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Sportmärchen -- Kleiner Mann, was nun?
© Markus Roost
Von Richard Reich
Es war einmal ein Land, das war sehr klein und verwinkelt, es gab sehr wenig Platz, überall standen Berge oder Bäume im Weg. Die Menschen selber waren auch ziemlich klein, einerseits von Wuchs, andererseits von Gemüt. Weil sie vor lauter Bäumen und Bergen die Welt nicht sehen konnten, waren sie ängstlich. Sobald sich etwas Ungewohntes ergab, bekamen sie weiche Knie und wurden noch kleiner, noch kleinmütiger.
«So kann es nicht weitergehen», sprach der kleine König des kleinen Landes und berief den Rat der Weisen ein. Dieser bestand aus zwei sehr kleinen Weisen, die die Weisheit zwar mit Löffeln gegessen hatten, aber nur mit sehr kleinen. Der erste Weise sprach zum König: «Warum willst du dich gegen unser Schicksal stemmen? Wir sind nun einmal das kleinste Land auf der Welt, also backen wir auch die kleinsten Brötchen.» Da wurde der kleine König wütend und liess den Mann in hohem Bogen aus seinem Schloss werfen.
Nun fürchtete sich der zweite Weise, aber was sollte er machen? Er trat vor und sprach kleinlaut: «Majestät, wenn unser kleines Land ein einziges Mal etwas sehr Grosses leisten könnte, wäre der Bann vielleicht gebrochen.» Der König runzelte die Stirn und antwortete: «Das ist guter Rat, doch wird uns das nicht zu teuer?» – «Nicht unbedingt», rief der kleine Weise, «unser Land könnte beispielsweise Weltmeister im Bäumeklettern werden! Diese Sportart braucht nur eine sehr kleine Infrastruktur, trotzdem würde unser Sieg grosses Aufsehen erregen!» – «Klingt gut», meinte der König, «doch kann man beim Bäumeklettern nicht auch verlieren?! All unsere Nachbarn sind ja viel grösser als wir und auch viel stärker.» Da kicherte der kleine Weise: «Aber Majestät! Auch der Kleinste kann die grössten Triumphe feiern, so er die Schwächen seiner Gegner kennt! Lasst mich nur machen …»
Noch zur selben Stunde liess der kleine, schlaue Weise die königlichen Späher kommen, zu diesen sprach er: «Ihr schwärmt jetzt stante pede in die Länder aus, wo die besten Bäumekletterer daheim sind, und dort schreibt ihr auf, was ihr seht!» Die Späher nickten und stoben davon, und es dauert nicht lange, da waren sie wieder zurück. Der erste sprach: «Ich war in Böhmen, dort gibt es baumlange Kerle, die besteigen die grössten Tannen des Böhmerwaldes! Allerdings haben sie Mühe mit glatten Rinden, im Buchenklettern zum Beispiel sind sie schwach!» Der zweite Späher sprach: «Ich bin nach Süden gegangen, bis Konstantinopel, dort sind die Leute stark im Schwarzkiefernklettern, und auch auf Ölbäume kraxeln sie wie die Wüstenmäuse. Allerdings haben sie wenig Ausdauer, bei Bäumen über fünf Meter kommen sie an ihre Grenzen!» Und der dritte Späher sprach: «Ich war im Westen, dort sind die Menschen äusserst flink! Sie trainieren auf prächtigen Eukalyptusbäumen, was ihnen freie Atemwege verschafft. Aber um die Mittagszeit sind sie bezwingbar, da haben sie ihr biorhythmisches Tief!»
Dies hörte sich der kleine Weise aufmerksam an, dann ging er zum König und sprach: «Majestät, wir wissen, was wir wissen müssen! Keiner unserer grossen Konkurrenten hat jetzt noch das kleinste Geheimnis vor uns!» Da freute sich der König und lud alle Welt zur Weltmeisterschaft im Bäumeklettern ein. Und die alsbald angereisten Gäste staunten nicht schlecht, als sie sahen, wie sich das kleine Land herausgeputzt hatte: Häuser und Strassen, Baumwipfel und Berggipfel, alles war mit Wimpeln geschmückt!
Noch mehr staunten die Fremden allerdings, als sie vom König wie alte Bekannte begrüsst wurden, mit Vor- und Nachnamen, Geburtsdatum, Schuhgrösse, Brustumfang … «Respekt!» riefen sie, «ihr seid gut vorbereitet. Nun aber zeigt uns auch eure Kletterer, damit wir beginnen können!» – «Unsere …, unsere …», stammelte der kleine König und schaute sich hilfesuchend nach dem kleinen Weisen um. Jener aber hatte sein kleines Versehen eben noch rechtzeitig bemerkt und war längst über alle Bäume.
PS: Eines Tages beschloss die Schweiz, anno 2008 Fussball-Europameister zu werden. Man bereitete sich akribisch auf den Titelgewinn vor, bloss fehlte am Ende eine konkurrenzfähige Mannschaft.
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
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