WAS MACHT EIN WEINFAN, der ein halbes Jahrhundert alt wird? Er lädt zu einer Degustation von Weinen seines Jahrgangs. So auch der Anwalt Raphael Mullis, der an seinem Fünfzigsten ohne besonderes Aufheben gegen zwanzig der besten 48er Bordeaux entkorken liess ? was um so bemerkenswerter war, als die meisten 48er heute nur noch schwer aufzutreiben sind.
Im Bordelais stand der 48er eigentlich immer im Schatten der beiden besonders üppigen und gesuchten Jahrgänge 1947 und 1949. Entsprechend stiefmütterlich wurde der 48er vom Handel aufgenommen. Diejenigen, die den 48er noch vom Fass degustierten, berichten in einmütiger Übereinstimmung, dass dieser Wein in seiner Jugend herb, säurereich und nicht unbedingt charmant war. Mit dem Alter trat bei einigen Weinen die Säure noch weiter in den Vordergrund. Möglich, dass die zu Beginn rauhe Art der 48er durch den ziemlich unfreundlichen Monat August mitverursacht wurde. Glücklicherweise schien dann im September die Sonne und liess die Trauben ausreifen.
Anlässlich unserer Degustation zeigten sich alle vorgestellten Weine in erstaunlich guter Verfassung. In der ersten Serie schwang der Domaine de Chevalier oben aus, der mit einer frischen Farbe und einem ziemlich distinguierten Geschmack überzeugte. Eine eineinhalb Stunden früher dekantierte Flasche vom gleichen Weingut unterschied sich beträchtlich von der ersten und wirkte weicher und fleischiger, jedoch mit weniger Finesse. Gleichfalls gut erhalten präsentierte sich der etwas säurebetonte Clos Fourtet aus St-Emilion. Grossartig war La Mission Haut-Brion in der zweiten Serie. Beim gleichfalls degustierten Haut-Brion dagegen überwog leider die Säure.
Mit einem fast burgunderähnlichen Charakter, heller Farbe und runder, eher simpler Frucht stach der als «Pirat» eingeschmuggelte Vega Sicilia aus dem Ribera del Duero hervor; ein Wein, der sich in letzter Zeit als teures Yuppie-Getränk einiger Beliebtheit erfreut. Geradezu betörend war der 48er Cheval-Blanc, der zu Recht einen überragenden Ruf besitzt. Überaus wuchtig, fast portweinähnlich vom Gefüge, reichhaltig und intensiv, schien er beinahe mit ewigem Leben ausgestattet zu sein. Etwas weniger imposant, aber finessenreich schmeckte der 48er Château Margaux, der sich nach langer Zeit im Glas erfreulich öffnete. Vergleichsweise dünn war Léoville-Las-Cases, der in diesem Jahr nicht die Qualität des Schwestergutes Léoville-Barton erreichte.
In der letzten Serie überraschte Latour mit einer ausgesprochenen Lebendigkeit, einer Eukalyptusnote und herrlichen Kraft. Leichter, aber äusserst filigran und nobel wirkte daneben Lafite. Pétrus überzeugte schon weniger mit seiner überreifen Würznote und flüchtigen Säure. Viele Weinfreunde wissen gar nicht, dass der Aufstieg dieses exzellenten Weinguts gerade etwa in diese Epoche fiel. Den Schluss der fulminanten Retrospektive bildete ein bernsteingoldener, barocker, perfekt erhaltener Yquem sowie der aus Portugal stammende, unglaublich fruchtige, immer noch füllige 48er Grahams.