NZZ Folio 08/97 - Thema: Der Dollar   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Räuberbanden und Sklavenhalter

Von Herbert Cerutti

AMEISEN LEBTEN schon vor hundert Millionen Jahren, damals noch inmitten von Dinosauriern. Heute dürfte es um die zehn Billiarden (10 16) Ameisen geben, verteilt auf mehrere zehntausend Arten. Im brasilianischen Regenwald hat die Ameisenpopulation eine viermal so grosse Biomasse wie alle Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien zusammen. Die Ameisen sind die allgegenwärtigsten Landlebewesen. Warum sind diese Winzlinge so erfolgreich? Den Geheimnissen der Ameisen haben die Biologen Bert Hölldobler und Edward O. Wilson über vier Jahrzehnte ihrer Forschungsarbeit gewidmet: Die 1990 erschienene Monographie «The Ants» wurde rasch zum Fachbuchrenner. Die populäre Fassung «Ameisen - Die Entdeckung einer faszinierenden Welt» macht jetzt auch beim Laienpublikum Furore.

Den Erfolg der Ameisen schreiben Hölldobler und Wilson der extrem wirkungsvollen Kooperation innerhalb der einzelnen Ameisenkolonien zu. Basis der Zusammenarbeit ist eine hochentwickelte chemische Verständigung mittels Pheromonen - Substanzen, die in verschiedenen Körperdrüsen produziert und von den Nestgenossen über den Geschmacks- und Geruchssinn wahrgenommen werden. Diese Signale lösen eine Vielfalt von Verhaltensweisen aus, von Alarmierung und Anlockung bis zu Brutpflege und Fütterung. Ameisen sind also so erfolgreich, weil sie sich gut mitteilen können - eine Eigenschaft, die auch den Menschen zum sozialen Spitzenprodukt werden liess (selbst wenn die Praxis zuweilen Zweifel weckt).

Unter den Ameisen gibt es Völker, die wie ein einziger Superorganismus funktionieren. Als Fortpflanzungsorgan dient die Königin, die bei den Blattschneiderameisen auf dem Hochzeitsflug von einem halben Dutzend Männchen über 200 Millionen Spermien empfängt und lebenslang speichert. In ihrem Nest unter der Erdoberfläche befruchtet sie dann ein Ei nach dem andern - bis zu 14 Jahre lang, was zu einer Gesamtproduktion von 150 Millionen Töchtern führen kann. Diese Arbeiterinnen sind im Superorganismus Gehirn, Herz und Verdauungstrakt. Der rege Austausch von flüssigem Futter innerhalb einer Kolonie funktioniert wie ein Blutkreislauf. Und was der Superorganismus leistet, hält dem Vergleich mit grossen Tieren durchaus stand: Eine Blattschneiderkolonie frisst täglich soviel wie eine ausgewachsene Kuh. In Brasilien ist ein Nest ausgegraben worden mit acht Millionen Arbeiterinnen in über 1000 verschiedenen Kammern. Die beim Nestbau von den Ameisen aus dem Untergrund wegtransportierte Erdmasse schätzte man auf 23 Kubikmeter und auf ein Gewicht von 40 Tonnen - nach menschlichem Massstab eine Leistung ähnlich dem Bau der Chinesischen Mauer.

Das totale Engagement für eine gemeinsame Sache, die fast grenzenlose Loyalität der Arbeiterinnen gegenüber ihrer Kolonie faszinierte die Menschen schon immer. Der «Ameisenstaat» wird als vorbildlich gepriesen, und bereits König Salomon ermahnte einen müssigen Untertanen: «Geh, du Faulpelz, und nimm dir ein Beispiel an den Ameisen.»

Was aber Salomon und selbst neuzeitliche Ameisenbewunderer nicht wussten: Die eindrückliche Kooperation der emsigen Tierchen ist alles andere als selbstlos. Auch bei den Ameisen versucht jedes Individuum den eigenen Genen weiterzuhelfen. So gibt es neben Fürsorge und Loyalität auch sehr viel Lug und Trug bis hin zu tödlicher Gewalt - zwischen verschiedenen Ameisenarten, gegen Artgenossen und sogar innerhalb der Kolonie. Nach Hölldobler und Wilson sind die Ameisen die aggressivsten und kriegerischsten aller Tiere: Ihre organisierten Bosheiten überträfen die Arglist der Menschen; an den Territorialgrenzen benachbarter Kolonien herrsche ständige Bedrohung; mit unablässigen Scharmützeln werde das Nachbarvolk geschwächt und falls möglich vernichtet.

Im Süden der Vereinigten Staaten stehen sich die Feuerameise Solenopsis invicta und die Waldameise Pheidole dentata in ständigem Kampf gegenüber. Obwohl die Kolonien der Feuerameisen hundertmal grösser sind, weiss die Pheidole sich zu wehren: Eine spezielle Soldatenkaste mit scharfen Kiefern steht wie eine Schnelleinsatztruppe wartend herum. Sobald eine Pheidole-Arbeiterin in der Umgebung ihres Nestes auf eine einzelne Feuerameise trifft, nähert sie sich dem Feind, bis sie ihn kurz berühren kann, und eilt dann mit dem feindlichen Geruch am Körper zurück ins Nest. Auf dem Weg nach Hause legt die Späherin aus ihrer Giftdrüse eine Duftspur.

Der Feindgeruch, kombiniert mit einem Alarmpheromon, versetzt die Kolonie sofort in helle Aufregung. Entlang der Duftspur wird der Fremdling aufgespürt, eingekreist und exekutiert, indem die Kiefer der Soldaten der Feuerameise wie mit Drahtscheren Kopf und Beine abtrennen. Und noch stundenlang suchen die Pheidole-Krieger nach weiteren Feuerameisen. Denn gelingt es einer Feuerameise, den Standort des Pheidole-Nestes der eigenen Kolonie zu melden, ist es um die insgesamt schwächeren Pheidoles schlecht bestellt. Innert Minuten machen Heerscharen von herbeiströmenden Feuerameisen den Ort zum Schlachtfeld. Mit ihrem Gift töten sie jede Pheidole, derer sie habhaft werden können. Bald ist der Boden mit den Kadavern der glücklosen Soldaten übersät, vermischt mit den abgehackten Körperteilen der zwischen die Kiefern geratenen Feuerameisen.

Beim Kampf geht es immer um Land oder Futter. Beliebtes Opfer in der Wüste von Arizona sind die Honigtopfameisen, die ihren Hinterleib prall mit zuckerhaltigen Pflanzensäften füllen. Obwohl viel kleiner, gelingt es der wendigen Ameise Forelius pruinosus, mit Hilfe giftiger Sekrete die Honigtopfameise zu überwältigen und das Futter zu rauben. Conomyrma bicolor, eine weitere Ameise im Südwesten der USA, kommt mit einer anderen Taktik zu den Süssigkeiten. Sie hindert mittels chemischer Bedrohung die Honigtopfameise am Verlassen des Nestes und plündert dann ungestört die Futterquellen der Umgebung. Die Belagerer packen sogar mit ihren Kiefern Steinchen und bombardieren damit die Eingangsschächte der Opfer. Stehen Ameisen hoffnungslos einem übermächtigen Angreifer gegenüber, kann die optimale Taktik der Kamikaze-Tod mit gleichzeitiger Vernichtung möglichst vieler Feinde sein. So tragen Arbeiterinnen einer Camponotus-Art in den Regenwäldern Malaysias zwei riesige, mit giftigen Sekreten gefüllte Drüsen im Leib. In arger Bedrängnis zieht die lebende Bombe die Bauchmuskeln so heftig zusammen, dass die Körperwand platzt und das freiwerdende Gift den Feind bespritzt.

In den Schweizer Alpen lebt die Ameise Teleutomyrmex schneideri als raffinierter Parasit. Sie hat es fertiggebracht, mit ihren chemischen Signalen den Nestgeruch von Tetramorium caespitum zu imitieren, und wird deshalb nicht als Fremdling erkannt. Die betrügerische Ameisenart hat keine eigenen Arbeiterinnen, und die Königinnen lassen sich vollständig von den Arbeiterinnen der Wirtskolonie betreuen und füttern. Die relativ kleinen Schmarotzerinnen klammern sich mit Vorliebe am Rücken der fremden Königin fest, oft bis zu einem halben Dutzend auf demselben Tier, wobei die Parasiten dank ihrem stark nach innen gewölbten Hinterleib perfekt auf den fremden Rücken passen. Noch vor dem Huckepack von den eigenen Männchen befruchtet, produzieren jetzt die Betrügerinnen mit ungeheurer Fruchtbarkeit jede Minute zwei Eier und bringen mit ihrer Brut die Wirtskolonie an den Rand des Ruins.

Ameisen können auch Sklavenhalter sein. So überrennen gewisse Honigtopfameisen schwächere Kolonien, bringen deren Königin um und entführen die fremden Arbeiterinnen ins eigene Nest, wo die Geraubten als Sklaven schuften müssen.

Eine Ameisenart in Wyoming hält sogar gleichzeitig Sklaven mehrerer Arten, ähnlich wie der Mensch über verschiedenes Nutzvieh verfügt. Die Sklavenkaste erledigt dann - jede Art gemäss ihrem spezifischen, angeborenen Verhalten - eine Vielfalt von Aufgaben, von der Verteidigung des Nestes bis hin zur Fütterung der Brut.

Dass der Ameisenegoismus selbst vor der eigenen Familie nicht haltmacht, hat unlängst eine Forschergruppe der Universität Lausanne an der Ameisenart Formica exsecta aufgezeigt. Das Biologenteam untersuchte gegen 60 Kolonien und fand, dass in manchen Ameisenstaaten die Arbeiterinnen fast die Hälfte ihrer Brüder aus dem Weg räumen, indem sie sie kurzerhand fressen. Eine Erklärung für dieses Verhalten lieferte die molekularbiologische Untersuchung des Verwandtschaftsgrades: Ameisenarbeiterinnen stammen jeweils aus befruchteten Eiern, während zur Produktion der Männchen die Königin unbefruchtete Eier verwendet. Die Arbeiterinnen tragen deshalb je zur Hälfte das Erbgut von Vater und Mutter; die Männchen aber haben ausschliesslich Gene der Mutter. Da also die Arbeiterinnen untereinander genetisch näher verwandt sind als mit ihren Brüdern, sind sie eher am Fortkommen der Schwestern interessiert.

Brudermord konnte nur in Kolonien festgestellt werden, wo sich die Königin mit einem einzigen Männchen gepaart hatte; die Schwestern waren hier also besonders eng verwandt. Kopulierte die Mutter jedoch mit mehreren Männchen, gab es in der Kolonie viele Halbschwestern. Mit dem geringeren Verwandtschaftsgrad sank auch prompt die Aggression der Töchter gegen die Brüderschar.


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