NZZ Folio 08/93 - Thema: Romandie   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Weg mit den Rivalen

Von Gunhild Kübler

Saal in einem Palais. A, in einem reizenden Négligé, die Haare noch unfrisiert, sitzt vor dem Flügel und phantasiert. Durchsichtig wie ein Phantom erscheint ihr B - eine Figur aus sehr fernen Zeiten.

A:      (steht auf, unruhig) Wie erbärmlich sind doch die Menschen an diesem Fürstenhof! Was fang ich mit Leuten an, deren Seelen so gleich als ihre Sackuhren gehen?

B:      Es ist nicht einfach, an einem Hof zu leben. Ich selbst war dreissig, als ich König wurde, und habe vierzig Jahre lang regiert.

A:      Ich bin des Fürsten Favoritin. Er kann jeden Gelust meines Herzens wie ein Feenschloss aus der Erde rufen. Er setzt den Saft von zwei Indien auf die Tafel, ruft Paradiese aus Wildnissen, lässt die Quellen seines Landes in stolzen Bögen gen Himmel springen oder das Mark seiner Untertanen in einem Feuerwerk hinpuffen. Aber mein Herz hungert bei alledem. Mein Herz, das vielleicht eines Mannes noch wert ist, über welches der giftige Wind dieses Hofes nur wie der Hauch über den Spiegel ging.

B:      Liebt Ihr einen andern?

A:      Ach, wenn ich es aus seinem Munde einmal vernehme, dass Tränen der Liebe schöner glänzen in unsern Augen als die Brillanten in unserm Haar - dann werfe ich dem Fürsten sein Herz und sein Fürstentum vor die Füsse.

B:      Ihr seid sehr mächtig und könntet Euch Eure Wünsche selber erfüllen. Warum macht Ihr es nicht wie ich? Eines Abends, als ich mich auf dem Dach meines Königspalasts erging, sah ich eine Frau sich waschen, und die Frau war von schöner Gestalt. Ich sandte Boten hin und liess sie holen. Und als sie zu mir kam, schlief ich mit ihr.

A:      Der Mann, den ich liebe, liebt eine andere, ein bürgerliches Mädchen.

B:      Das muss kein Hindernis sein. Die Frau, die ich zu mir holen liess, war sogar verheiratet mit einem meiner Untertanen. Er belagerte gerade mit meinem Heer eine feindliche Stadt. Probleme gab es erst, als diese Frau in Abwesenheit ihres Mannes schwanger wurde - von mir.

A:      Himmel!

B:      Ich liess den Mann holen, gab ihm Geschenke und sagte: Geh hinaus in dein Haus und wasch deine Füsse. Aber er ging nicht nach Hause, um bei seinem Weib zu liegen. Er wollte auf freiem Feld schlafen, wie seine Kriegsleute, und es nützte auch nichts, ihn nochmals einzuladen und betrunken zu machen. Ich musste mir etwas anderes einfallen lassen.

A:      Und nun?

B:      Ich schrieb an den Heerführer in einem Brief, er solle den Mann vornehin stellen, wo der Kampf am härtesten ist, so dass er erschlagen werde. Und so geschah es auch. Der Ehemann hat übrigens meinen Brief getreulich dem Heerführer überbracht und so sein Todesurteil selber in die Wege geleitet.

A:      Was für eine Kabale!

B:      Ich musste später büssen für meine Tat.

A:      Aber der Rivale war und blieb tot. Ich will die Bürgertochter einladen, hierher, in diesen Palast. Wird sie kommen? Ah - wie eine Verbrecherin zittre ich schon, die Glückliche zu sehen. Sechzehn Jahr soll sie alt sein. Der erste Puls dieser Leidenschaft! Auf dem unberührten Klavier der erste einweihende Silberton. Nichts ist verführender. Ich will sie herausreissen aus ihrer Unschuld. Ich bin mächtig, Unglückliche - fürchterlich -, so wahr Gott lebt! Du bist verloren!

A geht in heftiger Bewegung ab. B ist schon mit seinen letzten Worten wie ein Nebelhauch verschwunden.

Wer und wer? Lydia D. Morfl und Kid van Gödi!
Auflösung: A ist Lady Milford aus Schillers "Kabale und Liebe" (1784) B ist König David aus dem Alten Testament,
2. Samuel 11. 


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