (Sebastiana) ist, in der die Larve eines Kleinschmetterlings (Cydia saltitans) sitzt. Eine Larve, die sich wie wild bewegt, sobald es ihr zu warm wird.
Ist das nicht grausam? Nein, denn die Larve ist freiwillig in der Frucht. Zum Essen findet sie dort genügend Samen, durch die Frucht dringt genügend Luft zum Atmen ein, und indem sie sich bewegt, sorgt sie für einen ausreichenden Stoffwechsel. «Wir pinkeln, die springen», sagte einmal ein Physiologieprofessor über die mexikanischen Springbohnen. Allmählich spinnt sich dann die Larve zur Puppe. Nach mehreren Monaten schneidet der Kleinschmetterling ein Loch in die Frucht und schlüpft. Bevor er wegfliegt, bekommt er von Oz Svihaug noch einen Tipp: «Schau dir gut die Welt an, bevor du stirbst.»
Oz Svihaug kauft seine Bohnen für rund 25 Dollar das Kilo jeden Frühsommer in Mexiko ein. Zurück in den Staaten, verkauft er das Kilo für 70 Dollar - wenn es gut läuft. Er hat alle möglichen Agrar-, Gesundheits- und Wirtschaftsministerien angeschrieben, um bestätigt zu bekommen, dass die mexikanischen Springbohnen nicht die Habitate der USA gefährden. «Kein Problem», antworteten die Behörden. Zu schaffen machen ihm jetzt aber die grossen Ladenketten, die gnadenlos die Preise diktieren. «Obwohl ich ihnen grosse Mengen liefere, verdiene ich daran fast nichts», stimmt Oz Svihaug das Unternehmerlamento an. Ausserdem schimpft er noch auf einige zwielichtige Springbohnen-Importeure, die schlechte Ware verkauften und so die ganze Springbohnen-Branche in Verruf brächten.
Er selber bürgt für die Sprungkraft seiner Bohnen. Er hat eigens ein Testgelände gebaut: Auf einem ein Quadratmeter grossen Versuchsfeld müssen die Bohnen mindestens 15 Zentimeter weit springen. Alle, die das nicht schaffen, werden eliminiert. Gnadenlos.
Svihaugs Qualitätskontrolle ist so strikt, dass er oft im Clinch mit seinen mexikanischen Lieferanten liegt. «Die überernten dort unten die Bäume, das ist nicht gut», wirft er den Mexikanern vor, weshalb er jetzt selber Springbohnen-Sträucher anpflanzen möchte. Dann hätte er auch keinen Ärger mehr mit den Briefträgern, die ihm öfter seine Päckchen mit den lustigen Sprunggeräuschen klauen. Und neulich, erzählt Svihaug, sei er auf dem Postamt fast festgenommen worden, als er ein riesiges Paket Jumping Beans versenden wollte. «Sie hatten sich akklimatisiert und begannen zu springen. Plötzlich gingen alle in Deckung. Die dachten tatsächlich, ich hätte eine Bombe dabei.»
Mindestens genauso gefährlich sind die Lutscher der kalifornischen Firma Hotlix. Wer ihre Lollis leckt, schmeckt keine Passionsfrucht, sondern die haarigen Beine eines Insekts (www.hotlix.com). «Cricket-Lick-It» heisst der Renner der Firma - in einer wunderschön goldenen Zuckermasse steckt eine echte Grille am Stiel, wahlweise mit Apfel-, Zimt-, Grapefruit- oder Orangengeschmack. Neben der Grille bietet Hotlix Ameisen-Candy und Wurmlutscher mit Wassermelonengeschmack an. Oder die aromatischen Larven mit Cheddar-Käse und mexikanischen Gewürzen.
Den Anstoss zur Produktion der ausgefallenen Lutscher gab das Smithsonian Institute mit seiner Anfrage, ob man zu einer Ausstellung einen Lolli mit Insekt produzieren könne. Was mit einer schrägen Idee begann, wurde zum erfolgreichen Nischenprodukt: Alleine vom Tequila-Wurm-Lutscher werden weltweit Millionen verkauft. 1 Dollar 25 kostet das Stück, und es ist, wie Larry Peterman, der Chef von Hotlix, versichert, zu 100 Prozent essbar. Also auch die Insekten, die auf der firmeneigenen Wurmranch gezüchtet werden - natürlich mit einer Genehmigung des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums. Und auch die Tierschützer kann Peterman beruhigen: «Die Grillen, Würmer und Larven werden nicht lebend in der Zuckermasse ertränkt, sondern zuvor in eine Art Winterschlaf versetzt.» Erst dann dürfen sie gedippt werden.
Schon bald, verspricht der Chef, werde Hotlix seine Kunden mit einem ganz neuen Produkt überraschen: mit einem Butterfly-Bonbon mit einer eingedippten Blume und einem echten Schmetterling. Der Markt scheint noch längst nicht ausgereizt. Mit ein bisschen Erfindergeist findet hier noch jeder eine Nische. Denn wenn es stimmt, dass heute bereits mehr als 10 000 000 000 000 000 000 Insekten auf unserem Planeten leben, dann steckt in diesen zehn Trillionen vielleicht eine neue New Economy.
Ralf Eibl, freier Journalist, lebt in Berlin.