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NZZ Folio 08/10 - Thema: Patriotismus Inhaltsverzeichnis
Schlaglicht -- Verzweifelte Gipfelstürmer
© Angelo Boog
Wahre Abenteuer und bahnbrechende Entdeckungen lassen sich heute nicht mehr machen. Auf dieser Erde ist alles bezwungen – darum werden die Rekordversuche immer absurder.
Von Wolf Schneider
Drei Rekorde hat der Südtiroler Reinhold Messner im Himalaya aufgestellt, den zweiten am 20. August vor dreissig Jahren. Alle drei haben zwei Schwächen. Hundert Jahre früher hätte kaum einer sie überhaupt als Rekorde wahrgenommen – und uns Heutigen teilen sie etwas Trauriges mit: Es gibt keine Chance mehr, auf dieser längst kreuz und quer erforschten und bereisten Erde dafür berühmt zu werden, dass man irgendwo mit irgendwas der erste war.
Das Geheimnis des Sauerstoffs
1980 also stand Reinhold Messner als erster Mensch allein auf dem Mount Everest – eine eher sinnfreie Handlung, die in den Alpen den Versicherungsschutz gefährden würde. 1978 hatte er den Gipfel als erster ohne Sauerstoffflasche erreicht – durchaus eine eindrückliche Steigerung der Schwierigkeit, zugleich aber ein etwas verzweifelter Versuch, mit dem Mount Everest doch noch in die Zeitung zu kommen, auch wenn man erst der 63. Besteiger war. Den vorherigen 62 machte Messner in seinem Bericht darüber den Berg mal eben 2000 Meter niedriger: «Wer zur Flasche greift, degradiert den Mount Everest zu einem Sechstausender.»
1986 schliesslich Messners dritter Rekord: Als erster Mensch hatte er alle 14 Achttausender bestiegen. Wieder eine gewaltige Leistung – freilich mit dem Metermass im Bunde: Im englischsprachigen Teil der Welt sind 8000 Meter 24 384 Fuss, und die wären als magische Grenze für einen Rekord weniger geeignet gewesen.
Und was soll daran traurig sein? Dass es auf der Erde nichts mehr zu vollbringen gibt, was jene Menschen befriedigen könnte, die den Wagemut, die Ruhmgier des Kolumbus besitzen. Bestimmt leben solche unter uns – doch ihre Arbeit ist getan.
Zur See ist alles geleistet
Kolumbus, ja: Der konnte 1492 hinaus auf nie zuvor befahrene Meere segeln, tollkühn, besessen, ahnungslos – und er starb immer noch in dem Gefühl, er sei der Held, der den Seeweg nach Indien gefunden habe. Der ihn 1498 nach einer Fahrt von 20 000 Kilometern wirklich fand, war der Portugiese Vasco da Gama, und der Jubel war ihm sicher.
Magalhães wagte 1519 das ungeheuerliche Abenteuer, die riesige, die unbekannte Erde umrunden zu wollen, und eines seiner Schiffe schaffte es. James Cook segelte von 1768 bis 1780 dreimal um die Welt; er entdeckte mehr Küsten und Inseln als je ein Mensch vor oder nach ihm, und erst er erfasste und verbreitete die Einsicht, dass die Erde viel mehr von Wasser als von Land bedeckt sei.
Humboldt, Nansen, Amundsen
Auf den Kontinenten blieb noch genug zu tun. Von 1799 bis 1804 bereiste, erforschte, beschrieb, vermass Alexander von Humboldt Amerika zwischen Peru und Mexiko, und eine alpine Grosstat vollbrachte er auch: Am Chimborazo erreichte er eine Höhe von 5400 Metern. Nur Napoleon war in Europa noch berühmter als er.
1888 durchquerte Fridtjof Nansen das grönländische Inlandeis. Von 1893 bis 1908 erforschte Sven Hedin in vier Expeditionen Tibet, die Wüste Gobi und andere bis dahin in Europa unbekannte Teile Innerasiens. Als Roald Amundsen von 1906 bis 1908 zwischen Grönland und Kanada hindurchgesegelt war, also die Trennung der Landmassen bewiesen und die begehrte Nordwestpassage eröffnet hatte – da wusste die Menschheit vollends Bescheid, wie diese einst unheimliche Erde beschaffen war.
Wer den Nordpol als erster erreichte, ist umstritten bis heute. Nun blieben noch zwei Punkte übrig, mit denen der Eroberer zu Weltruhm kommen konnte: der Südpol (Amundsen 1911) – und das äusserste Aussenfort der Erde, ihr menschenfeindlichster Punkt, der Gipfel des Mount Everest. 1953 hat es Edmund Hillary vollbracht.
Wo ist der nächste Planet?
Was hatten die Ozeane noch anzubieten? 1966 umsegelte der Engländer Francis Chichester in 266 Tagen die Erde als erster Mensch allein; mit Hilfe seines Funkgeräts machte er sich schon unterwegs so berühmt, dass bei Kap Hoorn Flugzeuge mit Journalisten über ihm kreisten. Im Mai 2010 liess sich eine 16jährige Australierin als jüngste Weltumseglerin feiern. In Holland liegt eine 13jährige auf der Lauer, sie zu unterbieten.
Auf dem Mount Everest stand 1975 die erste Frau, 1998 der erste Beinamputierte, 2001 der erste Blinde, 2010 der bis dahin Jüngste, 13 Jahre alt. In die Zeitung kamen sie noch alle. Die Wahrheit aber ist: Es gibt nichts mehr zu entdecken, nichts mehr zu bezwingen auf dieser alten Erde, und eine neue ist nicht in Sicht.
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
Leserbriefe:
Zu Schlaglicht -- Verzweifelte Gipfelstürmer - NZZ-Folio Patriotismus (08/10)
Sir Edmund Hillary soll als erster Bergsteiger den Gipfel des Mount Everest bezwungen haben. Mag sein. Hillary und sein nepalesischer Begleiter Sherpa Tensing haben freilich ihr Geheimnis mit ins Grab genommen, wer denn als erster auf dem Gipfel war. Daniel Krügel, Muri b. Bern
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