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Das Experiment -- Den Tod vor Augen
© Anton J. Geisser / RDB
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| Werden wir an unsere Sterblichkeit erinnert, ändern wir unbewusst unser Verhalten. |
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Vor 20 Jahren wurden die ersten Versuche zur Terrormanagementtheorie gemacht: Wer mit dem Tod konfrontiert wird, will sich als Teil eines Ganzen sehen – und mag keine abstrakte Kunst.
Von Reto U. Schneider
Im Juni 2002 führte ein Student in Magdeburg eine Strassenumfrage zum «Konsum- und Fernsehverhalten» durch: Bevorzugen Sie deutsche oder internationale Küche? Welches Auto würden Sie kaufen: Audi, Toyota, Volkswagen oder Renault? Mögen Sie den Euro lieber als die D-Mark? Es schien, als handle es sich um eine dieser langweiligen Erhebungen, die zu Dutzenden von irgendwelchen Marktforschungsinstituten gemacht werden. Dass der Student die Passanten ausgerechnet vor dem Eingang des Südfriedhofs in Sichtweite eines Bestattungsunternehmens ansprach, müssen sie für einen Zufall gehalten haben – es war aber keiner. Kurze Zeit später wiederholte er nämlich dieselbe Umfrage in einer Ladenstrasse. Die Antworten unterschieden sich frappant.
Die fünfzig vor dem Friedhof befragten Fussgänger mochten deutsche Küche, deutsche Autos und die D-Mark lieber als die fünfzig in der Ladenstrasse.
Was dem Laien als rätselhafter Effekt erscheint, entspricht genau der sogenannten Terrormanagementtheorie, die die Forscher mit diesem Experiment ein weiteres Mal belegten.
Puffer gegen die Todesangst
Die Terrormanagementtheorie hat ihren Ursprung im 1974 erschienenen Buch «The Denial of Death» des Anthropologen Ernest Becker. Becker wunderte sich darüber, wie problemlos die Menschen mit der Tatsache leben, dass sie eines Tages sterben werden. Eigentlich müssten wir in Angst und Schrecken leben. Stattdessen lesen wir die «Schweizer Illustrierte» und schauen «Wetten, dass…». Dieser Gedanke führte Becker zum Schluss, dass in unseren Köpfen ein mächtiger Mechanismus dafür sorgt, Gedanken an den eigenen Tod zu verdrängen.
In den 1980er Jahren vermuteten drei Psychologen, Sheldon Solomon, Tom Pyszczynski und Jeff Greenberg, dieser Mechanismus könnte zum Beispiel im Glauben an eine bestimmte Weltsicht oder eine Religion gründen. Wenn wir an den Tod erinnert würden, sorge eine Schutzreaktion dafür, dass wir unser Selbstwertgefühl steigern und uns etwas zuwenden, das grösser ist als der Tod. Damit uns unsere Sterblichkeit nicht sinnlos erscheint, wollen wir uns als Teil eines Ganzen sehen, das unseren Tod überdauert, Teil einer Nation, einer Kirche, einer Kultur oder sonst einer Wertegemeinschaft – und gleichzeitig lehnen wir Andersartiges ab. Genau das haben seither über 200 Experimente ergeben.
Diese Versuche funktionieren immer nach demselben Muster: Zuerst erinnert man die Teilnehmer an ihre Sterblichkeit. Beim Experiment in Magdeburg zum Beispiel, indem man die Befragung vor dem Friedhof durchführte. In anderen Versuchen stellte man ihnen die Aufgabe, ihre Gefühle niederzuschreiben, wenn sie an ihren Tod denken. Dann versucht man herauszufinden, ob sie in dieser Situation ein grösseres Bedürfnis haben nach einer Struktur, die nach ihrem Tod weiterbesteht, nach einem sinnvollen Ganzen, als dessen Puzzlestein sie sich betrachten können.
Bei der Studie in Magdeburg wirkte offenbar das Näherrücken zur deutschen Kultur – deutsche Küche, deutsche Autos, deutsche Währung – als Puffer gegen die vom Friedhof unbewusst erzeugte Todesangst. In einer anderen deutschen Untersuchung setzten sich Versuchsteilnehmer, denen ihre Sterblichkeit bewusstmacht worden war, in einer Stuhlreihe weiter entfernt von einem Ausländer als von einem Deutschen. Und in einer amerikanischen Studie gaben sie Kollegen, die politisch anders dachten, bedeutend mehr extrem scharfe Barbecuesauce zu essen als Gleichgesinnten.
Wer den Tod vor Augen hat, tendiert auch dazu, sich verstärkt an kulturelle Normen zu halten. In einem Versuch gab man Studenten eine Aufgabe, die sie am besten lösen konnten, indem sie einen Nagel mit einem Kruzifix einschlugen. Bei Versuchsteilnehmern, die zuvor über ihren Tod nachgedacht hatten, dauerte es bedeutend länger, bis sie auf diese Lösung kamen.
Die Verfechter der Terrormanagementtheorie sind überzeugt, dass die Angst vor dem Tod letztlich an der Wurzel fast aller unserer Gedanken und unseres Verhaltens liegt. Von politischen Wahlen bis zum Kunstgeschmack bleibe nichts davon unbeeinflusst. Tatsächlich mochten mit dem Tod konfrontierte Studenten Wyndham Lewis’ abstraktes Gemälde «Workshop» viel weniger als Studenten, die nicht an ihre Sterblichkeit erinnert worden waren. Unter dem Eindruck der eigenen Vergänglichkeit suchten die Versuchsteilnehmer nach Sinn und Struktur, die sie offenbar in der chaotischen Geometrie des Gemäldes nicht fanden.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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