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NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million Inhaltsverzeichnis
Hat er das verdient?
© Todd Warnock, New York
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| Jamie Johnson, 28: Sein Vater wollte, dass er sich auf das Sammeln von alten Landkarten verlege. |
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Jamie Johnson muss nicht arbeiten, er ist der jüngste Spross der Besitzerfamilie des Milliardenkonzerns Johnson&Johnson. Doch anstatt Ferraris zu kaufen, dreht er Filme über seinesgleichen, über das Leben junger Superreicher in Amerika.
Von Johanna Adorján
Jamie Johnson wurde 1979 als jüngstes von sechs Geschwistern in eine der reichsten Familien Amerikas hineingeboren. Sein Urgrossvater gründete Johnson & Johnson, eine der weltweit grössten Firmen für pharmazeutische Produkte – bekannt für Babypuder, Tampons, Kontaktlinsen –, mit einem Jahresumsatz von 50 Milliarden Dollar. Jamie, der an der New York University Geschichte studierte, machte 2003 mit einem Dokumentarfilm auf sich aufmerksam, den er über sich und seinesgleichen gedreht hatte: «Born Rich», eine kritische Innenansicht von Amerikas Superreichen, für die er seine Freunde wie Ivanka Trump oder S. I. Newhouse IV., den Erben des Verlagsimperiums Condé Nast, interviewte, aber auch sich selbst und seinen – äusserst kamerascheuen – Vater zum Thema machte. Der Film sorgte nicht zuletzt deshalb für Aufsehen, weil einer der Mitwirkenden, der Lottoerbe Luke Weil, der vor der Kamera arrogante Dinge sagte, sich ungünstig dargestellt fühlte und Jamie Johnson verklagte. Vor Gericht bekam Johnson recht. Der US-Fernsehsender HBO kaufte «Born Rich», und der Film erhielt zwei Emmy-Nominierungen. 2006 lief auf dem Tribeca-Filmfestival in New York Johnsons zweiter Film, «The One Percent». Es geht darin um den wachsenden Graben zwischen Arm und Reich in Amerika und die Verantwortung der Superreichen für dieses Gefälle. Jamie Johnson lebt im New Yorker East Village und wird derzeit von den Boulevardmedien mit keiner bestimmten Frau in Verbindung gebracht. Er gilt als einer der begehrtesten Junggesellen Amerikas. Jamie Johnson, 28: Sein Vater wollte, dass er sich auf das Sammeln von alten Landkarten verlege.
Jamie Johnson, finanziell haben Sie mit Ihrer Familie richtig Glück. Wenn Sie Lust haben, können Sie sich gleich nach dem Interview einen Ferrari kaufen, einfach so. Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass Sie reich sind? Ich weiss das noch genau. Ich ging damals auf eine Privatschule in New Jersey, und ein Mitschüler entdeckte in einer Freistunde, in der wir alle lesen durften, den Namen meines Vaters im «Forbes»-Magazin. In der Liste der 400 reichsten Amerikaner. Er las laut vor, alle liefen zu seinem Pult, sogar mein Lehrer war ganz aufgeregt. Und ich lief auch zu ihm hin und war ganz verwirrt und fand zur selben Zeit wie meine Klassenkameraden heraus, wie reich mein Vater war.
Sie hatten keine Ahnung? Ich wusste, dass wir wohlhabend waren, aber ich hatte das Ausmass des Reichtums meiner Familie nicht verstanden. Über so etwas wurde bei uns zu Hause nicht gesprochen. Auch später nicht, das war nie ein Thema. Ist das nicht aufschlussreich? Ich finde, das sagt viel über die Mentalität reicher Leute, zumindest bei altem Geld. Es hat Tradition, nicht über Geld oder Geschäftliches zu sprechen. Gerade in der Schweiz sind die Geschäftsleute ja auch eher verschwiegen, oder? Immer wenn ich jemanden treffe, der sagt, mein Vater kommt aus London, meine Mutter aus Brasilien, aber wir leben in der Schweiz, denke ich: aha, verstehe, hier geht etwas Unseriöses vor.
Sie aber reden über Geld. Sie haben eine Dokumentation über Ihre Familie und andere Milliardärskinder gedreht, «Born Rich», für den Sie zwei Emmy-Nominierungen erhielten. Wie viel Geld besitzen Sie? Ich bin Multimillionär, genauer möchte ich es nicht beziffern.
Sie könnten jetzt zur Bank gehen und direkt eine Million Dollar abheben. Ja, theoretisch.
Wie fühlt man sich, wenn man nie arbeiten muss? Es ist eine komische Sache. Ich habe viele Beispiele von Leuten gesehen, die alles hatten. Sie hatten alle Möglichkeiten der Welt und waren aber irgendwie unglücklich. Sie nahmen Drogen, vergeudeten ihr Leben mit exzessivem Ausgehen und schmissen ihr Geld zum Fenster hinaus. Ich fand das immer rätselhaft. Ich verstehe nicht, warum sie unglücklich sind.
Und Sie? Ich habe unser Vermögen immer als Gewinn gesehen. Es hat mir schöne Reisen ermöglicht, eine gute Ausbildung, ein interessantes Leben. Ich war mir immer bewusst, dass ich nicht dieselben Fehler machen wollte wie so viele Leute um mich herum.
Als Sie Ihren Vater fragten, welchen Beruf Sie ergreifen sollten, riet er Ihnen dazu, sich auf das Sammeln antiker Landkarten zu verlegen. Ein ernst gemeinter Vorschlag? Ja. Aber so habe ich mir mein Leben nie vorgestellt. Ich habe dann an der New York University Geschichte studiert, und nebenher wollte ich, eher nur so für mich, einen kleinen Film über meine Familie und die Kreise, in denen ich mich bewegte, machen. Dann wurde das Projekt grösser und grösser, es gab Interesse daran auch von anderen Seiten – und mittlerweile habe ich schon meinen zweiten Film gedreht, «The One Percent». Es geht wieder um Superreiche, er lief auf dem Tribeca-Filmfestival und ist demnächst im Fernsehen auf HBO zu sehen.
Für einen Filmemacher ist es perfekt, reich zu sein. Die Finanzierung ist ja immer das Schwierigste. Stimmt. Es gibt ziemlich viele erfolgreiche Maler oder Regisseure, die aus reichen Familien stammen und von zu Hause aus unterstützt wurden.
Warum arbeiten Sie? Ich bin gern ein aktives Mitglied der Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass es einen Sinn hat, nicht zu arbeiten. Ich glaube nicht, dass es etwas für sich hat, unproduktiv zu sein. Das Leben macht einfach mehr Spass, wenn man etwas tut.
Wie viel Geld haben Sie mit Ihrer Arbeit bisher verdient? Mit Dokumentarfilmen lässt sich nicht besonders viel Geld machen – ich habe einen kleinen Gewinn gemacht, immerhin. Aber man arbeitet ja auch mehrere Jahre an einem solchen Projekt. Also, meine Motivation, Filme zu machen, ist keine finanzielle.
Könnten Sie Ihre Miete zahlen mit dem, was Sie verdienen? Ich könnte mir meinen Lebensstil definitiv nicht leisten.
Fühlt sich selbstverdientes Geld für Sie anders an als das, was Sie ohnehin auf dem Konto haben? Nein.
Wofür geben Sie gerne Geld aus? Am liebsten kaufe ich eigentlich Bücher.
Hatten Sie einmal eine Phase, in der Sie Gefallen an dem Gedanken fanden, sich jetzt auf der Stelle ein teures Auto kaufen zu können? Nein, hatte ich nicht.
Ich versuche, herauszubekommen, was der Unterschied ist zwischen jemandem, der so reich ist wie Sie, und zum Beispiel mir. Ich verstehe schon, aber ich habe die Erfahrung gemacht, vielleicht hilft Ihnen das weiter, dass Menschen, die sehr reich sind und jederzeit an ihr Geld können, nicht so verrückt danach sind, es auszugeben. Es ist kein Hobby. Die Idee, Geld für materielle Dinge auszugeben, ist für mich nicht besonders spannend.
Das würde Paris Hilton vielleicht anders beantworten. Wahrscheinlich kann man das nicht verallgemeinern, all diese Luxusgeschäfte in der Madison Avenue gibt es schliesslich nicht umsonst, das stimmt. Aber ich persönlich interessiere mich nicht für so etwas.
Was für ein Auto fahren Sie? Ich fahre nicht Auto.
Weil Sie einen Chauffeur haben? Nein, weil ich in New York wohne. Ich fahre auch nicht besonders gerne selbst. Ich nehme mir lieber ein Taxi. Manchmal fahre ich auch mit der U-Bahn.
Sie wollen mir erzählen, dass Sie genauso sind wie alle anderen? Ich weiss nicht, ob ich das bin – ich habe viele Freiheiten, die sehr angenehm sind. Ich bin mir dessen bewusst, und ich bin dankbar dafür.
In Ihrem Film «Born Rich» sieht man Sie auf einer Kutsche. War das ein Witz, oder ist das Ihr Hobby? Als ich jünger war, habe ich viel Zeit mit Pferden verbracht. Mit Pferden und Kutschen. Die Deutschen sind sehr gut darin. Es gibt diese grosse Pferdeshow in Aachen, waren Sie da schon mal? Die ist sehr gut.
Was macht Ihr Vater so den ganzen Tag? Er malt.
Hat er schon mal etwas verkauft? Ja. In seiner Heimatstadt …
Er lebt also wie ein Maler? Er hat einen Lebensrhythmus wie ein Maler. Natürlich, mein Vater hat ein riesiges Vermögen – er muss nicht unter allen Umständen malen, um Geld zu verdienen. Aber er malt viel.
Warum, glauben Sie, hat er, der seinen Reichtum gerne geheimhalten würde, in Ihren Dokumentationen mitgemacht? Das frage ich mich auch. Er macht mit, er geht nicht weg, wenn ich mit der Kamera komme, aber dann sagt er nichts anderes, als dass er über Geld nicht reden will – und dass ich es auch besser nicht tun sollte. Irgendetwas in ihm scheint sich zu der Idee meiner Filme hingezogen zu fühlen – scheint es reizvoll zu finden, über Geld zu sprechen, dieses Tabu zu brechen. Aber es ist ihm gar nicht wohl dabei. Also macht er mit, indem er sich verweigert.
In Ihrem neuen Film, «The One Percent», beschuldigen Sie die Reichsten der Reichen, Ihren unfassbaren Reichtum mit Tricks noch zu maximieren. In Amerika ist es zurzeit so, dass der Graben zwischen Arm und Reich immer grösser wird. Die Mittelklasse verschwindet, die Armen werden ärmer, und die Superreichen, das sind 1 Prozent der Bevölkerung, besitzen zusammen 40 Prozent des Gesamtvermögens. Ich habe mit Leuten gesprochen, die sich dafür einsetzen, die Erbschaftssteuer abzuschaffen. Das waren reiche Leute. Es will mir einfach nicht in den Kopf, warum jemand so viel Zeit darauf verwendet, die Erbschaftssteuer abzuschaffen, wenn die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich unserer Wirtschaft schadet und das System, von dem wir alle profitieren, unterminiert.
Sehen Sie es als Ihre Rolle, kritische Fragen zu stellen? Oder tun Sie etwas? Geben Sie Geld an Arme? Klar, das gehört dazu. Es gibt viele Sachen, die getan werden müssen. Zu spenden ist wichtig, aber das ist eben nicht genug. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der sich die Leute auf fundamentale Ressourcen verlassen können, auf medizinische Versorgung, Schulbildung, all diese Dinge – auch wenn das unter Umständen für uns Reiche höhere Steuern bedeutet. Das halte ich für viel wichtiger als Geschenke von reichen Leuten.
Was ist Ihre politische Ausrichtung? Ich würde sagen, dass ich öfter die Demokraten wähle als die Republikaner.
Werden Sie in Ihren Kreisen als Verräter angesehen? Als Nestbeschmutzer? Manchmal habe ich das Gefühl. Gewisse Leute sind sehr feindselig mir gegenüber, sie sind wütend, sie fragen empört: Warum tust du das, das ist schlechter Geschmack, das ist nicht richtig. In gewissen gesellschaftlichen Situationen fliesst schon eine Menge negativer Energie in meine Richtung.
Für Ihren neuen Film haben Sie auch sehr arme Leute getroffen – hatten Sie denen gegenüber ein schlechtes Gewissen, Schuldgefühle? Nein. Aber natürlich taten sie mir leid. Natürlich tun einem Menschen leid, die unter solchen Bedingungen leben müssen. Und man beginnt, ihr Gefühl der Hoffnungslosigkeit zu verstehen, wenn man jemanden fragt: Glauben Sie, dass Sie in diesem Land je reich werden können? und die sagen: Natürlich nicht – und meine Kinder auch nicht! In diesen Momenten beginnt man zu begreifen, wie düster ihnen die Zukunft vorkommen muss. Das ist schon traurig. Wenn ich an die vielen Annehmlichkeiten meines Lebens denke, macht mich das sehr nachdenklich.
Finden Sie erben gerecht? Was ist gerecht und was nicht? Es gibt so viele Fragen, auf die ich keine Antwort habe – wie viel Geld ist zu viel Geld? Wie viel Gehalt ist zu viel für einen CEO? Das sind berechtigte Fragen – Fragen, die in unserer Gesellschaft diskutiert werden sollten. Aber habe ich darauf eine Antwort? Nein.
Finden Sie die Idee des Kommunismus reizvoll? Ich glaube wirklich, dass der Kapitalismus gut funktioniert hat für dieses Land. Aber es gibt Zeiten, in denen reformiert werden muss, und mir scheint es wieder einmal so weit zu sein. Trotzdem glaube ich an die Demokratie und an den Kapitalismus.
Macht Geld glücklich? Bestimmt nicht.
Kein Geld aber auch nicht. Wenn Sie das sagen. Aber wenn ich an die Leute denke, die ich kenne, dann würde ich sagen: Geld ist kein Garant für Glück. Es kann dabei helfen, das Leben so zu gestalten, dass es sich lohnt zu leben, aber das tut es nicht von alleine. Viele Leute mit Geld finden nie heraus, wie sie ihr Leben so gestalten können, dass es einen Sinn hat oder interessant ist.
Was würden Sie jemandem raten, der gerade seine erste Million auf dem Konto hat? Ich würde ihm sagen: Setz dich hin und denk gut nach. Eine Million bedeutet, dass du eine gewisse Macht hast, dass du Möglichkeiten und Zugang zu vielen Dingen hast – also setz dich erst einmal hin und denk in Ruhe darüber nach.
Johanna Adorján ist Feuilletonredaktorin der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung»; sie lebt in Berlin.
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