NZZ Folio 11/01 - Thema: Indien   Inhaltsverzeichnis

Im Bann der Circe

Unzählige Sprachen, Religionen und Stämme: Indiens Vielfalt fesselt.

Von Urs Schoettli

L'Inde appartient à l'Ancien Orient de notre âme.
Le seul dieu antique dont le langage soit digne de l'Inde,
c'est le dieu sans temples: le Destin. 
André Malraux, Antimémoires.

Indien fühlt sich zu Recht missverstanden von einer Welt, die sich entweder in Horror und Abscheu vor der allgegenwärtigen Armut abwendet oder in spiritueller Verklärung die Realitäten nicht wahrnehmen will. In der Tat gibt es kaum ein anderes Land, das einen um Differenzierung bemühten Beobachter so häufig an die Grenze der Verzweiflung bringt. In Indien beschert einem jeder Tag Augenblicke, da man meint, es nicht mehr aushalten zu können in dem Chaos von Menschen, Gerüchen, Farben und Lärm. Doch ebenso gewiss bringt jeder Tag auch die Empfindung, dass man das Land nie mehr verlassen möchte.

Ist Indien überhaupt ein Land? Nicht vielmehr ein Kontinent? Ist es ein Nationalstaat, oder fehlt ihm die politische Identität dazu, wie dies Winston Churchill bei der Verteidigung des British Raj behauptet hatte? Wo soll man beginnen bei einer Präsentation dieses mit rund 3,3 Millionen Quadratkilometern flächenmässig siebtgrössten und mit einer Milliarde Einwohnern bevölkerungsmässig zweitgrössten Staates der Welt? Sucht man nach Klarheit, Ordnung und einfachen Kategorien, so entzieht sich einem Indien auf jeden Fall. Es gibt nur einen Zugang, der zugleich auch ein existentielles Wagnis ist: Indien erlebt und begreift sich aus der Vielfalt, nicht nur der Vielfalt der Menschen, Sprachen, Kulturen, Religionen, des Klimas und der Geographie, sondern auch aus der Vielfalt der Meinungen und Eindrücke. Für Indien gilt wie für kaum ein anderes Land, dass bei jeder Aussage auch das genaue Gegenteil richtig ist.

Es hat dies wohl vor allem mit der Religion zu tun. Indien ist ein zutiefst hinduistisches Land, nicht nur weil die grosse Mehrheit seiner Bevölkerung Hindus sind, sondern weil auch andere Religionen «verindisiert» worden sind. Der Sufismus, der entscheidend zur Ausbreitung des Islam auf dem indischen Subkontinent beitrug, hat aus dem hinduistischen Umfeld zusätzliche mystische Elemente absorbiert, wie jeder, der in Fatehpur Sikri das Grab des grossen Sufiheiligen Salim Chishti besucht, eindrücklich erfahren kann.

Einzelne Kirchen in Südindien haben sich mit dem Übel des Kastenwesens akkommodiert, und der von Guru Nanak im späten 15. Jahrhundert begründete Sikhismus, der sich zur eigentlichen Wehrkirche im umstrittenen Grenzland Pandschab entwickeln sollte, erwuchs aus einer Synthese von hinduistischen und islamischen Einflüssen.

Als Vasco da Gama, der am Heiligen Abend 1524 im südindischen Cochin starb, die Westküste Indiens hinabsegelte, fand er heraus, dass er weder der erste Europäer noch der erste Christ war, der seinen Fuss hierhersetzte. In seinen Reiseberichten vermerkt er, dass in jedem Hafen, den er anlief, schon ein Venezianer oder Genuese seine Zelte aufgeschlagen hatte und dass es bereits christliche Gemeinden gab. Die Jesuiten, deren Obermissionar in Asien, der heilige Franz Xaver, in Goas Basilica Bom Jesus ruht, sollten in der Folge Goa zum «Rom des Ostens» ausbauen.

Aus Goas Priesterseminaren fuhren die Mönche nach der malaiischen Halbinsel, ins indonesische Inselreich, nach Thailand, China und Japan. Doch die Präsenz der Christen reicht weit vor die portugiesische Ankunft am Ende des 15. Jahrhunderts in die Anfangszeiten des Christentums zurück. Der Apostel Sankt Thomas soll in Indien den Märtyrertod gefunden haben, und der Legende nach befand sich seine Grabstätte im heutigen Madras. Die syrischen Christen, die in Südindien über eine einflussreiche Gefolgschaft verfügen, führen ihre Kirche auf Sankt Thomas zurück.

Auch wenn die Christen zahlenmässig einen kleinen Anteil der indischen Bevölkerung ausmachen, ist ihre Präsenz bemerkenswert, vor allem wegen der von ihnen geführten Schulen, in denen ein guter Teil der indischen Eliten ihre Erziehung finden. Auch andere kleine und kleinste Religionsgruppen haben sich ihre spezifischen Einflusssphären im Kosmos der indischen Gesellschaft zu schaffen vermocht. Die Sikhs sind in den Offiziersrängen der indischen Streitkräfte traditionell übervertreten, die zoroastrischen Parsen haben der Metropole Bombay gesellschaftlich und wirtschaftlich ihren Stempel aufgedrückt, und viele Jains gehören zu den einflussreichsten Geschäftsleuten des Landes.

Als beim Abzug der Briten die westlichen und östlichen Randgebiete des indischen Subkontinents nach religiösen Kriterien unter dem künstlichen Namen Pakistan abgetrennt wurden, entschied sich Indien für eine säkulare Verfassung. Indien ist ausdrücklich kein hinduistischer Staat, auch wenn etliche Zeloten die in den letzten Jahrzehnten rasch vorangeschrittene Islamisierung des Rivalen Pakistan mit der Errichtung eines Hindu Raj vergelten möchten. Der von Jawaharlal Nehru konsequent verfochtene Säkularismus, der ihm und seinen Gefolgsleuten häufig genug den Vorwurf des Atheismus eingetragen hat, ist reine Realpolitik, die der Tatsache Rechnung trägt, dass Indiens Schicksal der Vielfalt ihm nur die Chance zur nationalstaatlichen Einheit belässt, wenn die überwältigende Mehrheit gegenüber den Minderheiten tolerant ist. Zwölf Prozent der Bevölkerung rechnen sich zum islamischen Glauben. Die Indische Union zählt damit zu den volkreichsten Muslimstaaten der Welt. Ein Auseinanderdividieren der Menschen nach religiöser Zugehörigkeit würde alles, was die Welt in den letzten Jahren auf dem Balkan hat mit ansehen müssen, bei weitem in den Schatten stellen.

Der bengalische anglophone Intellektuelle Nirad Chaudhuri bezeichnet Indien als «the Continent of Circe». Alle, die im Laufe der Geschichte in Indien eingefallen sind, seien schliesslich bezirzt, «verindisiert» worden. Wie ein Sack hängt der indische Subkontinent am asiatischen Koloss, und wer Indien eroberte, kam kaum mehr heraus. Nie wird man die innere Bewegung vergessen, als man, von Taxila kommend, beim Margalla-Pass auf die weiten Ebenen von Rawalpindi und Islamabad hinunterblickte. Nach den wilden Schluchten der Northwest Frontier liegt es hier, offen und wehrlos, reich und fruchtbar, das ersehnte Indien, in das nun die «Grand Trunk Road» bis nach Dhaka am Golf von Bengalen führt. Die arischen Stämme, die Griechen, die Mongolen, die Araber mit ihrem Islam und schliesslich die Engländer glaubten, für alle Zeiten die Eroberer zu sein - und rascher, als sie es wahrhaben wollten, waren sie vereinnahmt.

Es ist diese Assimilierung, die letztlich auch auf das gesellschaftliche und architektonische Antlitz Londons zurückwirkte, die dem Reisenden, wenn er von Belutschistan im Westen bis zu den Hügeln bei Chittagong im südöstlichen Bangladesh reist, den Eindruck einer subkontinentalen Identität gibt. Natürlich liegen zwischen den Bengalen und den Pandschabis ethnisch, linguistisch und kulturell Welten - ein Grund, weshalb die Einheit von Ost- und Westpakistan zerbrechen musste -, doch gibt es ein uraltes indisches Ethos, das all diese Verschiedenheiten transzendiert. Am direktesten lässt es sich in der Fähigkeit der Menschen erfahren, zuweilen geradezu haarspalterisch zu argumentieren und alles zu hinterfragen - in den Worten des britischen Historikers E. P. Thompson: «Es gibt keinen Gedanken im Westen oder im Osten, der nicht im Kopfe irgendeines Inders aktiv ist.» Dieses Volk von Sophisten hat denn auch mit Mahatma Gandhi, den Churchill zum Schaden des Imperiums als «halbnackten Fakir» unterschätzte, nicht einen Revoluzzer oder Militär, sondern schlicht einen brillanten Advokaten zum Vater der Nation.

Für Ethnologen ist Indien mit seinen unzähligen Stämmen und Volksgruppen ein wahres Paradies. Nicht weniger faszinierend dürfte das Land für Sprachforscher sein. Die Westeuropäer sind stolz, demnächst in einem Teil der Europäischen Union eine gemeinsame Währung zu haben. Wenn man die Skripts anschaut, die auf einer simplen Rupiennote seit über fünfzig Jahren vereinigt sind, dann wäre der Euro in seiner Reichweite der Rupie erst vergleichbar, wenn er neben allen west- und osteuropäischen Ländern auch Russland und den arabischen Raum umfassen würde.

Als die Briten Indien in die Unabhängigkeit entliessen, umfasste das Land gemäss dem «Linguistic Survey of India» über 700 Sprachen und Dialekte. Die heutige Verfassung anerkennt achtzehn offizielle Sprachen, darunter Sanskrit. Die bei weitem grösste Verbreitung hat das nord- und zentralindische Hindi, doch die eigentliche Lingua franca, die im drawidischen Süden ebenso wie im nördlichen Indien als Verkehrssprache akzeptiert wird, ist das Englische.

Unter Nehru wurden die Grenzen etlicher der heute insgesamt neunundzwanzig Gliedstaaten der Indischen Union nach linguistischen Kriterien gezogen. Ein Kind in Ahmedabad lernt in der höheren Schule neben seiner Muttersprache Gujarati auch Hindi und Englisch, ein Schüler in Haiderabad neben Telugu auch Englisch und Hindi. Ein einflussreicher Teil der nationalen Presse erscheint in englischer Sprache, vom ehrwürdigen südindischen «Hindu» über die alte Dame des indischen Journalismus, die «Times of India», bis zum aufmüpfigen «Indian Express». Doch die auflagestärksten Zeitungen werden in Bengali und in Malayalam, der Sprache Keralas, publiziert. Die zeitgenössische indische Literatur ist ein Kosmos für sich, in dem es in den einheimischen Sprachen wie im Englischen stets neue Talente zu entdecken gibt.

Zum Schicksal Indiens gehört auch eine soziale Vielfalt, die vom landlosen Taglöhner in Bihar zum Atomphysiker in Delhi, vom reichen Weizenbauern im Pandschab zum Manager einer Maschinenfabrik in Maharashtra reicht. Ungeduldige Wirtschaftsexperten im Westen drängen die indische Regierung seit Jahrzehnten dazu, das Land den internationalen Kapital- und Handelsströmen zu öffnen. In der Tat ist die internationale Vernetzung der indischen Wirtschaft im Vergleich etwa zu China sehr bescheiden. Doch das zaghafte Vorgehen der indischen Behörden hat seine Gründe. Die wirtschaftliche und technologische Modernisierung Indiens, die vor allem im westlichen und südlichen Teil des Subkontinents bereits sehr weit vorangekommen ist, will mit vielen Interessen abgestimmt sein, soll es nicht zu den gefährlichen sozialen Verwerfungen kommen, wie es sie in anderen Teilen der Dritten Welt gibt. Indiens erster Regierungschef, Jawaharlal Nehru, hatte nie daran gezweifelt, dass angesichts all dieser Vielfalt Indiens politische Einheit nur in der Demokratie gewahrt werden kann. Es ist bemerkenswert, dass, abgesehen von der Zeit des Notstandes, den Indira Gandhi ausrief, Indien Nehrus Erbe nie verraten hat.

Urs Schoettli ist NZZ-Korrespondent in Tokio; von 1983 bis 1990 war er Korrespondent in Indien.


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