DIE ÜBERRASCHUNG war gross. Wildbiologen hatten im Spätwinter 1993 in den Wäldern des Waadtländer Juras Kastenfallen aufgestellt, um das Gedeihen der in den siebziger Jahren wieder angesiedelten Luchse zu kontrollieren. Gefangen wurden neben Luchs und allerhand anderem Getier auch 19 Katzen. 5 davon waren streunende Hausmiezen. In 14 Fällen aber hatten die Forscher Felis silvestris silvestris geschnappt - die Waldkatze, eine echte europäische Wildkatze. Das Erstaunen und die Freude der Biologen war um so grösser, als es seit den dreissiger Jahren auf Schweizer Gebiet kaum noch Hinweise auf die Anwesenheit von Waldkatzen gab und man befürchten musste, das Tier sei bei uns ausgestorben.
Dabei war die Waldkatze noch um die Jahrhundertwende entlang dem gesamten Jurabogen vom Schaffhauser Randen bis zum Genfersee recht häufig. Skelettfunde in Höhlen und prähistorischen Siedlungen zeigen, dass die Waldkatze schon in der Jungsteinzeit sowohl im Jura als auch in weiten Teilen des Mittellandes heimisch war - also lange bevor die Römer die ersten Hauskatzen nach Helvetien brachten. Rücksichtslose Bejagung, aber auch der fortschreitende Verlust günstiger Lebensräume - die Waldkatze liebt ruhige Laubwälder mit sonnigen Lichtungen - reduzierten die Waldkatzenbestände in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts drastisch.
Wie falsch man die für Mensch und Nutzwild harmlose Waldkatze ehemals einschätzte, zeigen alte Zitate: «Die ächte wilde Katze ist ein unheimliches Thier. Nimm dich wohl in Acht, Schütze, fasse die Bestie genau aufs Korn!» (von Tschudi, 1858). Oder: «Das Rehkitz ist durch die Wildkatze ebenso gefährdet wie die Auerhenne. Sie gehört zu den schädlichsten Raubtieren unserer Heimat, und es dürfte selbst dem grössten Tierfreund schwer werden, ihrem Leben irgendeine sympathische Seite abzugewinnen» (Rörig, 1912). Als der Bund die Waldkatze 1962 endlich unter Schutz stellte, war sie in der Schweiz praktisch verschwunden.
Im Nordostviertel Frankreichs bis nach Lyon hinunter sowie in Deutschland in der Eifel, im Hunsrück, Pfälzer Wald und Harz ist die Waldkatze nach wie vor recht häufig. So könnten die wenigen Tiere, die in den letzten Jahrzehnten im Schweizer Jura doch noch gefunden wurden (als Opfer des Strassenverkehrs oder bei der Jagd nach Füchsen oder streunenden Hauskatzen irrtümlich erlegt), aus der Nachbarschaft zugewandert sein. Oder die scheue Kreatur hatte es trotz allen Nachstellungen fertiggebracht, wenigstens in den einsameren Jurawäldern zu überleben. Wie auch immer. Ab den achtziger Jahren zeigten sich in der Region zwischen Bieler- und Neuenburgersee und der französischen Grenze Zeichen vermehrter Anwesenheit der Waldkatze. Der überraschende Andrang in den Luchsfallen lieferte schliesslich den überzeugenden Beweis für das Comeback der verloren geglaubten einheimischen Wildkatze.
Die Waldkatze ist auf den ersten Blick kaum von einer Hauskatze zu unterscheiden. Im Gegensatz zur meist kontrastreichen und grauschwarzen Zeichnung des «Tigerli» trägt die Wildkatze ein gelblichgrau verwaschenes Fell mit dunklen, braunschwarzen Streifen. Auch ist der Schwanz am Ende buschig wie eine Flaschenbürste und mit dunklen Ringen dekoriert. Zwar sind die Waldkatzen mit durchschnittlich 5 Kilogramm für die Kuder und 3,5 für die Weibchen etwas grösser als die üblichen Hauskatzen. Manch verfressener Hausmaudi aber übertrumpft selbst den stattlichsten Waldkater, der es auf höchstens 8 Kilogramm bringt.
Verlässlicher als die äusseren Unterschiede sind Kriterien im Tierinnern: Im Vergleich zur Hauskatze hat das Wildtier ein etwas grösseres Hirn und einen kürzeren Darm - wohl Ausdruck der Tatsache, dass die domestizierte Katze weniger Hirnleistung braucht und neben Fleisch auch allerhand mässig ergiebiges Futter konsumiert. Ebenfalls aufschlussreich ist bei Waldkatzen der Blick in den Magen: Im prallvollen Bauch eines im Berner Jura von einem Jäger erlegten Waldkaters lagen die Reste von nicht weniger als 18 Feldmäusen, während bei Hauskatzen das Mageninventar nur selten ein halbes Dutzend Kleinnager übersteigt.
So ähnlich sich Waldkatze und Hauskatze im grossen ganzen doch sind, unsere Hauskatze stammt nicht von der Waldkatze ab. Hauskatzen sind nämlich Abkömmlinge der Falbkatze, welche als Wildtier die Busch- und Steppengebiete des Nahen Ostens sowie ganz Afrikas bewohnt. Die Waldkatze dagegen gehört zur traditionellen Fauna Mittel- und Südeuropas. Als dritte, nahe verwandte Wildkatze lebt in Nordwestindien und Pakistan die Steppenkatze. Man hat diese Wildkatzen lange als unterschiedliche Arten klassifiziert. Da sie sich aber untereinander kreuzen lassen und dabei fruchtbare Mischlinge entstehen, neigen die Fachleute heute doch dazu, die drei Formen einer einzigen Art (Felis silvestris) zuzuordnen. Die Waldkatze wird deshalb nun als Unterart Felis silvestris silvestris betrachtet; die Falbkatze heisst Felis silvestris libyca und die Steppenkatze Felis silvestris ornata.
Die nahe Verwandtschaft der Wilden und der Zahmen hat auch praktische Konsequenzen. Denn wie den Luchsfängern im Jura sowohl Wildkatzen als auch Hauskatzen in die Falle gingen, begegnen sich die beiden Formen immer wieder in der Natur. Und produzieren gelegentlich Blendlinge, wie die Kinder der Mesalliance im Jägerjargon heissen. Sowenig die Fachleute solche Bastardisierung generell bezweifeln, über das Ausmass herrscht grösste Unsicherheit.
Extreme Stimmen behaupten, es gäbe überhaupt keine reinblütigen Waldkatzen mehr. Andere Experten sehen jedoch eine nur marginale Vermischung. Die Wahrheit dürfte regional verschieden sein. Wo in Gegenden mit stärkerer Zivilisation nur noch vereinzelte Waldkatzenreviere existieren, werden sich die Wildtiere während der Ranz notgedrungen auch mit streunenden Hauskatzen einlassen. In grossräumigen und noch weitgehend intakten Wildpopulationen aber haben Hauskater kaum eine sexuelle Chance gegen die wesentlich aggressiveren Kuder. Holt sich andrerseits eine streunende Kätzin ein genetisches Souvenir im Wald, sind halt die Kleinen etwas wilder als üblich.
Die zufällig den Luchsforschern in die Falle gegangenen Waldkatzen gaben Hinweise über bevorzugte Standorte der Tiere. So lagen alle Fangorte zwischen 600 und 1200 Meter über Meer, und mehrheitlich waren es südwärts orientierte, warme Hänge mit Buchenwald. Auch lagen sämtliche Fangorte in der Nähe von Felsbändern oder einzelnen, grossen Felsbrocken - Orte, die sich innerhalb des Waldes besonders gut zum Sonnenbaden eignen. Wie und wo die Waldkatzen aber gewöhnlich den Tag und die Nacht verbringen, blieb weiterhin rätselhaft. Martin Liberek, ein junger Biologe der Universität Neuenburg, macht zurzeit die erste Studie über Lebensraum und Verhalten der Waldkatze in der Schweiz.
Anfängliches Forschungsgebiet war ein 170 km2 grosses Wald- und Alpweidengebiet beim Mont Aubert am Nordufer des Neuenburgersees. Im Verlaufe des Jahres 1994 gingen vier Waldkatzen in die Falle, zwei Männchen und zwei Weibchen. Für kurze Zeit betäubt und mit einem Halsband mit kleinem Radiosender ausgerüstet, verrieten die Tiere nach dem Freilassen dem Forscher ihre tägliche Aktivität. Der Fangerfolg hatte sich erst eingestellt, nachdem Martin Liberek als Köder statt Fische Urin von Hauskatzen in die Fallen gab - die Neugier auf den Duft der Konkurrenz war stärker als jede Scheu.
1995 fing der Wildbiologe ein drittes Männchen. Und der bereits im Vorjahr markierte «Garfield» liess sich ein zweitesmal erwischen und erhielt ein frisches Radiohalsband. 1996 schliesslich tappte in die 23 Fallen ein halber Zoo, von Dachs, Hase und Fuchs bis zu Luchs und Gemse - aber keine einzige Waldkatze mehr. Liberek ist überzeugt, die Waldkatzen am Mont Aubert hätten seine Aktion mittlerweile durchschaut; er plant nun Fangaktionen im südlicheren Jura.
Die mit Hilfe der Radiosignale gewonnenen Informationen sind erstaunlich. So haben die einzelnen Männchen, vor allem während der Ranzzeit im Frühjahr, ein Gebiet von bis zu 57 km2 durchstreift, während frühere Radiomessungen in Frankreich und Schottland für Waldkater Territorien von höchstens 13 km2 ergaben. Und auch die Wildkatzendamen beanspruchten im Jura mit 3 bis 7 km2 sehr viel mehr Raum als die Kolleginnen in Frankreich oder Schottland. Und welche Geländeorte bevorzugen unsere Waldkatzen? Vom Herbst bis zum Frühjahr leben die Tiere vor allem im Wald und im angrenzenden Brachland. Im Sommer aber zieht es sie auf die Juraweiden, wo jeweils ein reichhaltiges Mäusebuffet wartet. Solche Jagd findet fast nur in der Nacht statt. Im späten Winter sowie im Frühjahr sind die Waldkatzen auch am Tag aktiv.
Als Ruheplatz wählen die Tiere Felsspalten oder Vertiefungen unter Felsblöcken und Bäumen. Unter einem Baumstumpf fand Martin Liberek im Juni 1995 das Weibchen «Douma» mit einem Wurf neugeborener Kätzchen. Ein Zeichen, dass es den Waldkatzen im Jura zu gefallen scheint.