NZZ Folio 07/01 - Thema: Käfer und Co   Inhaltsverzeichnis

Die Insektenanwältin

Portrait von May Berenbaum, der Gründerin des «Insect Fear Filmfestival».

Von Reto U. Schneider

Als die Angebote ausblieben, begann sich May Berenbaum zu wundern. Ihr Haus war in guter Lage und in einwandfreiem Zustand. Sie schrieb es bloss zum Verkauf aus, weil sie mit ihrem zukünftigen Ehemann zusammenziehen wollte. Doch nach jeder Besichtigung schien sich das Interesse der möglichen Käufer zu verflüchtigen - bis Berenbaum ihre Kunstsammlung entfernte.

May Berenbaum sammelt ausschliesslich Kunst, die mit Insekten zu tun hat: Geschnitzte Heuschrecken aus Afrika, Porzellangrillen aus der Provence, Wappenscheiben mit Schmetterlingen. Hauptsache sechs Beine. Und wer beim Anblick des Aktbildes in ihrem Schlafzimmer glaubt, wenigstens dort weiche sie von ihrem Grundsatz ab, hat die Fliege darin noch nicht entdeckt.

Einen Teil der Bilder aus ihrem früheren Haus hat sie an ihren Arbeitsplatz an der University of Illinois in Urbana-Champaign mitgenommen. Seit sie 1992 Vorsteherin der Abteilung für Entomologie (Insektenkunde) geworden ist, stehen ihr dort zwei Büros zur Verfügung. Und wie in allen Räumen, die unter ihren Einfluss geraten, haben in beiden die Insekten die Herrschaft übernommen.

In einem Glasschrank die umfangreiche Kollektion antiquarischer Insektenvertilgungsmittel: «El Vampiro Bug Killer», «Sure Death Paper», «Insect Bomb» und das Prunkstück der Sammlung, ein kleiner Kanister DDT mit «lang anhaltendem Tötungseffekt» aus den sechziger Jahren. «Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die so etwas sammelt.» Eine Vermutung, die auch auf die farbigen «Army Ants» mit kleinen Plastikmaschinengewehren («ab 5 Jahren») zutreffen dürfte oder auf die drei verschiedenen Sorten Lausshampoo. Ihre Insektenbriefmarken ordnet Berenbaum nicht nach Ländern, sondern nach Gattungen. Und da steht auch noch eine Büchse mit «über 100 gefriergetrockneten Grillen». Man will gar nicht wissen, für was.

«Praktisch alle meine Freizeitaktivitäten haben mit Insekten zu tun», sagt Berenbaum. Ihre Flitterwochen verbrachte sie am 18. Internationalen Entomologiekongress in Vancouver. Wenn sie sich daran erinnert, wie sie dort mit ihrem Mann in einem Kräuterladen in Chinatown getrocknete Zikaden kaufte, wird ihr ganz warm ums Herz.

Wer Berenbaums Leidenschaft für einseitig hält, unterschätzt ihre Fähigkeit, von jedem Thema die Kurve zu den Insekten zu kriegen. «Keine andere Lebensform ist so untrennbar mit der unseren verknüpft wie die Klasse der Insekten», sagt sie. Und niemand schreibt unterhaltender darüber als die «kreativste Insektenanwältin der Welt», wie die «New York Times» sie nannte. In ihren populärwissenschaftlichen Büchern und ihren Kolumnen geht es um den Einfluss von Termitenfürzen auf den Treibhauseffekt, um die Anzahl Beine von Insekten in Trickfilmen (meistens zwei zu wenig) und, wenn die Chicago White Sox ihre Niederlage gegen die Cleveland Indians auf die Mückenschwärme im Municipal Stadion abschieben, auch um Baseball. «Ich spreche gerne vor Leuten, und ein Buch ist eine Möglichkeit, vor Leuten zu sprechen, selbst wenn ich schlafe.» Ihr neustes, «Buzzwords. A scientist muses on sex, bugs and rock'n'roll», schafft eine seltene Verbindung zweier Bibliothekskategorien: Es wird offiziell unter «Insekten» und «Humor» geführt.

Den Drang zum Kalauer hatte Berenbaum, solange sie sich erinnern kann. Als Kind lebte sie ihn an Eltern, Brüdern und Lehrern aus. In der Schule versuchte sie, ihre sprachlichen Anspielungen in Aufsätze zu schmuggeln, an der Uni in Fachartikel. Auf die Frage, woher sie die Fähigkeit habe, in jeder Alltäglichkeit - und fast in jeder wissenschaftlichen Arbeit über Insekten - eine Pointe zu finden, zuckt sie mit den Schultern. «Es passiert einfach, meistens wenn ich nicht danach suche.»

Dass sich ihr Humor heute auf Käfer, Fliegen und Ameisen konzentriert, verdanken wir einem unbekannten Stundenplaner an der Yale University zu Berenbaums Studienzeit. «Eigentlich hatte ich furchtbare Angst vor Insekten, doch die Vorlesung über Entomologie war die einzige, die noch in meinen Stundenplan passte.» Wider Erwarten gefiel ihr der Kurs, und die Exkursionen zum nahen Bach waren «wie Reisen zu einem fremden Planeten». Nachdem ein Spitalpraktikum ihr die letzte Lust genommen hatte, Medizin zu studieren, entschied sich Berenbaum für die Entomologie und schrieb sich an der Cornell University in Ithaca, New York, für ihre Doktorarbeit ein. Für ihre Eltern - Mutter und Vater waren beide Chemiker - war es die natürlichste Sache der Welt, dass sich ihre Tochter jenen Tieren zuwandte, von denen sich die meisten Leute abwenden. «Wir fanden immer: Hauptsache, sie macht, was ihr gefällt», sagt ihr Vater.

An der Cornell University unternahm Berenbaum einen ersten, vergeblichen Versuch, ihren Humor mit der Klasse der Insecta zu paaren. Ihr Vorschlag, ein Horrorfilmfestival zum Thema Insekten zu veranstalten, wurde vom Departementsvorsteher als «unwürdig» abgelehnt. Sein Gegenvorschlag, einen Abend mit guten Dokumentarfilmen zu organisieren, war ihr dagegen zu würdig. «Man findet problemlos 1000 Leute, die sich einen schlechten Insektenschocker anschauen, aber niemanden, der einen Vortrag über Insektenphysiologie besucht.» Mit Essig fängt man keine Fliegen.

1980 wechselte sie als Assistenzprofessorin an die University of Illinois in Urbana. Dort stiess sie mit ihrem Vorhaben auf offene Ohren. Bei der Organisation half ihr Richard Leskosky, ein Filmwissenschafter der Universität, den sie fünf Jahre später heiratete. Ihre heute elfjährige Tochter machte ihre Hortleiterin schon früh darauf aufmerksam, dass sie beim Geschichtenerzählen ständig Marienkäfer und Bohnenblattkäfer verwechselte.

Am 23. und 24. März 1984 fand im Hörsaal 228 des Gebäudes für Naturgeschichte das erste «Insect Fear Filmfestival» statt. Der Schocker «Them!» aus den fünfziger Jahren über Riesenameisen, denen in der Kanalisation von Los Angeles mit Flammenwerfern der Garaus gemacht wird, war die erste gut getarnte Biologielektion, die Berenbaum den Besuchern offerierte. Sie ist bis heute der festen Überzeugung, dass auch im schlechtesten Film ein pädagogisch-didaktisches Potential schlummert. Angesichts der für das Festival in Frage kommenden Werke ist solcher Optimismus nötig. Was es über Insekten ins Kino schafft (wenn überhaupt), sind weder Meisterwerke der Erzählkunst noch Höhepunkte des gesunden Menschenverstands. Und so hält Berenbaum vor jeder Vorführung einen kleinen Vortrag über die Verstösse der Filminsekten gegen Biologie, Physik und Logik. «Wer zwei Meter gross ist, kann nicht an der Decke gehen, selbst wenn er aussieht wie eine Fliege und Fliegengene hat», kommentiert sie das Verhalten der Riesenfliege in «The Fly».

Mit ihren Äusserungen zur Grille Jiminy Cricket aus dem Disney-Trickfilm «Pinocchio» machte sie sogar nationale Schlagzeilen. Jiminy Cricket sei ein «Betrüger», wurde sie in der Boulevardzeitung «Star» zitiert, er habe weder die richtige Anzahl Beine noch die richtige Farbe und er spreche nicht, wie es sich für eine Grille gehöre, indem er seine Beine aneinander reibe. «Donald Duck hat wenigstens Federn und quakt.»

Wenn es um die Ehrenrettung der Insekten geht, kennt May Berenbaum keine Berührungsängste. Für Geistes- und Sozialwissenschafter gibt sie an ihrer Universität eine Vorlesung über das Verhältnis von Menschen und Insekten. Zu ihren didaktischen Hilfsmitteln gehören Schlagzeilen aus Boulevardzeitungen («Mein Mann dressierte Schaben, mich anzugreifen»), Rocksongs über Insekten («Tsetse-Fly» von Wall of Voodoo) und eine Insektendegustation mit Mehlwurm-Wonton und Grillen-Cracker. Berenbaum selbst isst nicht mit, sie ist Vegetarierin.

Ihre Sicht, wie Wissenschaft und Öffentlichkeit zusammenkommen sollten, ist so radikal wie einfach. Wissenschafter sollen sich nicht auf Pressestellen, Journalisten und PR-Profis verlassen, die oft ihre eigenen Ziele verfolgten, sondern selbst mit den Leuten reden. Sie selbst ist eine Art Kommunikationsgenie, das den Draht zu jedem Publikum findet. In der Sinai-Kirche spricht Berenbaum zum Thema «Insekten in der Bibel», beim Geschäftsessen des Lion's Clubs über «Insekten zum Lunch». An ihrer Bürotür hängen Zeichnungen von Schulklassen, denen sie über die «Biester im Garten» erzählt hat. «Was May macht, macht sie zu hundertfünfzig Prozent», sagt ihr Vater, der ihre Vorträge besucht, wann immer er kann.

Doch es gibt Momente, da hilft weder Einsatz noch Humor weiter. Gerade eben schrieb sie in der Zeitschrift «Plant Physiology» in ungewohnt ernstem, an einigen Stellen sogar bitterem Ton über die irrationalen Reaktionen auf eine ihrer Forschungsarbeiten. Die Sache begann im Mai 1999, als die renommierte Fachzeitschrift «Nature» eine Studie eines amerikanischen Forschers über den Einfluss von gentechnisch verändertem Mais, sogenanntem Bt-Mais, auf die Larven von Monarch-Faltern veröffentlichte. Diese Larven fressen ausschliesslich Schwalbenwurz, ein Unkraut, das in Gegenden der USA wächst, wo auch Bt-Mais angepflanzt wird. Bt-Mais wurde gentechnisch so verändert, dass er ein natürliches Pestizid gegen den Maiszünsler enthält, einen Schädling, der jedes Jahr grosse Mengen der Maisernte vernichtet. Die Frage war, ob auch Monarch-Larven Schaden nehmen, wenn sie Blätter des Schwalbenwurzes fressen, auf denen sich Pollen des Bt-Mais abgelagert hatten. Das Resultat: Bei 25 Larven, die Bt-Mais-Pollen zu sich nahmen, waren Gewichtszunahme, Nahrungsaufnahme und Überlebensrate tiefer als bei der Kontrollgruppe. Ein neues Symbol im Kampf gegen gentechnisch veränderte Nahrungsmittel war geboren. Umweltaktivisten erschienen als Monarch-Falter verkleidet zu öffentlichen Anhörungen, und Zeitungen in aller Welt berichteten über den «Gen-Mais, der Schmetterlinge tötet».

Zufälligerweise pflanzte in dieser Zeit ein Bauer Bt-Mais in der Nähe eines Feldes, wo Berenbaum ihre Forschung durchführt. Sie entschied sich, eine eigene Untersuchung mit Larven von Schwalbenschwänzen zu machen - nicht im Labor, sondern unter realen Bedingungen im Freien. Auch dort starben überdurchschnittlich viele Larven, doch es machte keinen Unterschied, ob sie Pollen des Bt-Mais gefressen hatten oder nicht. Was immer die Überlebensrate verminderte, der Bt-Mais schien es nicht gewesen zu sein.

Nach der Publikation dieses Resultats wollten Biotechfirmen sie für ihre Propaganda einspannen. «Sie riefen an, wollten Bilder von mir machen. Ich lehnte ab.» Umweltorganisationen dagegen wiesen auf methodische Probleme hin, die sie bei der früheren Monarch-Studie geflissentlich übersehen hatten. Sie bezichtigten Berenbaum des «Missbrauchs der Wissenschaft» und vermuteten, sie stünde im Dienste des Biotechindustrie. Ausgerechnet sie, die seit 24 Jahren kein Fleisch mehr isst, noch nicht einmal Lederschuhe trägt und oft Biogemüse einkauft. Dazu fiel auch ihr keine Pointe ein. «Ich war sehr enttäuscht von dieser Reaktion», sagt sie, «es gibt ja gute Gründe gegen Bt-Mais, bloss fällt der Monarch-Falter wahrscheinlich nicht darunter.»

Berenbaum ist überzeugt davon, dass der wissenschaftliche Analphabetismus die Ursache für die undifferenzierte Sicht vieler Leute ist. Doch vielleicht stolperte sie auch nur darüber, dass der Mensch letztlich ein zutiefst irrationales Wesen ist. «Die Obduktion eines Ausserirdischen lockt mehr Leute vor den Fernseher als ein Dokumentarfilm.» Wenigstens beschert ihr dieser menschliche Charakterzug von Jahr zu Jahr mehr Zuschauer an ihrem Filmfestival.

Etwas Positives hatte die Monarch-Affäre dennoch. Berenbaums Sammlung sind zwei neue Exponate zugewachsen: eine Einkaufstasche mit der Aufschrift «Rette den Monarch. Verbot für genetisch veränderte Lebensmittel» und ein Kinderbuch über die Seele einer Grossmutter, die als Monarch-Falter zur Enkelin zurückkehrt. «Manchmal frage ich mich, ob jemand ein T-Shirt bedrucken würde, um einen blinden Höhlenkäfer vor dem Aussterben zu retten.»

Berenbaums Engagement in der Öffentlichkeit hat ihrer wissenschaftlichen Karriere nicht geschadet. Zwar ist ihre Kolumne «Buzzwords», die sie seit zehn Jahren für die Fachzeitschrift «American Entomologist» schreibt, oft so lustig, dass es Kollegen gibt, die sie gar nicht lustig finden. Doch die Kritiker sind eine verschwindende Minderheit. Einer davon, ein gestandener Entomologieprofessor, schrieb ihr, die Kolumnen seien «albern», die Verweise auf «Körperöffnungen, Sex und andere Körperteile und -funktionen» darin unpassend. «Es mag einfacher Humor sein», verteidigte sich Berenbaum in einer nächsten Kolumne, «doch es könnte noch viel schlimmer sein.» Zum Beweis listete sie Themen auf, die sie aus Rücksicht auf den guten Geschmack bisher unangetastet liess. Zum Beispiel die Insekten-Metaphorik bei der umgangssprachlichen Beschreibung der Masturbation («den Jesuiten boxen und Schaben kriegen» oder «die Made galoppieren lassen») oder die ausgefallene Fangmethode für Termiten in der Arbeit «Termitensammeln mit Toilettenrollenköder in der semiariden Savanne».

Berenbaums erstklassige wissenschaftliche Arbeit macht sie weitgehend immun gegen Angriffe, die mit ihrer besonderen Art von Öffentlichkeitsarbeit zu tun haben. Sie wurde 1994 in die National Academy of Sciences aufgenommen. Angebote von Eliteuniversitäten - Princeton und Cornell wollten sie haben - hat sie ausgeschlagen. Vor allem weil es dort keine Stelle für ihren Ehemann gab. «Ich hatte länger, meinen Mann zu finden als meine Doktorarbeit zu beenden, da will ich nicht noch einmal von vorne anfangen.»

In ihrer Forschung widmet sich Berenbaum der scheinbar simplen Frage, warum Insekten welche Pflanzen fressen. Dass sie dabei vor allem mit unauffälligen Insekten wie dem Schwalbenschwanz aus der Region arbeitet, hat auch persönliche Gründe: Berenbaum leidet stark unter Reisekrankheit. «Ich werde schon in einem Lift seekrank.» Das liebste Forschungsobjekt sind ihr deshalb Insekten, die in unmittelbarer Umgebung ihres Labors leben.

Ein Vortrag über ihre Arbeit beginnt oft mit einem Dia einer Pizza. «Menschen können sich mit einem einzigen Stück Pizza durch vier Reiche von Organismen essen. Insekten dagegen ernähren sich meistens nur von einer sehr kleinen Palette von Pflanzen. Viele leben von einer einzigen.» Unter Höchsteinsatz ihrer Augenbrauen jagen dann Zeitungscartoons Tabellen und Boulevardschlagzeilen chemische Formeln.

Am Schluss weiss der Zuhörer: Die extreme Spezialisierung der Insekten auf bestimmte Pflanzen ist wahrscheinlich das Resultat eines evolutionären Wettlaufs. Unter den Pflanzen hatten in der Vergangenheit jene grössere Überlebenschancen, die in ihren Blättern zufälligerweise einen Stoff produzierten, der für Insekten giftig war. Doch es dauerte nicht lange, bis ein Insekt durch zufällige Mutationen in seinen Genen in seinem Verdauungstrakt ein passendes Gegengift produzierte und die giftige Pflanze gefahrlos fressen konnte. Von nun an hatten jene Pflanzen einen Überlebensvorteil, die ein neues Insektengift produzierten und damit auf der Spirale Gift?Gegengift?Gift?Gegengift erneut vorrückten. Es wird vermutet, dass dieser Wettlauf in den Millionen von Jahren gemeinsamer Evolution von Pflanzen und Insekten zu ihrem grossen Artenreichtum führte. Und das ist nicht alles, was man beim Vortrag gelernt hat. Wer besonders gut aufpasste, kann sich auch noch an die Schlagzeile erinnern: «Seltsame Sekte verheiratet Mädchen mit Bäumen, damit sie nie Witwen werden.»

Um herauszufinden, wie die Insekten die Pflanzengifte abbauen und wie die Verdauungssäfte, die dem Gift gewachsen sind, ursprünglich entstanden, setzen Berenbaum und ihr Team moderne chemische und molekularbiologische Methoden ein. In ihrem Labor gibt es weder Riesenstabheuschrecken noch eine verstaubte Schmetterlingssammlung, sondern Reihen von Reagenzgläsern, Pipetten und Chemikalien. Berenbaum ist das recht so. Es hilft bei der täglichen Flucht vor dem Stereotyp des Insektenforschers. «Dicke Brille, kein Sinn für Mode und so.»

Aus ihrem Studium der Populärkultur hat sie einen ernüchternden Schluss gezogen: «Was sich da in Büchern und Filmen an Entomologen herumtreibt, ist eine echte Freak-Show.» Zum Beispiel Shelley Hubbard in Arthur Herzogs Roman «Swarm», der «fast keinen Hals hatte» und dessen «schwarzes Haar wie Antennen auf beiden Seiten seiner Glatze abstand», oder Adrian Malone, der Insektenhalter in John Cleeses «Fierce Creatures», den keiner mochte und dessen Leben «ein langes Selbstgespräch war».

Schlimmer als den Entomologen geht es nach der Meinung von Berenbaum nur noch den Entomologinnen. Im Film «Wasp Woman» lässt sich die Chefin einer Kosmetikfirma Gelée royale der Wespen verabreichen. Dadurch wird sie 18 Jahre jünger, entwickelt allerdings auch Antennen und Appetit auf menschliches Blut. In «Tarantula» hingegen kollidieren die Pflichten einer Wissenschafterin mit ihrem Selbstverständnis als Frau. Sie verlässt mitten in der Arbeit das Labor mit den Worten: «Wissenschaft ist Wissenschaft, aber ein Mädchen muss nun einmal seine Haare machen.» Die Tarantel ist zwar kein Insekt, sondern eine Spinne, aber wer immer daran herumforscht, wird von der Öffentlichkeit grosszügig in dieselbe Kategorie seltsamer Gestalten eingeordnet, zu der auch die Insektenforscher gehören.

Zu den Ausnahmen zählt Berenbaum die Folge «War of the Coprophages» aus der amerikanischen Fernsehserie «The X-Files» («Akte X») - aus verständlichen Gründen. Die selbstbewusste, intelligente und noch dazu hübsche Entomologin, die FBI-Agent Fox Mulder hilft, den Fall zu lösen, heisst Bambi Berenbaum. Der Drehbuchautor hatte als Vorbereitung ein paar Bücher von May Berenbaum gelesen und deshalb die Figur im Film nach ihr benannt. «Nach der Ausstrahlung habe ich mehr E-Mails bekommen als nach meiner Wahl in die National Academy of Sciences», sagt Berenbaum, die selbst eine dicke Brille trägt und freimütig zugibt, dass ihr jeder Sinn für Mode abgeht, aber vor voreiligen Schlüssen daraus warnt.




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