NZZ Folio 12/98 - Thema: Nachts   Inhaltsverzeichnis

Vorsicht, Eulen!

Wie in Afrika die Hexen ihr Unwesen treiben.

Von Nigel Barley

Afrika ist mit Metaphern des Lichts und der Dunkelheit geschlagen. Weite Teile des sogenannten Schwarzen Kontinents liegen in gleissendes Licht getaucht, und beim Hausbau achtet man tunlichst darauf, dass dieses draussen bleibt. Jeder sehnt sich nach Schatten und nach der Kühle der Nacht. Trotzdem glaubten die Europäer im 19. Jahrhundert noch, dass das afrikanische Mondlicht viel schrecklichere Krankheiten verursache als die afrikanische Sonne.

Allein, in den Tropen beginnt die Nacht nicht mit einer langsamen anmutigen Dämmerung, die den Betrachter lyrisch und empfindsam stimmt. Viel eher hat man den Eindruck, als habe jemand gerade den Lichtschalter ausgedreht. Vor fünf Minuten war es noch hell. Jetzt ist es dunkel, so dunkel, dass man die Hand nicht vor den Augen sieht.

Kurioserweise neigt man im Westen stets dazu, sich den Wechsel der Jahreszeiten vor allem als Temperaturveränderung vorzustellen, und vergisst dabei meist die langen Winternächte und die endlosen Sommerabende. In Afrika ist die Nacht immer gleich lang, egal zu welcher Jahreszeit; sie ist von einer erbarmungslosen Regelmässigkeit und so ziemlich das einzige, was immer pünktlich kommt.

Städte weisen des Nachts ihre eigenen zwielichtigen Reize auf, doch in Afrika stösst man nur selten auf die strahlende Extravaganz eines westlichen Lichtermeers. Die Strassenbeleuchtung beschränkt sich auf ein Minimum, aus Häusern und Läden dringt bestenfalls schummriges Licht, so dass man sich mit dem Gefühl einer anhaltenden Überanstrengung der Augen fortbewegt.

Nicht zuletzt sind die städtischen Nächte gefährlich. Einmal war ich so einfältig, mich in einem abgelegenen Vorort von Accra von der Dunkelheit überraschen zu lassen. Die Schatten wurden länger, und urplötzlich ging ein Schatten neben mir her. Es war ein Schrank von einem Mann. Aber was mich besonders faszinierte, war die Machete in seiner Hand.

«Ich frage mich», begann er mit ausgesuchter Höflichkeit, «ob Sie mir vielleicht ein wenig Geld geben könnten.»

«Na ja», erwiderte ich, «also eigentlich . . .»

«Mein Problem ist», fuhr er fort, indem er sich mir in den Weg stellte und mit dem Daumen die Schärfe seiner Klinge prüfte, «mein Problem ist nämlich, dass ich ein so schwacher Mensch bin.»

«Also eigentlich . . .»

«Sie müssen wissen, ich muss dringend aus der Stadt raus. Die Stadt ist voller Versuchungen, Alkohol, Frauen, Nachtclubs, Frauen . . .» Er kniff die Augen zu und wiegte sein Haupt. Es war inzwischen stockfinster geworden. Aus unerklärlichen Gründen waren die Strassen völlig menschenleer. Das passiert in Afrika sonst nie. «Und ich kenne mich. Ich werde in einem dieser Nachtclubs enden und in schlechte Gesellschaft geraten.»

«Also eigentlich . . .»

«Und dann wird's wieder Schwierigkeiten geben, Saufen und Reden und Prügeln und Streiten. Ich fühle es schon kommen. Wo man mich doch erst heute morgen aus dem Gefängnis entlassen hat. Man hat mich eingesperrt, weil ich die Beherrschung verloren habe.» In seinen Mundwinkeln glänzte weisse Spucke. Er rollte wild mit den weit geöffneten Augen. «Und da hat mich der Teufel geritten, und ich habe - ja, da habe ich einen umgebracht.»

«Lassen Sie mich nachsehen», sagte ich. «Ihre Geschichte hat mich sehr gerührt. Ich glaube, mein Geld könnte gerade für Ihre Busfahrt reichen.»

Aber auf dem Land ist alles anders. Auf dem Land sind die afrikanischen Nächte von erhabener Friedlichkeit. Man sieht kein Streulicht wie in Europa. Der Himmel wölbt sich wie wunderbarer, diamantenbesetzter schwarzer Samt über das Land.

Der weisse Gast erfreut sich unverhoffter Unsichtbarkeit und Anonymität. Die Nacht im Freien bietet ihm oft die einzige Gelegenheit, mit sich allein zu sein und sich dem erstickenden Zugriff der Freunde und Adoptiv-Verwandtschaft zu entziehen. Und nur in der Nacht konnte ich jemals echten Heldenmut beweisen. Ich war so unglaublich mutig, nachts von einem Dorf zum anderen zu gehen - mutterseelenallein und nur vom Mondlicht beschienen.

Eines Nachts, als ich mich bei Anbruch der Dunkelheit auf den Weg machte, traf ich auf eine Gruppe von Dorfjugendlichen, sämtlich einen Kopf grösser als ich, voll überschäumender jugendlicher Muskelkraft, die gerade aus der Stadt heimkehrten und noch ganz berauscht waren von den wilden Abenteuern, die sie dort erlebt hatten.

«Können wir mit dir zusammen ins Dorf zurückgehen?» fragten sie verschämt kichernd.

Unterwegs prahlten sie voller Stolz mit all den Dingen, die sie gesehen und unternommen hatten. Aber ich wusste nur zu gut, dass diese kühnen Jugendlichen nicht zu meinem Geleit bei mir waren. Vielmehr war ich es, der sie vor den grauenhaften Gefahren der Nacht beschützte. Es war einer der wenigen Dienste, die ich meinen Gastgebern erweisen konnte, denn Weisse konnten weder Hexer sein, noch konnten sie verhext werden. Das war einfach so, und jeder wusste es. Ich marschierte vorneweg wie ein Panzer, der den Weg für die nachfolgende Infanterie begehbar machte.

Afrika besitzt nicht denselben Reichtum an bizarren nächtlichen Schreckgestalten wie Asien. Es gibt keine «Ölgeister», die sich wendig und glatt jedem Zugriff entziehen und Jungfrauen betören und missbrauchen. Es gibt keine Geister in Form von riesigen Brüsten, die durch den Busch kollern und kleine Kinder ersticken. Es gibt keine märchenhaft schönen, wohlriechenden Hexen, die Männer verführen, nur um sich im nächsten Augenblick in hässliche alte Vetteln zu verwandeln und ihren Opfern mit spitzen Fingernägeln die Genitalien auszureissen. Dafür hatten wir Eulen.

«Eulen sind Hexen», erklärten mir meine Begleiter ängstlich, während wir durch die Nacht gingen. «Und deshalb brauchen wir dich. Wir haben gesehen, wie du mit blossen Händen ein Chamäleon aus dem Dorf getragen hast. Das würde jeden von uns umbringen. Auch Chamäleons können Hexen sein. Du hast es gut. Dir können die Hexen nichts anhaben.»

Wenn man sich genügend anstrengte, konnte man immer ein Käuzchen rufen hören. Einer der Jungs griff nach meiner Hand, um sich daran festzuhalten.

«Hexen!» zischte er.

«Ich dachte, die Eulen seien eure Toten.»

«Tote oder Hexen, wer kann das schon unterscheiden? Ich bin nicht Gott. Manche Leute behaupten, sie tragen den bösen Zauber einfach unter den Flügeln mit sich herum. Deshalb hast du Spiesse auf dem Dach deiner Hütte. Manchmal treffen sie sich an einer Wegkreuzung und fressen die Toten. Sogar ihre eigenen Verwandten.» Er schauderte. Aus einem Busch am Wegrand hörten wir es husten. Meine Begleiter erstarrten zu Eis.

«Das», flüsterte einer, «ist bestimmt ein Leopard.»

«Unsinn», lachte ich. «Hier ist seit Jahren weit und breit kein Leopard mehr gesehen worden.»

«Psssst!» Und seufzend fügten sie hinzu: «Du solltest nicht über Dinge reden, von denen du nichts verstehst. Natürlich nicht einer von den Leoparden. Weisst du nicht, dass sich manche Menschen nachts in Leoparden verwandeln können?»

«Ach so.»

Eine Ziege kam aus dem Gebüsch spaziert, hustete erneut, beäugte uns ausgiebig, trottete ins Savannengras auf der anderen Seite des Weges hinüber, wo sie laut furzte und schniefte, um dann allmählich davonzuwedeln. Für einen Moment herrschte allgemeine Betretenheit. Ich überlegte, was ich sagen sollte.

«Und dann ist da ja noch diese andere Sache», nahm ich den Faden wieder auf, «ihr wisst schon, der Pfefferkopf.» Völlig ungläubig starrten sie mich an.

«Ja, natürlich, Pfefferkopf. Sag uns, was du über ihn weisst!» Sie stupsten sich mit den Ellenbogen an und nickten einander vielsagend zu. «Was den Pfefferkopf angeht, können wir dir helfen.» Noch mehr Gestupse und Gekicher.

«Na ja . . . er ist eine Art Riese.»

«Ja, ja!» Sie grinsten mich zufrieden an.

«Öhmmm . . . er lebt droben in den Bergen, und manchmal sieht man ihn dort in der Dämmerung herumklettern.»

«Genau, haha.»

«Er kann seinen Kopf abnehmen.»

«Nein», warf einer von ihnen überraschend ernsthaft ein. «Das ist Quatsch. Wie kann jemand seinen eigenen Kopf abnehmen?» Dann fingen sie wieder an zu gackern und schlugen einander mit wachsender Heiterkeit auf den Rücken.

«Es heisst, er wandert nachts durch den Busch, fängt dort Menschen und verspeist sie.» Sie hielten sich schon die Bäuche und keuchten vor Lachen wie die Eulen. Einer kringelte sich, um Luft ringend, auf dem Boden.

«Hör zu», meinte einer von ihnen versöhnlich. «Du musst nicht alles glauben, was die Leute dir erzählen. Den Pfefferkopf gibt's überhaupt nicht.»

«Wie? Aber ich dachte . . .»

«Nein. Hör zu.» Er sah sich flüchtig um. «Es ist nämlich so. Wir Männer haben den Pfefferkopf erfunden.»

«Ihr habt ihn erfunden? Aber warum?»

«Okay, da du ein beschnittener Mann bist, kann ich's dir sagen. Wir erzählen diese Geschichten, um die Frauen einzuschüchtern. Wir sagen (er senkte die Stimme): -Wehe, ihr geht nachts hinaus, dann wird euch der Pfefferkopf holen.? Dann bleiben sie zu Hause und kümmern sich um die Kinder, statt nachts herumzuwandern.»

«Oh.»

«Die Frauen wollen immer herumwandern, wenn ihr Mann schläft oder gerade mit einer seiner anderen Frauen Sex hat oder weitab vom Dorf in der Stadt ist. Dann steigen sie immer anderen Männern hinterher. Es schadet also nichts, wenn sie glauben, dass der Pfefferkopf sie holt. Aber du darfst ihnen natürlich nicht verraten, dass wir ihn bloss erfunden haben.»

«Nein, logisch.» Vor uns tauchte die Dorfumfriedung auf, und die Wege teilten sich. Der Weg zu ihrem Weiler glänzte weiss im Mondschein. Ich wollte gerade zu meiner eigenen, nahegelegenen Hütte abbiegen, als irgendwo in der Dunkelheit eine Eule schrie.

«Willst du uns nicht bis nach Hause begleiten?» fragten sie furchtsam.

«Warum denn? Habt ihr etwa Angst, den Weg zu verlieren?»

«Nein, das nicht.» Sie grinsten verlegen und malten mit den Zehen Figuren in den Sand. «Aber manchmal liegen nachts schlafende Schlangen auf dem Weg, und man denkt, es sei bloss ein Stock, aber wenn man drauf tritt, beissen sie einen. Wir haben nur Sandalen an, aber du hast gute, feste Stiefel. Dir können sie nichts anhaben.»

«Ich leih' euch meine Taschenlampe, wenn ihr sie morgen zurückbringt.»

«Ein Chamäleon kann sich nachts schwarz färben, so dass man es noch nicht mal mit einer Taschenlampe sieht. Dir können die Chamäleons nichts tun. Wir haben es selbst gesehen. Deshalb musst du vorgehen.»

«Aber wenn ich bis in euer Dorf mitgehe», protestierte ich, «dann muss ich den ganzen Weg allein zurück. Nein, kommt nicht in Frage.»

Da baute sich einer von ihnen in voller Grösse vor mir auf und blickte mit äusserster Entrüstung, ja Verachtung auf mich nieder.

«Wovor hast du Angst?» fragte er höhnisch. «Vor dem Pfefferkopf?»

Nigel Barley, Ethnologe, ist Kustos für Nord- und Westafrika am British Museum in London. Unlängst ist sein Buch «Tanz ums Grab» bei Klett-Cotta erschienen.


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