IN DEN VIERZIGER JAHREN wurden in die Göttinger Universitäts-Augenklinik mehrere Männer eingeliefert, in deren Augen sich millimeterlange Stückchen von dünnem Kupferdraht fanden. Die Fremdkörper waren ohne deutlich erkennbare äussere Verletzungen tief ins Augeninnere eingedrungen. Bei den Patienten handelte es sich um Pferdekutscher, die als Peitschenschnur elektrische Leitungslitze verwendet hatten. Elektrolitze besteht aus einem Bündel dünner Kupferdrähte. Als Erklärung lag nahe, dass die Drahtstückchen sich beim Peitschenknallen vom Ende der Schnur gelöst hatten. Rätselhaft blieb aber die hohe Geschwindigkeit, mit der sie vom Schnurende fortgeschleudert worden sein mussten, um den Augapfel durchschlagen zu können.
Sehen wir zuerst, wie Kutscher auf dem Bock oder Reiter beim Longieren mit der Peitsche knallen! Zum Ausholen wird die Peitsche am Körper vorbei nach hinten geführt und im Gegenzug um ein Mehrfaches rascher nach vorn geschlagen. Die Vorwärtsbewegung wird plötzlich gestoppt. Die Schnur, die dem Peitschenstiel in Kopfhöhe gefolgt war, schiesst über den Schnuransatz hinaus und wird in einem engen Bogen umgelenkt. Der umgelenkte Teil, in dem die Schnur zur Ruhe kommt, wird immer länger. Die Bewegungsenergie konzentriert sich also auf ein immer kürzeres Stück Schnur. Die Energiekonzentration am Ende der Peitschenschnur ist um so grösser, je enger der Umlenkbogen der Schnur gemacht werden kann. Die natürliche Steifigkeit der Schnur setzt dafür eine Grenze. Bei einer ideal flexiblen Schnur ohne Knoten am Ende müsste die Geschwindigkeit zuletzt über alle Grenzen wachsen.
Damit lässt sich die hohe Geschwindigkeit verstehen, mit der die Drahtstückchen abgeschleudert wurden. Aber wie entsteht der Peitschenknall? Sind dazu Bewegungen schneller als der Schall (Geschwindigkeiten grösser als 340 Meter in der Sekunde oder 1200 Kilometer pro Stunde) nötig? Eine schlüssige Theorie der Knallentstehung gibt es nach meiner Kenntnis nicht. Man ist auf Beobachtungen angewiesen. Erfahrungsgemäss braucht die Peitsche zum Knallen eine Quaste oder eine aufgedrehte Kordel als Knallkörper. Auf Momentaufnahmen im Schattenbild, die das freie Ende der Peitschenschnur beim Überschlagen zeigen, erkennt man die Stosswellen, die sich von den einzelnen Fasern der Quaste ablösen. Da die hinteren Wellen schneller laufen als die vorderen, holen sie diese ein und bilden mit ihnen zusammen die Kopfwelle, die als Knall wahrgenommen wird wie das «Bangbang» eines Überschallflugzeugs. Die Geschwindigkeit beträgt etwa das 1,3fache der Schallgeschwindigkeit.