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Das Debakel zu Delphi
Wer in der Antike vor einer wichtigen Entscheidung stand, wandte sich an ein Orakel. Doch statt Rat erhielt der Fragende bloss Rätsel.
Von Rebecca Lämmle und Katharina Wesselmann
Von jeher versucht der Mensch, in die Zukunft zu blicken. Und von jeher ringt er um Zeichen, die sie ihm erschliessen sollen. Wer je im Meer der Ungewissheit geschwommen ist, wer je den Pfeilen und Schleudern des wütenden Geschicks zu entgehen suchte, der weiss, wie teuer guter Rat ist.
In den antiken Kulturen sind es die Götter, die Zeichen senden. Aber Zeichen müssen interpretiert werden, und nur wer inspiriert ist, kann sie empfangen und zuverlässig deuten. Inspiriert sind nur wenige; sie heissen manteis, Seher. Der Begriff des mantis ist mit der indoeuropäischen Wurzel für Denkkraft (mental) verbunden und verwandt mit mania, dem Wahn. Diese Verwandtschaft ist kaum zufällig, denn in der Regel ist der Inspirierte in entrücktem Zustand, wenn er Zeichen empfängt und kundtut. Es galt also, einen Seher zu haben, der Omen als solche erkennen und deuten konnte: einen Vogelschrei, einen Kometen, ein Stolpern, die Farbe der Opfertierleber oder den Grad von Freiwilligkeit, mit dem das Opfertier zum Altar trottet.
Eine andere Möglichkeit, göttliche Vorhersage zu erhalten, war der Besuch eines Orakels. Die Orakelstätte, manteion oder chresterion genannt, war ein Heiligtum, in dem ein Gott den Ratsuchenden seine Dienste anbot. Orakel gab es zahlreiche und unterschiedliche. Dass sich Dodona, das Zeus-Heiligtum in Epirus (über dessen sonst unbekannte Priester berichtet Homer, dass sie ihre Füsse nicht wuschen und auf dem nackten Erdboden schliefen), als ältestes Orakel anpries, dürfte ein PR-Trick gewesen sein, war doch der Konkurrenzkampf im Beratungsgeschäft so gross wie heute. Kein Orakel aber war erfolgreicher als jenes zu Delphi. Hier sprach Apollon durch das Medium der Pythia, einer als junges Mädchen verkleideten Priesterin, die ihr Leben dem Gottesdienst und – meistens – der Keuschheit verschrieben hatte. Der Gott prophezeite ursprünglich nur einmal pro Jahr, doch war das Orakel bald so gefragt, dass in seiner Blütezeit täglich Orakel gegeben wurden und bis zu drei Pythien (zwei aktiv, eine in Reserve) gleichzeitig im Einsatz waren.
Pythia zu sein, war kein Leichtes. Zunächst galt es zu klären, ob Apollon überhaupt befragbar sei: Eine Opferziege wurde mit kaltem Wasser besprengt. Fröstelte die Ziege, durfte die Pythia fortfahren, sich reinigen, läuterndes Wasser trinken und in einer bestimmten Quelle baden. Zu den Vorbereitungen gehörte weiter das Räuchern des Tempels mit Lorbeer. Dann wurden die Ratsuchenden zur Kasse gebeten (es wird auch berichtet, dass man die Pythia bestechen konnte). Nachdem sie ihre Gebühren bezahlt und ihrerseits Opfer entrichtet hatten, betrat die Pythia den innersten Tempelraum, setzte sich auf einen Dreifuss (einen Kessel mit Deckel) direkt über einem chasma (Erdspalt), und liess sich von den Dämpfen, die aus dem Kessel aufstiegen, in eine Trance versetzen, in der sie zum Sprachrohr Apollons wurde. Ihre Antworten, den Ratsuchenden unverständlich, wurden dann von den anwesenden Priestern in griechische Hexameter übertragen.
Und mit diesen – gewöhnlich deutungsoffenen – Hexametern wurden die Ratsuchenden zurück zu ihrem Problem geschickt; seltener mit einem Rat als mit einer Art Diminutiv davon, einem Rätsel.
Wenn man eine Entscheidung treffen soll, deren Konsequenz erst dann sichtbar wird, wenn sie getroffen ist, ist es eine Wohltat, jemanden um Rat zu fragen, der die Zukunft kennt. Dumm nur, dass das Orakel bestenfalls sagt, was zu tun oder zu lassen sei, selten aber, warum – und nie, was letztlich sein wird. Und was es sagt, sagt es in verrätselter Form. Dennoch scheint die aufwendige delphische Zeremonie – die fröstelnde Ziege, der glühende Lorbeerzweig, die hohe Taxe, der über dem aufsteigenden Dampf zitternde Dreifussdeckel, die Trance der gebadeten Keuschen – den Ratsuchenden die Zuversicht einzuflössen, die man gern hätte, wenn man sich entscheiden soll.
Es sind nicht die alltäglichen Erfolgsgeschichten, die das delphische Orakel nachhaltig berühmt gemacht haben. Bereits in der Zeit, als das Orakel als Institution eine Selbstverständlichkeit war, erzählte man sich Geschichten, in denen dem Orakel misstraut wird (Sokrates und Kroisos) oder in denen Orakelsprüche Rätsel sind, die nicht gelöst werden können oder eben doch gelöst werden, aber falsch und mit verheerender Konsequenz (Kroisos und Pyrrhus), und Geschichten, in denen ein Rätsel richtig gelöst wird, die Lösung aber nur das Ausmass der Katastrophe erkennbar macht, die ohnehin gedroht hatte (Ödipus).
Sokrates: Gescheit, aber gescheitert
Ein etwas unglücklicher Versuch, ein Orakel des delphischen Apollon zu enträtseln, ist von Sokrates überliefert. Sein treuer Jugendfreund Chairephon hatte in Delphi angefragt, ob irgendjemand weiser sei als Sokrates. Niemand sei weiser, antwortete das Orakel.
Sokrates, berüchtigt für die nervtötende Angewohnheit, seine Zeitgenossen zu prüfen und der Unwissenheit zu überführen (und dabei in besserwisserischem Ton zu beteuern, er selber wisse nur, dass er nichts wisse), kann es nicht lassen, auch diesen Orakelspruch zu prüfen. «Was meint wohl der Gott?» fragt er sich, «und was ist der Sinn seines rätselhaften Ausspruchs? Denn ich bin mir doch weder im Grossen noch im Kleinen einer besonderen Weisheit bewusst.» Das klingt bescheiden, durchaus, und gottesfürchtig: Sokrates ist klar, dass er in irgendeiner Weise der Weiseste sein muss, denn Apollon «lügt doch nicht; denn das ist ihm nicht erlaubt».
Und so schreitet er los zur Prüfung, die ihn letztlich das Leben kosten wird. Er sucht Männer auf, die als weise gelten, prüft sie und vergleicht sie mit sich. Er beginnt bei einem herausragenden Staatsmann und stellt bald fest, dass dieser «von vielen Menschen und am meisten von sich selbst» für weise gehalten werde, es aber nicht sei. Ich bin also doch weiser als der Staatsmann, denkt sich Sokrates beim Weggehen. «Wahrscheinlich weiss ja keiner von uns beiden etwas Rechtes; aber der glaubt, etwas zu wissen; ich dagegen weiss zwar auch nichts, glaube aber auch nicht, etwas zu wissen.» Er geht zu einem weiteren Athener, den man für noch weiser hält als den Erstgeprüften, mit demselben Ergebnis. Er prüft Politiker, hochgehandelte Dichter und Denker, schliesslich die Handwerker und stellt zwar manche Begabung fest, vor allem aber die Anmassung, wahres Wissen zu haben – und damit seine eigene Überlegenheit. Schliesslich vergifteten die Athener Sokrates.
Kroisos: Falsch geraten
Es ist nicht so, dass der Lyder Kroisos ein Dummkopf war. Im Gegenteil: Bevor der sprichwörtlich reiche König ein Orakel befragte, wollte er zunächst in Erfahrung bringen, ob dieser göttliche Weisheitsapparat überhaupt funktioniere. Wie macht man das? Man prüft das Orakel mit seinen eigenen Waffen – so, wie man beim Hellseher auch wieder weggeht, wenn auf das Anklopfen die Frage «Wer ist da?» ertönt. Man stellt dem Orakel also ein Rätsel. Aber es muss ein unlösbares Rätsel sein, eines, das nicht mit Schlauheit zu lösen ist, sondern nur durch garantiert echte göttliche Allwissenheit.
Kroisos sendet darum Boten zu allen bekannten Orakelstätten, rechnet genau aus, wie lange sie für die Reise brauchen, und trägt ihnen auf, das jeweils besuchte Orakel an einem bestimmten Tag zu fragen, was er, Kroisos, denn gerade mache. Am vereinbarten Termin nun nimmt er die absurdeste Handlung vor, die ihm einfällt: Er greift sich eine Schildkröte und ein Lamm und kocht diese zusammen in einem ehernen Topf (mit Deckel). Die befragten Orakel versagen – mit Ausnahme des delphischen. Lässig und in vollendeten Hexametern wird das Rätsel des Kroisos gelöst. Sogar der Topfdeckel ist erwähnt: «Eisen ist zwar darunter, Eisen ist aber auch darüber.» Der Geschichtsschreiber Herodot, der diesen Testlauf überliefert, berichtet auch von einem kleineren Anbieter, dem Orakel des Amphiaros, das ebenfalls eine korrekte Antwort geliefert hatte. Kroisos jedoch erliegt der überwältigenden Ausstrahlung des delphischen Monopols, sendet Apollon wertvolle Geschenke und wendet sich fortan nur noch an dieses Orakel seines Vertrauens. Ein Fehler?
Die Gerissenheit des Königs lässt in der Folge ein wenig nach. Als er eines Tages beschliesst, die benachbarten Perser anzugreifen, die über ein attraktives Stück Land verfügen, teilt ihm Apollon auf seine vorsichtige Anfrage hin mit, er werde bei dieser Unternehmung «ein grosses Reich zerstören». Hervorragend, denkt sich Kroisos, und kommt nicht eine Sekunde auf die Idee, es könnte sich um sein eigenes handeln. Aus purem Übermut befragt er das Orakel jedoch nochmals, worauf die Antwort geliefert wird, wenn ein Maultier König der Meder werde (ein Volk, das soeben von den Persern geschluckt worden ist), habe Kroisos nichts mehr zu lachen. Der König freut sich («hoffend, dass statt eines Menschen niemals ein Maultier über die Meder herrschen werde») und zieht sofort ins Feld. Er verliert sein grosses Reich: Das Maultier, so zeigt sich, ist der junge Perserkönig Kyros, dessen Eltern wie Pferd und Esel verschiedenen Rassen und Schichten entstammen.
Der König leidet unter einem Mangel an Abstraktionsvermögen. Auch wenn sich seine Kochrezepte lesen wie Freudsche Traumchiffren, sind sie eben doch nur banale Realität: Kroisos tut genau das, was er sagt, er kocht eine Schildkröte und ein Lamm, die nichts weiter sind als eine Schildkröte und ein Lamm. Deshalb hält er auch ein Maultier für nichts weiter als ein Maultier. Apollon ist – als Gott auch der Dichtkunst – Herr nicht nur der Prophezeiung, sondern vor allem im Reich der Metaphern.
Pyrrhus: Non scholae, sed vitae…
In der ähnlich verlaufenden Geschichte des makedonischen Heisssporns Pyrrhus, König im nordgriechischen Epirus, spielt ein Mangel an grammatischen Kenntnissen die entscheidende Rolle. An sein Schicksal erinnert noch immer der Begriff des «Pyrrhussiegs», eines Sieges also, bei dem man alles verliert. In der Tat gewann der junge Held im ebenfalls nach ihm benannten Pyrrhischen Krieg gegen das noch nicht so übermächtige Rom diverse Schlachten, die sein eigenes Heer aber derart schwächten, dass er die unterlegenen Römer kleinlaut um Frieden bat – was schnöde abgelehnt wurde.
Pyrrhus scheiterte aber nicht nur an den Römern, sondern auch an ihrer Sprache. Wer seinen Lateinunterricht noch nach alter Schule genossen hat, der kann es dem kleinen Pyrrhus nachfühlen, dass er in jener Stunde verträumt aus dem Fenster sah, als der Lehrer den a. c. i. behandelte, den accusativus cum infinitivo, die gefürchtete Verwandlung einer unverdächtigen Phrase in ein Ungetüm von Nebensatz, dessen Subjekt absurderweise im Akkusativ steht, während das Verb sich in der Vagheit des Infinitivs zu verlieren scheint. «Ich sehe ihn kommen» – das kann man im Deutschen ja noch nachvollziehen. Aber der Lateiner beschränkt sich keineswegs auf diese einfachen Wahrnehmungssätze, und Pyrrhus hatte genau dieses Kapitel nie richtig verstanden.
So muss der Jüngling also zu Beginn seines Feldzugs gegen Rom tüchtig erschrocken sein, als die Pythia ihm auf seine Anfrage, ob es klug sei, die Römer anzugreifen, ausgerechnet in lateinischen Hexametern antworten liess: «Aio te, Aeacida, Romanos vincere posse» – «Ich sage, Aiakide» – dies der Hinweis auf Pyrrhus’ berühmten Vorfahren Aiakos –, «dass du die Römer besiegen kannst.» Erleichtert marschiert Pyrrhus gen Rom – nicht bedenkend, dass sich noch ein weiterer Akkusativ im Satz befindet, der ebenfalls Subjekt sein kann: «Romanos»! Also kann «te» ebensogut Objekt zu «vincere», besiegen, sein, und das verleiht dem Diktum der Pythia seine Doppeldeutigkeit. Die Prophezeiung kann auch heissen: «Ich sage, Aiakide, dass die Römer dich besiegen können.» Wieder zeigt sich Apollon als Meister nicht nur des Inhalts, sondern auch der Form: Die Ambivalenz des Sieges wird in der Sprache gleichsam abgebildet. (Dass die Pythia hier nicht griechisch spricht, liegt daran, dass die Geschichte von Ennius erfunden wurde, einem lateinischen Dichter.)
Ödipus: Erkennt seine Mutter und sich selbst
Das Orakel zu Delphi sollte sein Leben leitmotivisch heimsuchen, ihn, ausgerechnet ihn, dessen Ruhm als grösster Rätsellöser der Antike bis heute nachhallt. Noch ehe er geboren ist, warnt Apollon vor dem Elend, das ihn umgeben wird. Das Königspaar von Theben, Laios und Iokaste, erhält in Delphi das Orakel, es solle keinen Sohn zeugen, weil dieser seinen Vater töten und seine Mutter heiraten werde.
Das Kind kommt zur Welt, wird einem Bediensteten zur Beseitigung anvertraut und von einem Hirten gerettet, der es zu einem korinthischen Königspaar bringt, das es, ohne seine Herkunft zu kennen, wie einen eigenen Sohn grosszieht. Ein Betrunkener betitelt den Herangewachsenen bei einem Gelage als Adoptivkind. Ödipus geht nach Delphi und befragt Apollon. Er erfährt nichts über seine wahre Herkunft, dafür aber das, wovon jeder Junge träumt: dass er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten werde. Der Jüngling hütet sich davor, nach Korinth zurückzukehren, und wandert stattdessen in Richtung Theben. Unterwegs begegnet er seinem ihm unbekannten Vater Laios, der seinerseits Apollons Rat einholen will, weil Theben von der Sphinx terrorisiert wird. Die Strasse ist zu eng für beide: Ödipus erschlägt Laios.
Die Sphinx sitzt derweil auf dem Berg Phikion und stellt den Thebanern ihr Rätsel: «Es hat eine Stimme und erscheint vierfüssig, zweifüssig und dreifüssig.» Die Thebaner haben ihrerseits das Orakel erhalten, sie würden die Sphinx nur dann los, wenn sie das Rätsel gelöst hätten, und so versucht sich ein Thebaner nach dem anderen als Rätsellöser und wird bei falscher Antwort vom Ungeheuer verschluckt.
Weil Laios von seiner Reise nach Delphi nicht zurückkehrt, lässt der Interimsherrscher Kreon verlauten, dass demjenigen, der das Rätsel löse, nicht nur das Königreich, sondern auch die Witwe des Laios anvertraut werde. Ödipus kommt, hat die richtige Antwort – «der Mensch» –, die Sphinx stürzt sich vom Felsen, Ödipus wird König, heiratet seine Mutter, zeugt mit ihr zwei Schwestern und zwei Brüder und lebt glücklich. Bis Apollon eine Seuche über Theben schickt, und, in Delphi nach dem Grund gefragt, zur Aufklärung und Sühnung des Mordes an Laios auffordert. Ödipus löst auch dieses Rätsel, «erkennt sich selbst». Iokaste, seine Frau und Mutter, erhängt sich, Ödipus blendet sich und geht ausser Landes.
Das Orakel gewährt keine freie Sicht auf die Zukunft. Mag es durch seinen aufwendigen Kult und mit Hilfe gedankenwendiger Exegeten auch suggerieren, ein verlässliches Instrument zur Handhabe der Wirklichkeit zu sein, so erweist sich der Orakelspruch letztlich bloss als Metapher der Rätselhaftigkeit des Daseins. Anscheinend ist es nur an den Göttern und nicht an den Menschen, zu wissen, was sein wird. Vielleicht zu ihrem Vorteil, wie die Geschichte des Ödipus zeigt, der wenigstens ein paar Jahre glücklich verheiratet war.
Im Jahr 394 n. Chr. schloss der christliche Kaiser Theodosius das delphische Orakel. Ein paar Jahre später riss er auch noch den Tempel ab. Was die historische Klärung nicht leichter macht. Was ging wirklich vor in dem kleinen Räumchen, von dem aus die Pythia ihre schrecklichen Wahrheiten verkündete?
Die antiken Autoren sind sich einig, dass sich genau unter dem Apollontempel ein Erdspalt befand, aus dem ein pneuma, eine Art Dampf, entwich, der die Pythia ekstatisch und hellsichtig machte. Bei der Ausgrabung von Delphi im 19. Jahrhundert fand man weder Erdspalt noch Gase. Was die Archäologen allerdings nicht beachteten, war die später entdeckte Tatsache, dass das Gebiet um Delphi voller geologischer Brüche ist. Unter anderem scheinen sich zwei Verwerfungen direkt unter dem Apollonheiligtum zu kreuzen. Und die Quellen um Delphi enthalten Äthylen, ein halluzinogenes Gas. Sollte sich also Wasser in einem inzwischen verschütteten Erdspalt befunden haben, so wäre es durchaus möglich, dass berauschende Dämpfe aufstiegen. Apollinische Klarheit werden wir darüber freilich niemals erlangen. Der Herr der Metaphern hat die Quellen des Wissens endgültig versiegen lassen und stellt uns – wie sollte es anders sein? – vor ein Rätsel. Zum Glück sind wir damit nicht schlechter bedient als unsere antiken Vorgänger, scheint es doch nie Sinn des Orakels gewesen zu sein, praktische Lebenshilfe in Form klarer Prognosen zu gewähren.
Wären klare Prognosen überhaupt hilfreich? Den Arzt, der uns anweist, weniger zu trinken, suchen wir so schnell lieber nicht wieder auf. Wer ginge gern zu einer Pythia, die mit der unmissverständlichen Prophezeiung aufwartet: «Du wirst weiterhin zu viel trinken und im kommenden Jahr einer Leberzirrhose erliegen»? Freie Sicht auf die Zukunft? Gern. Aber eine Zukunft, die so ist, wie wir sie uns ausmalen. Wahrscheinlich war Apollon gütig, als er beschloss, nur wenigen die Sicht freizugeben und allen anderen nichts als Rätsel, die vorgaukeln, hilfreich zu sein, in Wahrheit aber so offenbleiben wie das Kommende auch. Oder wie die Inschriften an seinem Tempel: «Erkenne dich selbst» und «Von nichts zu viel».
Rebecca Lämmle und Katharina Wesselmann sind klassische Philologinnen an der Universität Basel.
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