NZZ Folio 08/92 - Thema: USA Asheville   Inhaltsverzeichnis

Portrait -- Donald M. Hess, Go-between

Von Silvia Hofmann

Dreissig Jahre lang hat er sich erfolgreich bedeckt gehalten, der Berner Unternehmer Donald M. Hess, 56, und hat sich im stillen ein Imperium aufgebaut. Kaum ein Interview, kaum ein ausführlicher Bericht hat die Neugier der Medien oder der Öffentlichkeit geweckt und befriedigt. Dabei gehören Hess ein gutes Dutzend Restaurants in Bern und Umgebung, das Restaurant und die Fischzucht Blausee, die Valser St. Petersquelle sowie über eine Subholding in den Niederlanden ein kalifornisches Weingut und ein Kunstmuseum als Ausstellungsort der eigenen Sammlung.

Mit dieser nicht unbeabsichtigten Diskretion ist Hess in der Schweiz gut gefahren in den USA, dem Medienland schlechthin, stiess er damit an Grenzen. Als es um die Vermarktung seiner naturnah produzierten Weine ging, musste er schleunigst einen Satz lernen: «Tue Gutes und rede darüber.» Das ging ihm erst einmal gewaltig gegen den Strich, aber nach ungefähr 150 Interviews fühlt er sich gegen alles gefeit. Er scheint sogar Geschmack daran zu finden, über sich selber zu reden. Ein Stichwort genügt, und schon sprudelt es aus ergiebiger Quelle.

Wir sitzen im obersten Stock der ehemaligen Steinhölzli-Mälzerei, eines schweren, den Berner Patrizierhäusern nachempfundenen Baus. Heller Sandstein, hohe Fenster und sattrote Fensterläden. Das Büro von Donald Hess ist bürgerlich-behaglich. Offenes Cheminée, hellbraune Corbusier-Ledergruppe, unverputzter Stein, weiss gestrichene Balkendecke und ein Schreibtisch mit dicker Eichenplatte vor einem schmalen Sideboard, auf dem wie zufällig angesammelte Gegenstände und Kunst stehen. Kein Computer, der braunlederne Aktenkoffer steht auf dem Boden, geschlossen. Donald Hess ist gross gewachsen, sein blondes Haar leicht gelichtet und mit Grau durchzogen, seine Gesichtszüge sind klar und offen, die Wangen rosig. Wenn Hess ungeduldig ist, wird sein Mund gerade und schmal.

Hess ist ein leidenschaftlicher Sportfan, in Charly Bühlers legendärem Boxkeller gehört er zur Stammkundschaft. Seine Frau Joanna, Amerikanerin, einst Journalistin bei «Vogue» und Trendforscherin für die Farbabteilungen grosser Chemiefirmen, hat Donald Hess am Rande eines Boxkampfs in London kennengelernt. Früher mussten Manager, die in seine Dienste treten wollten, gegen ihn in den Ring steigen.

Letzten Sommer hat sich Donald Hess aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Jetzt pendelt er im Flugzeug zwischen Bern, London (offizieller Wohnsitz) und dem Weingut in Kalifornien hin und her. «Bis zum letzten Jahr bin ich noch neun- bis elfmal für kürzere oder längere Zeit in Kalifornien gewesen. Jetzt läuft der Laden, und ich fliege nur noch etwa sechsmal hin.» Direktoren, von Hess auf Herz und Nieren geprüft und auf Qualität getrimmt, führen die einzelnen Tochtergesellschaften der Hess Holding. Hess betrachtet sich als Ziehvater: «Ich erarbeite mit einem guten Mann zusammen das ganze Geschäft über Jahre hinweg - dann soll er selbständig schalten und walten können», erklärt er sein Führungscredo. Zwei Fehler will er auf keine Fall machen: Erstens branchenfremden Managern das Zepter überlassen oder sich Managern anvertrauen, die ihr Business schematisch und lehrbuchmässig betreiben - was zu seinem Erstaunen in den USA gang und gäbe ist; zweitens seine «Kinder» nicht loslassen können. «Leider haben wir in der Schweiz einige schlechte Beispiele», sagt Donald Hess, selbstverständlich ohne Namen zu nennen.

So hat Hess in Abständen den Kopf frei für Neues. Auch jetzt wieder. Ein Naturprodukt soll es sein. Verraten wird noch nichts, doch ist Hess natürlich fest überzeugt, dass es genauso erfolgreich sein wird wie die anderen Produkte, die unter seinem Namen firmieren. Der Cabernet Sauvignon und der Chardonnay aus der «Hess Collection Winery» erzielen bei Weindegustationen regelmässig höchste Punktzahlen. Dabei kam die erste Flasche gerade vor rund fünf Jahren auf den Markt. Klar: Donald M. Hess würde sich niemals mit Mittelmässigem zufriedengeben.

Der hohe Anspruch hat freilich nicht damit zu tun, das Hess das schweizerische Gütesiegel auf der Stirn trüge. Die familieninterne Dynamik ist es, die aus ihm die erfolgsträchtige Mischung von Abenteuerlust, Pioniergeist, Flexibilität, Qualitätsbewusstsein und Hartnäckigkeit machte. Sicher hätte die Welt von einem Donald M. Hess auch dann erfahren, wäre er Polarfoscher oder Seidenhändler geworden.

Donald Marc Hess wurde 1936 in Bern geboren. Seine Mutter, Louise McNeir, ist New Yorkerin schottischer Abstammung; Vater Hector Albert Hess, Bierbrauer in der achten Generation, Besitzer der Steinhölzli-Brauerei und Beizenkönig, hatte sie in Saanenmöser beim Skifahren kennengelernt. Die Verbindung war indes keine glückliche: Als der kleine Donald sieben Jahre alt war, kehrte die Mutter in die USA zurück, und die englische Muttersprache wurde langsam verdrängt (doch niemals vergessen) vom Französisch des welschen Kindermädchens Cécile, in das sich Donald - glücklicherweise, wie er sagt - sogleich verliebte.

Der Vater pflegte eine autoritär-distanzierte Beziehung zu seinem Sohn. «Er wollte bei den Mahlzeiten immer nur wissen, wie es in der Schule geht. Ich mochte diese Gespräche gar nicht, denn ich war ein miserabler Schüler», erzählt Donald Hess.

Der Vater selber war alles andere als ein braver, angepasster Schweizer Bürger. Dauernd stand er wegen irgendwelcher Vorschriften im Clinch mit dem Gewerbeinspektorat; überhaupt war es ihm in der Schweiz zu eng. Er setzte sich mehrmals pro Jahr nach Marokko, nach Tanger, ab, wo er ein Hotel betrieb. In Tanger starb Vater Hess, völlig überraschend, und der knapp zwanzigjährige Donald musste das Bierbrauerstudium in München abbrechen, um seinen Platz als Erbe und Nachfolger anzutreten.

Donald Hess zieht an seiner Pfeife, lehnt sich in den Sessel zurück und lacht: «Mein Vater hätte besser mit mir übers Geschäft geredet als über die Schule. Ich hatte buchstäblich keine Ahnung davon. Mein Schwager stand mir zur Seite - aber sonst musste ich alle Fehler zuerst selber machen.»

Nach einem halben Jahr tätigte Hess einen ersten Deal: Er verkaufte ein Weingut im Waadtland. Abends legte er sich zufrieden ins Bett. «Plötzlich wurde mir heiss und kalt», erzählt Hess heute. «Ich hatte eine eiserne Regel meines Vaters missachtet: Man darf alles verkaufen, nur Grundbesitz nicht.»

Aber der Handelsschulabsolvent erwies sich als äusserst lernfähig. 1961 kaufte er die Nutzrechte der Valser St. Petersquelle und kopierte das amerikanische Marketingkonzept von Colgate Palmolive: Vertriebssystem auf Franchisebasis. Damit gelang es Hess, den gesättigten Getränkemarkt in der Schweiz zu knacken und das Valser Wasser mit einem Marktanteil von heute rund 20 Prozent zu etablieren. Am Bierkartell biss er sich allerdings die Zähne aus. 1986 verkaufte er die Steinhölzli-Brauerei, die nur noch als Vertriebsgesellschaft bestand, an Cardinal. Donald Hess zog Bilanz und war noch nicht zufrieden. «Im Grunde», so sagt er, «hatte ich es damals nicht weiter als mein Vater gebracht.»

Hess war vierzig, als er sich entschloss, noch etwas völlig Neues zu wagen. Den Anstoss dazu gab seine Frau Joanna: «Sie lud mich eines Abends zum Essen ein und sagte mir: Donald, du wirst immer schweizerischer. Tu endlich was.» Mit «schweizerisch» meinte sie nicht unbedingt etwas Positives.

Man überlegte, suchte, explorierte. Afrika? Australien? Südamerika? Nein. Amerika, dass musste es sein. Mutterland. Und auch etwas, was Mutter Erde hergibt. Holz? Gerste?? Nein, eine Mineralquelle! Und dies im goldenen Westen. Wie weiland die Pioniere bereiste Donald Hess mit einem Mitarbeiter wochenlang das Hinterland der amerikanischen Westküste, von Nord nach Süd. Doch das Wasser der einzigen Quelle, die in Frage kam, schmeckte bitter. Sie lag im Napa Valley, und die beiden Männer spülten ihre Enttäuschung am Abend mit zwei Flaschen Wein aus der Gegend hinunter. Der war besser als vermutet und der Entschluss rasch gefällt.

Freundlich sind die Menschen hier; sie gehen auf einen zu, erfolgreich zu sein und Vermögen zu haben ist etwas Gutes und wird nicht wie in der Schweiz mir Argwohn betrachtet. Begeisterungsfähig sind sie, offen für neue Ideen. Man steht nicht dauernd unter Zwang, Tiefsinn und Ernst zu erzeugen. Einige Klischees treffen zu, andere nicht. Bürokratie wird in Kalifornien grossgeschrieben. Die Arbeiter bauen hingegen so präzis wie Schweizer und sind sogar leichter zu motivieren. Für Donald Hess wurde Amerika zum Kontrastprogramm, ganz ähnlich wie es Tanger für seinen Vater gewesen war. Der Alltag im kleinen Land hingegen macht ihn oft freudlos, missmutig.

Die Ausstellung seiner Stiftung «Kunst heute» im Steinhölzli-Gebäude hat Donald Hess geschlossen. Nur weil er mehr Büroräume brauchte? «Was will der sich hier auch noch ein Denkmal setzen mit seiner Kunst», hatte er rumoren gehört. So stellt er einen Teil seiner Sammlung hochkarätiger Kunstwerke von Bacon bis Raetz in der kalifornischen Winery aus. Exquisite Weine und fine arts - eine Kombination, die gefällt. Im übrigen finanziert er an amerikanischen Universitäten mehrere Projekte, beispielsweise eine bessere Ausbildung für Zeichenlehrerinnen und -lehrer. Mit dem Hoover Institute plant er eine Art Weisenrat, der - analog zu Schmidheinys Unternehmerrat - Ideen zur Rettung unseres Planeten entwickeln soll. Global denken, die Grenzen der Nationalstaaten sprengen: Für Donald Hess ist das eine Überlebensfrage.

Er musste schon als Kind beim Eishockeyspiel Schweiz - USA beide Mannschaften bejubeln, wenn ein Goal fiel.


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