NZZ Folio 10/07 - Thema: Auto der Zukunft   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Manche müssen danach zum Therapeuten»

© Esther Levine, Fotografin, New...
Shin, New York, USA. Linktext
Von Anja Jardine
Shin, New York, USA, ist 34 Jahre alt. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter – eine ist fünf Jahre alt, die andere drei Monate. Shin lebt mit ihrer Familie in Man­hattan. Sie hat Freude an Yoga und Pilates, kommt allerdings nur noch selten dazu. Ausserdem kocht sie gern.
Shin arbeitet vier Tage die Woche und macht etwa 20 000 Dollar Umsatz im Monat. Für ihr Appartement in der East 20th Street zahlt die Familie 2675 Dollar Miete im Monat.

Was würden Sie mir für einen Haarschnitt empfehlen?

Erstens: Sie sollten blonder sein. Frecher, mehr wie Ihr Charakter. Sie haben jetzt mittellanges Haar – das würde ich auf Kinnlänge kürzen und durchstufen, Sie haben einen guten Kopf: schöner Hinterkopf und das Gesicht perfekt oval. Ein wilder Garçon-Schnitt, das sind Sie!

Haben Sie eine spezielle Methode?

Ich schneide trocken, der Schnitt ist das A und O. Ich sehe Wellen und Wirbel – anders als bei nassem Haar. Ihr Haar ist schön wild, was im Moment nicht zur Geltung kommt. Meine Methode hat allerdings einen Nachteil: Die Kunden sehen die Veränderungen vor ihren Augen. Damit können manche mental nicht umgehen . Die flippen aus.

Wie wurden Sie Coiffeuse?

Auf der High School habe ich meine Freunde frisiert, wenn sie auf Parties gingen. Da war zum Beispiel ein Mädchen, das extrem unsicher war, weil es so starke Hüften hatte. Als ich sie eines Abends gestylt hatte, war die so happy! Ein ganz anderer Mensch. Das hat mich berührt. Es war so einfach für mich, sie glücklich zu machen. Ihre Mutter sagte zu mir: Shin, du hast begnadete Hände.

Wie haben Sie Ihr Handwerk gelernt?

Über Umwege, denn meine Eltern waren total dagegen. Zunächst habe ich ein paar Semester Internationale Beziehungen studiert, bin dann aber doch zur Schönheitsschule gegangen und danach zu Vidal Sassoon nach Chicago. Ich hatte bei Vidal persönlich ein extrem intensives Training, habe gelernt, dass der Schnitt das Fundament ist. Zurück in New York, habe ich mir den französischen Stil angeeignet, das kunstvolle Finish.

Wie sind Sie in diesem edlen Schönheitssalon in Manhattan gelandet?

Vor fünf Jahren bekam ich mein erstes Kind, und meine Prioritäten verschoben sich. Ich wollte nicht mehr 14 Stunden täglich arbeiten, sechs Tage die Woche. Hier arbeite ich auf Kommission, gewissermassen auf eigene Rechnung. Ich habe künstlerisch meine Freiheit und einen Platz am Fenster. Ich brauche Tageslicht.

Was ist im Moment angesagt?

Kurzes Haar kommt zurück. Nach dem Bad Hair Style, diesem Frisch-aus-dem-Bett-Look, kommt nun wieder Kurz. Doch was auf dem Catwalk abläuft, ist egal. Wichtig ist, dass man zweimal im Jahr seinen Look ändert, das hält frisch.

Wie oft kommen Ihre Kunden zu Ihnen?

In der Regel alle zehn bis zwölf Wochen, einige kommen früher: Die brauchen dann einen mentalen Haarschnitt, um sich besser zu fühlen. Es ist ja immer eine persönliche Beziehung, ich berühre die Menschen, fasse sie an. Da entsteht was ganz Eigenes, trotz Dienstleistung. Ich weiss alles: wie es um die Ehe steht, wie es den Kindern geht, einfach alles.

Was ist ein mentaler Haarschnitt?

Wenn sich jemand getrennt hat zum Beispiel, kommen die Leute zu mir und wollen eine komplette Transformation, das kommt oft vor. Man kann sich in 30 Minuten vollkommen verändern. Manche müssen danach zum Therapeuten, weil sie im Innern noch nicht bereit waren. Haare sind sehr mächtig!

Wie viele Stammkunden haben Sie?

Den engsten schicke ich im Urlaub eine Postkarte – das sind etwa hundert.

Was für Leute sind das?

Da sind zum Beispiel zwei Brüder. Dem Grossen schneide ich das Haar, seit er 16 ist, und nun hat er seine Abschlussprüfung als Arzt gemacht. Ich habe ihn begleitet.

Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?

Derjenige, der die Kontrolle behalten will. Es ist hart, ein Maler zu sein und jemanden vor sich sitzen zu haben, der einem sagt, wie man malen soll.

Haben Sie prominente Kunden?

Vor kurzem war Adrien Brody mit seiner Freundin hier. Er hat alles mir überlassen, ein guter Typ. Ich habe viele Leute aus der Musikbranche. Meine Kundin nach Ihnen ist LL Cool Js Managerin.

Wer schneidet Ihr Haar und wie oft?

Oh! Wer immer es mit mir aufzunehmen wagt! Meist ein Kollege. Ich verändere meinen Stil alle vier, fünf Monate.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Mein Mann kommt aus Dubrovnik, wir wollen da vielleicht ein Spa eröffnen. – Wow! Sie sehen phantastisch aus! Finden Sie nicht?

...auf der einen Seite stehen die Locken so seltsam heraus, soll das so sein?

O ja! Das gibt Ihnen genau das kleine bisschen Drama!

Salon Paul Labrecque
ist ein Schönheitssalon in der Upper East Side, der von Pédicure bis zur Frisur alles anbietet. Die Hairstylisten vertreiben eigene Produkte, Shin verkauft das Haarwachs «Shin».

Preis für einen Haarschnitt
Je nachdem, wer schneidet, kostet ein Haarschnitt in dem Salon zwischen 90 und 400 Dollar. Shin verlangt pro Schnitt 250 Dollar, egal ob für Mann oder Frau.

USA
Einwohner: 292 Millionen
BIP pro Kopf: 43500 $
Milch: 1 l $ 1.50
Brot: 1kg $ 4.–
Kinobillett: $ 11.–
Zigaretten: $ 6.75 bis $ 8.50

Anja Jardien ist NZZ-Folio-Redaktorin.


Leserbriefe:

Zu Beim Coiffeur -- «Manche müssen danach zum Therapeuten» - NZZ-Folio Auto der Zukunft (10/07)

Die Rubrik "Hallo Taxi" haben Sie nach modesten 57 Begegnungen "gekübelt". Bei leicht mehr als 200 Staaten hienieden hätte es zweifellos noch den einen oder anderen Ein- und Ausblick gegeben. Zum Wohle des "Folio"-Helveto-Provinzlers. Aus der schöpferischen Optik der möglicherweise ebenso provinziellen Psychosoziologen am Steuer. Wo immer auch. Schade um die vergebene Chance. (Muss, was gut ist, aus eventuell masochistischen Gründen, zerstört werden?) Wie immer auch: Was Sie nie getan haben... Warum sind - und dies zum tragischen Exitus dieser Rubrik - eigentlich die Taxi-Erkennungszeichen auf der ganzen Welt gelb? Warum?
W. A. Mäder, Luzern



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Schade, dass es die Rubrik "Hallo Taxi" nicht mehr gibt, das war immer das erste (und das liebste), das ich im Folio las.
Ileana Oddera, per E-Mail



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