NZZ Folio 09/01 - Thema: Europa   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Walter Bär, was sagen Ihnen Tote?

Von Ursula von Arx

WALTER BÄR, 1946 in Wetzikon geboren, ist seit 1989 Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich. Im letzten Jahr haben er und sein Team unter anderem 398 Obduktionen durchgeführt und von 466 Personen einen genetischen Fingerabdruck erstellt. 300-mal wurde ein DNA-Gutachten zur «Klärung des Kindsverhältnisses» verlangt, 5315 Blutalkoholanalysen wurden gemacht und 9 Untersuchungen von Opfern nach Sittlichkeitsdelikten. «Rechtsmediziner ist kein normaler Beruf», sagt Bär.

Walter Bär, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.

Ich wusste nicht recht, was aus mir werden sollte. Nach einem Semester Elektrotechnik landete ich bei der Medizin, weil sie relativ breit angelegt ist und Chemie, Physik, Biologie einschliesst. Das kam mir entgegen.

Wie kann man Medizin studieren, um sich dann zu einem grossen Teil mit Toten zu beschäftigen?

Ich merkte irgendwann, dass mich die Therapie weniger interessiert als die Diagnostik. Trotzdem machte ich noch einen Abstecher zur Pathologie und auch zur Chirurgie, denn mein Vater war Schreiner, und ich dachte, diese handwerkliche Abstammung verpflichte. Dann war eine Stelle bei der Gerichtsmedizin frei. Das interessierte mich, denn sie ist ein diagnostisches Fach und sehr interdisziplinär.

Wie muss ein Gerichtsmediziner sein?

Neugierig, offen, hartnäckig und sehr misstrauisch. Er muss immer auf der Suche sein nach möglichen Widersprüchen, er darf nicht alles glauben, was man ihm sagt.

Wirkt sich das auf Ihr Privatleben aus?

Ich weiss nicht. Unter irgendeiner déformation professionnelle werde ich wohl leiden. Ich rege mich etwa furchtbar auf, wenn meine Kinder die Schule schwänzen. Aber da regt sich auch meine Frau auf. Das ist also nicht spezifisch. Vielleicht bin ich etwas ängstlich in Bezug auf die Kinder, weil ich überall und rasch Gefahr wittere.

Ihrem Berufsstand hängt der Ruf des Nekrophilen an.

Klar ist das nicht jedermanns Traumberuf. Aber ich glaube, wir kämpfen erfolgreich gegen diesen Ruf, nicht zuletzt mit Hilfe moderner Forschung.

Sie waren der Erste, der in der Gerichtsmedizin den genetischen Fingerabdruck anwendete, die Analyse der in jeder Zelle enthaltenen Erbsubstanz. Das war 1986 revolutionär.

Zumindest in Kontinentaleuropa war ich der Erste, das darf ich so sagen, ja.

Jede Tat hinterlässt biologisches Material, ein Tröpfchen Schweiss kann den Täter überführen. Den perfekten Mord gibt es nicht mehr.

Theoretisch ja. Praktisch ist es so, dass natürlich nicht alle Möglichkeiten untersucht werden können, denken Sie nur an die vielen Gifte, die es gibt. Und wenn alte, kranke Menschen sterben, ist man auch weniger misstrauisch. Aus Deutschland gibt es Zahlen, die besagen, dass auf einen entdeckten Mord ein unentdeckter kommt. Ob einer entdeckt wird, ist abhängig von der Sorgfalt, mit der die Abklärungen getroffen werden.

Ein Beispiel aus Ihrer Praxis, bitte.

Ein Fall ist mir unvergesslich. Da war eine tote Frau, von der man wusste, dass sie schon eine Lungenembolie gehabt hatte. Alle nahmen also an, dass sie an einer erneuten Embolie gestorben sei. Ich war der Einzige, der zweifelte. Auf mein Drängen hin wurde die Leiche geöffnet. Es wurde klar: Es war keine Embolie gewesen. Die Frau war erwürgt worden, wie Befunde im Halsinnern zeigten. Die Geschichte, die dann herauskam, war romanreif: Der Ehemann der Frau hatte eine Geliebte. Diese hasste die Ehefrau derart, dass sie einen Jugoslawen in die Schweiz holte. Der kam, tötete und ging wieder zurück.

Hat sich Ihr Menschenbild verändert?

Man erfährt, dass Menschen nicht immer an der Wahrheit interessiert sind. Ich erinnere mich an den Fall eines Studenten, der eines Morgens tot am Arbeitsplatz aufgefunden wurde. Wir mussten die Möglichkeit eines Suizids erwägen. Das löste sehr heftige Reaktionen aus, beim Arbeitgeber und auch bei seiner Familie. Es stellte sich dann heraus, dass er wissenschaftlich gemogelt und das nicht mehr ausgehalten hatte. Er hatte sich vergiftet.

Wie sehen wir innerlich aus? Gibt es Überraschungen?

Innerlich gleichen wir uns alle sehr.

Im Moment sind heimliche Vaterschaften ein Thema.

Es sind Zahlen im Umlauf, dass jeder zehnte Vater nicht der biologische Vater sei. Pro Woche haben wir sicher zwei bis drei Anfragen von Männern, die ihre Vaterschaft ohne Einverständnis der Mutter abklären lassen wollen. Aber das machen wir nicht.

Wo hat Ihr Fach noch offene Fragen?

Die Bestimmung der Todeszeit fällt uns immer noch schwer, und bei Wunden haben wir oft Mühe festzustellen, ob sie vor dem Tod oder erst nachher zugefügt wurden.

Sie schauen bestimmt auch Fernsehkrimis. Müssen Sie sich oft ärgern?

Es kann passieren, dass als Todesursache eine Strangulation genannt wird, doch von den Bildern her wurde die Person eindeutig erwürgt. Doch das sind Details. Vom wirklichkeitskrämerischen Standpunkt aus sind Krimis heute viel besser als früher.


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