NZZ Folio 11/04 - Thema: Marken   Inhaltsverzeichnis

Cyberspace -- Ruckelfreiheit

Von Franz Zauner

AUF HALBEM WEG zwischen Sein und Wollen bockt ein kleiner Widerstand. Man nennt ihn Unlust, heisst ihn Schweinehund. Es rührt ihn nicht. Mit einem Ionendisruptor liesse er sich wegpusten. Doch Arbeit ist kein Spiel. Einen Ruck muss man sich geben, einen Anlauf nehmen. Nicht nur hinter dieser Tür, sondern auch hinter jener. Die Überwindung, die das kostet, summiert sich zu der ruckelnden Welt, in der wir leben.

Wie herrlich ist dagegen die Verlockung, die vom Spiel ausgeht. Es braucht keinen Anlauf, um anzufangen. Die Zeit steht freiwillig still, und «jene wunderbare Rührung» stellt sich ein, «für welche der Verstand keinen Begriff und die Sprache keinen Namen hat», wie der passionierte Aleator mit Schiller sagt. Solange das Bild nicht ruckelt! Ruckeln ist ein Signal des Ernstlebens und seiner typischen Anlaufschwierigkeiten: «Hi Leute, habe mir eine Radeon 9200 SE gekauft und betreibe die an einem MSI K7T Turbo Board. Jetzt funzt das Dingens zwar gut, aber Doom 3 sieht aus wie eine Diashow.»

Man soll nun nicht glauben, solche Sorgen plagten nur die wissenden Teilnehmer des Retail-Marktes. Spielen ist eine Volkswirtschaft, das ruckelfreie Blendwerk ein Anliegen der Massen. Doch wie alle Laster bleibt auch dieses ohne Bekenntnis: Obwohl schon mehr Geld für Spiele als für Kinokarten ausgegeben wird, kennen wir uns nur als Opernbesucher. Dem Alltag liegt das Spielen fern wie eine Galaxis. Angesichts seiner hanebüchenen Unwirklichkeit ist das ganz gut. Doch wäre es schlecht, böte unser mausgraues Word ein 3-D-Glitzerinterface mit Head-up-Display? Im Spieleuniversum ist noch das Speichern ein Spiel.

Der kleine Widerstand wäre halb so gross, erschiene er mit Frosch auf dem Kopf und Beinen aus der Schulter. Das stammt nicht aus dem Computerspiel Doom 3, sondern aus den «Versuchungen des heiligen Antonius». Der Ionendisruptor wäre aus X2. Sein Einsatz erfolgte einmal am Tag, für eine ruckelfreie Welt. Der Wiederholungszwang müsste so programmiert sein, dass man sich ihm erst wieder aussetzen darf, wenn die Arbeit erledigt ist.

Sofort verstünde man, wie gut Hieronymus Bosch vor 500 Jahren den Schweinehund getroffen hat: Spielen macht schlau.


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