Ich lache eigentlich von Herzen gern, aber als ich einmal in einem afrikanischen Dorf lebte, wurde schon der blosse Klang von Gelächter für mich zu einem Schreckgespenst, denn in der Regel kündigte es die Ankunft meiner duuse an. Die duuse sind eine Gruppe von ganz entfernten Verwandten, mit denen man tagein, tagaus von morgens bis abends scherzen muss, und ich war in den zweifelhaften Genuss dieser neuen Verwandten gekommen, weil ich mich von einem Dorfbewohner hatte adoptieren lassen.
Seine duuse waren nun auch meine duuse, und niemand hatte es für nötig befunden, mich vor den grauenhaften Folgen dieser Adoption zu warnen. Seinen duuse darf man niemals böse sein, selbst wenn sie um zwei Uhr nachts in volltrunkenem Zustand in die Hütte einfallen, sich an Hab und Gut und Tabak vergreifen, der Ehefrau auf den Hintern klopfen, den Wasserkrug umschmeissen und das Mobiliar zertrümmern – man darf sich nicht das Geringste anmerken lassen, geschweige denn wütend werden. Sie stehen einfach in der Hütte herum und kichern und reden rückwärts oder sinnverdreht. Wenn sie zur Tür hereinkommen, brüllen sie «Auf Wiedersehen!» und hauen ihrem Gastgeber auf die Schenkel, und wenn sie, nachdem sie die letzte Zigarette geschnorrt haben, endlich wieder von dannen ziehen, rufen sie «Hallo!». Es ist, als unterhielte man eine permanente Verbindung zu einer privaten Gruppe von Fussballhooligans, die jederzeit aufkreuzen können. Die duuse gehören zu jenen von den Ethnologen so geliebten Scherzbeziehungen, wo die Anomalie der sozialen Beziehung sich im Verhalten niederschlägt – aber im wirklichen Leben sind sie schlichtweg der totale Albtraum.
Nach dem hemdsärmelig randalierenden Humor dieses afrikanischen Dorfes muteten mich die überaus höflichen und verbindlich lächelnden Gesellschaften Indonesiens wie eine Erlösung an, nur dass ich dort als besonders peinlich und ungeschlacht auffiel, wo immer ich meinen Fuss hinsetzte.
Eines Tages hatten meine indonesischen Freunde ein Treffen mit dem mächtigsten und meistverehrten Mann in der Stadt arrangiert, es handelte sich um einen muslimischen Kleriker. Ich wurde in meinen Sonntagsornat gesteckt und bemühte mich meinerseits um tadelloses Benehmen, verbeugte mich fleissig und sprach in respektvollem Flüsterton und ausschliesslich über Themen, die keinerlei Anstoss erregen konnten. Ich hatte meine Schuhe abgelegt und hielt stets höflich die Füsse untergeschlagen. Umringt von seinen lächelnden Getreuen, liessen wir uns nieder, Kaffee wurde gebracht, und ich vergass nicht einmal, den Kaffee unberührt stehen zu lassen, bis ich nicht mehrfach von meinem Gastgeber gedrängt worden war, ihn zu trinken.
«Sage mir», fragte er plötzlich mit stechendem, schulmeisterlichem Blick, «warum singen wir Muslime in unseren Moscheen keine Kirchenlieder mit Orgeln und allem Drumherum, so wie ihr Christen?» Ich murmelte eine ebenso schwammige wie dümmliche, aber ökumenisch vertretbare Antwort über die schlichte Unmittelbarkeit des islamischen Gottesdiensts, die er mit einer Handbewegung beiseite fegte. «Nein», sagte er. «Das ist es nicht. Wir haben nicht die Zeit dazu. Wir brauchen die Zeit, um unsere eigenen Sandalen wiederzufinden, wenn wir die Moschee verlassen.»
Wir starrten einander einen Augenblick lang unverwandt in die Augen, dann brach er in schallendes Gelächter aus, und auch seine Getreuen kreischten und schlugen sich auf die Schenkel. Es war ein Witz gewesen! Und ganz offensichtlich hielten es alle für einen ausgesprochen witzigen Witz, um nicht zu sagen: für den besten Witz auf der Welt. Sie kicherten noch zwanzig Minuten später, und als ich meine Schuhe anzog, bogen sie sich erneut vor Lachen.
Das Lachen mag ein universales menschliches Phänomen sein, Witze sind es offenbar nicht. Sie sind vielmehr unübersetzbar, oder genauer: Je mehr man daran übersetzen muss, desto weniger lustig sind sie, weil sie in einer Millisekunde die Erfahrungen und Grundannahmen eines ganzen Lebens zusammenfassen. Humor ist eine Art explosive Verdichtung, ein geistiger Kurzschluss, der uns einen raschen Blick auf das erlaubt, was normalerweise unter der Oberfläche des Alltäglichen und Vertrauten verborgen bleibt.
Aber ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht, denn manche Witze sind, bei minimalen kulturellen Anpassungen, tatsächlich auf der ganzen Welt beliebt. Zum Beispiel die Idiotenwitze. Die meisten Völker haben irgendeine Gruppe von Leuten, über die sie sich lustig machen. Bei den Briten sind es die Iren. Bei den Amerikanern die polnischen Einwanderer. Bei den Dänen sind es offenbar die völlig arglosen Bewohner der Stadt Århus. Aber die Witze sind bei allen dieselben. In Kopenhagen braucht man also zwanzig Århusianer, um eine Glühbirne auszuwechseln. Einen, um die Birne festzuhalten, und neunzehn, um den Tisch, auf dem er steht, herumzudrehen.
Manche Witze sind sogar zeitlos. All die alten und sinnlos gewordenen Witze aus den Tagen des Kalten Kriegs sind nicht tot und vergessen. Sie sind vielmehr wie ausgemustertes Heeresgut entstaubt und rezykliert an Orten wie Afghanistan wieder im Einsatz. Geht ein Mann in Kabul auf den Markt, um Unterwäsche zu kaufen. «Entschuldigung», sagt er zum Verkäufer, «gibt es hier keine Unterwäsche?» Der Standbesitzer schüttelt den Kopf. «Nein, keine Unterwäsche kriegen Sie nebenan. Hier bekommen Sie nur keine Mäntel.»
Und wo immer es kulturelle Unterschiede gibt, gibt es auch Witze, mit denen man die sozialen Spannungen abbauen oder anheizen kann, je nachdem, ob man die Witze über sich selbst oder über seine Nachbarn erzählt. Und was täten wir lieber als über die Nachbarn reden? Viele Witze brodeln förmlich vor Aggression und Stereotypen. Auf dem Markt in Nigeria wurde ich immer wieder gefragt: «Wer sind die knauserigsten Menschen der Welt? Weisse Männer. Warum? Sie werfen noch nicht einmal ihr Geschneuztes weg, sondern tragen es in einem Tuch nach Hause für ihre Frau.»
Auf ganz ähnliche Weise macht man sich in Malaysia über die reicheren Nachbarn in Singapur lustig. Ein Mann aus Singapur fährt über den Damm nach Malaysia und hat mit seinem wunderschönen neuen BMW einen Unfall. Da steht er nun am Strassenrand und jammert und heult um seinen Wagen. Kommt ein Polizist vorbei. «Warum machen Sie ein solches Theater um Ihren Wagen?», fragt der konsternierte Beamte. «Sie sollten sich lieber um Ihren Körper kümmern, Sie haben ja einen Arm verloren.» Der Singapurer schaut schockiert an sich herunter. «Einen Arm? Einen Arm verloren? O Gott, meine Rolex!»
Auf der anderen Seite des Damms, im keimfreien und durchreglementierten Singapur, werden vor allem Witze über das neueste Regierungsprojekt namens Newater gerissen. Im Interesse der wirtschaftlichen Unabhängigkeit soll künftig der ganze Urin der Stadt in Trinkwasser zurückverwandelt werden, und die Karikaturisten machen sich einen Sport daraus, Durchreisende zu zeichnen, die vor Verlassen des Landes «ihre Tanks entleeren» müssen, so wie die singapurischen Autofahrer von Gesetzes wegen ihre Tanks nicht mit billigem malaiischem Benzin füllen dürfen, bevor sie nach Hause zurückkehren.
Die Briten brüsten sich gerne mit ihrem besonderen Sinn für Humor. Sie seien vielleicht nicht unbedingt die reichste und auch nicht die mächtigste Nation auf Erden, aber sie hätten gewiss das grösste Talent, die Dinge von ihrer komischen Seite zu betrachten. Diese Selbststilisierung dürfte durch die Veröffentlichung des Laughlab-Experiments endgültig widerlegt worden sein. Es handelt sich um ein einjähriges, an einer britischen Universität durchgeführtes Forschungsprojekt, bei dem Leute aus aller Welt ihre eigenen Lieblingswitze einsenden und die Witze der anderen Teilnehmer auf ihre Lustigkeit hin beurteilen durften. Aus wissenschaftlicher Sicht ist dieses Projekt ein schlechter Witz. Denn aus praktischen Gründen wurde die «Welt» hier auf jenen Teil des englischsprachigen Westens zurechtgestutzt, der über einen Internetanschluss verfügt. Keiner der untersuchten Witze ist auch nur entfernt obszön oder politisch anstössig – womit ein Grossteil der freilaufenden Witze dieser Welt von vornherein ausgeschlossen worden sein dürfte. Es gehört nämlich wie bei meinen duuse zum Wesen von Witzen, dass sie anecken.
Nichtsdestoweniger hat die Studie den «lustigsten Witz der Welt» zutage gefördert, der allen Menschen, unabhängig von Kultur, Geschlecht und Alter, gefallen soll. Und der geht so: Zwei Jäger aus New Jersey streifen durch den Wald. Plötzlich stürzt einer von beiden zu Boden. Er scheint nicht mehr zu atmen, und die Augen sind nach oben verdreht. Greift sein Kumpel zum Handy und ruft den Notdienst an. «Mein Freund ist gerade gestorben», kreischt er ins Telefon, «was soll ich tun?» Die Stimme am anderen Ende versucht ihn zu beschwichtigen: «Bleiben Sie ganz ruhig. Verlassen Sie sich auf mich. Zuerst einmal müssen wir sicher sein, ob er auch wirklich tot ist.» Einen Moment lang bleibt es still, dann fällt ein Schuss. Die Stimme des Jägers meldet sich zurück und sagt: «Das hätten wir. Und jetzt?»
Die Studie fährt natürlich mit einer Menge gewichtigem Psychogebrabbel ihrer akademischen Erfinder auf. «Wir finden Witze aus vielen Gründen lustig – sie können uns ein Überlegenheitsgefühl über andere vermitteln, die emotionale Wirkung angstauslösender Ereignisse verringern, oder sie verblüffen uns durch eine Inkongruenz. Der Witz mit den Jägern enthält alle drei Elemente: Wir fühlen uns dem einfältigen Jäger überlegen, wir bemerken die Unangemessenheit seiner irregeleiteten Reaktion auf die Frage des Nothelfers, und zuletzt hilft uns der Witz, über unsere eigenen Ängste vor unserer Sterblichkeit zu lachen.»
So weit, so nichtssagend und belanglos. Aber halt! Es sind ja nicht einfach nur Jäger, es sind Jäger aus New Jersey. Warum eigentlich? Ich rief einen amerikanischen Freund an. «Der Witz ist verhunzt worden», beklagte er sich tief betrübt. «So wie ich ihn kenne, kommen die Jungs nicht aus New Jersey, sondern aus New York, Grossstadtgimpel in der Wildnis, die sich als Jäger aufspielen, aber von Kimme und Korn keine Ahnung haben. Wenn man das zugrunde liegende Stereotyp nicht mehr erkennen kann, ist es ja überhaupt nicht mehr witzig. Sie haben den Witz ruiniert, indem sie ihm die aggressive Spitze genommen haben.» Und dann fügte er noch hinzu: «Aber ich für meinen Teil finde Witze über den Tod überhaupt nicht lustig.»
So dürfen wir fast sicher sein, dass irgendwo in Kopenhagen ein paar Leute in einer Bar hocken und einer zum anderen sagt: «Kennst du schon den von den zwei Jägern? Nein? Gut. Es waren zwei Jäger aus Århus . . .»
Nigel Barley , Ethnologe, ist Kustos für Nord- und Westafrika am British Museum; er lebt in London.