Es sind die raumbezogenen Fragestellungen, die unsereinen ins Grübeln bringen. Wer wollte nicht viel mehr wissen über «die Vielfalt und Widersprüchlichkeit literarischer Thematisierung von Raumstrukturen», über die man sich im Slavischen Seminar der Universität Zürich belehren lassen kann? Oder über «das komplexe Diskursfeld der filmischen Raumtheorie», wozu die Universität ein Proseminar ankündigt? Dass der filmische Raum einfach ein Kino sein könnte, wäre ein vorschnelles Urteil – auch wenn es dort offensichtlich Filme zu sehen gibt, genauer: «dem Publikum angebotenes audiovisuelles Material».
Da geht der Atem gleich höher, man fühlt sich im Nu auf die Hochebene erhabener Abstraktion gehoben und dort auf silberne Silben gebettet. Sollen sich die Studenten denn nicht auch über «die narrative Bedeutung der Räume» informieren und der Antwort auf die Frage lauschen: «Wie verbinden sich Räume zu einer diegetischen Gesamtheit (oder scheitern daran)?» Das ist offensichtlich mehr, als das Kino leisten könnte.
Dazu die Feinheit: «Narrativ» kommt aus dem Lateinischen und heisst «erzählend», sagt der Duden. «Diegetisch» kommt aus dem Griechischen und heisst «erzählend», sagt der Duden («veraltet», fügt er hinzu – von wegen!). Schade, dass die humanistische Bildung uns nur zwei antike Sprachen zugänglich macht: Könnte es nicht sein, dass gerade das Sanskrit dem Narrativen des Kinos neue Dimensionen erschlösse? Oder das Aramäische, die Sprache Jesu mit ihren diegetischen Kadenzen und ihrer prallen audiovisuellen Metaphorik?
Irritierenderweise will das Seminar aber auch so vorstellbare Dinge wie «die Probleme der Zuschauerpositionierung» analysieren. Sollte es also einfach darum gehen, wo und wie die Leute sitzen? Und wenn überdies «das komplexe Verhältnis zwischen zweidimensionaler Leinwand und (quasi?) dreidimensionalem Filmraum» erörtert werden soll – sind wir dann am Ende doch im Kino?
Freilich, da drängen sich immer noch ein paar Fragen auf, die das Proseminar uns von der Seele wälzen will: «Was sind Foucaults Anders-Räume» beispielsweise «oder Bakhtins Chronotopen»? Gut gefragt! Wer das nicht wissen will, der hätte sich das Proseminar gar nicht verdient. Die Chronotopen muss Bakhtin uns in der Tat erklären: Brockhaus kennt ihn nicht und Duden keine Chronotopen. Bis dahin grübeln wir: Sind Chronotopen vielleicht eben das, was das audiovisuelle Material vom Film unterscheidet, das Narrative vom Diegetischen und den filmischen Raum vom Kino?
Unsereiner ertappt sich ja bei der Vorstellung, das akademische Thema könnte so beschrieben werden: «Die Leinwand hat zwei Dimensionen, das Kino drei. Was fügt die dritte Dimension dem Film-Erlebnis hinzu?» Gescheit dahingeplaudert, mit möglichst wenigen der «spatial turns» und der «Space/Place-Konzepte», die die Ankündigung uns ebenfalls verspricht, könnte das Thema uns glatt eine Stunde lang interessieren; Regisseure, Toningenieure, Architekten, Platzanweiserinnen vielleicht sogar einen Tag lang.
Es ist nur zu fürchten, dass solche Menschen allesamt den Besuch des Seminars verweigern würden, ja dort nicht einmal willkommen wären: Es sind frei schwebende Akademiker, die sich des «filmischen Phänomens der Raumtiefe» bemächtigen wollen – Leute also, deren Selbstverständnis, deren akademischer Status, deren öffentliche Geltung gerade daran hängt, dass der Kinobesitzer sie nicht braucht und der typische Kinogänger sie nicht versteht. «Der Ausweis der Wissenschaftlichkeit», schrieb die NZZ 1994 in einem Grundsatzartikel über den akademischen Jargon, «erfolgt durch den Nachweis der Unverständlichkeit», und geändert hat sich seitdem nichts.
Natürlich, man muss das richtig einordnen: Wenn der Geologe auf ein Wortkunstwerk wie «die mesozoische Geosynklinalphase» verzichten würde, blieben ihm doch die Steine. Was aber bliebe ihnen, den Philosophen, den Soziologen, den Kommunikationswissenschaftern, wenn sie stumm agieren müssten? In der Sprache vollzieht sich ihre eigentliche Leistung, ohne Wörter wären sie nichts. Wer wollte ihnen da ein Quantum Pomp missgönnen?