NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn Elvis nicht entdeckt worden wäre

© Sibylle Heusser und Marcus Mos...
Neuengland, 16. August 2008: Tankstelle in Truro, Massachusetts. Linktext
Von Bänz Friedli
Hätte Willie Kizart am Morgen des 5. März 1951, einem nebligen Montag, besser aufgepasst, die Welt wäre nie zum Rock’n’Roll gekommen. Doch weil die Band in Eile war, zurrte Kizart seinen Gitarrenverstärker vor dem Riverside Hotel in Clarksdale, Mississippi, nur notdürftig auf dem Dach eines Oldsmobile fest – es musste schnell gehen, man hatte einen Aufnahmetermin beim berühmten Sam Phillips, droben in Memphis, siebzig Meilen entfernt.

Auf dem holprigen Highway 61 passiert es: Der Verstärker fällt vom Autodach, wird beschädigt und gibt später in «Sam Phillips’ Recording Service» verzerrte Geräusche von sich, wie der Studiopatriarch sie nie gehört hat. Dazu hämmert Ike Turner aufs Klavier ein, die Bläser pusten brünstig, der Sänger Jackie Brenston preist sein neues Auto und schnalzt: «Steig in meine Rakete, Baby!» Ein räudiger Boogie. Der Rhythmus vibriert, die Gitarre röhrt, der kaputte Verstärker dröhnt. Das ist der Klang, den Phillips so fieberhaft gesucht hat! «Es war der erste Rocksong der Geschichte», wird er später über «Rocket 88» sagen. Aber der Musikvisionär weiss: Im streng segregierten Amerika, wo kein schwarzer Musiker je am Radio gespielt wird, sind Jackie Brenston & His Delta Cats chancenlos.

«Bringt mir einen Weissen, der das Negro-Feeling draufhat, und wir machen Millionen», betet Phillips. Er findet ihn drei Jahre später im 19-jährigen Lastwagenfahrer Elvis Aaron Presley. Man lädt ihn zu Probeaufnahmen ein, die zunächst ein Desaster sind. Doch dann blödelt er in einer Studiopause bei Cola und Kuchen den alten Song «Thats All Right, Mama» als Promenadenmischung aus schwarzem Rhythm & Blues und weissem Hillbilly vor sich hin – und Phillips erkennt: Hier ist der Sänger, der schwarze Musik ins rassistische weisse Radio bringen, das prüde Amerika enthemmen, die Umgangsformen entfesseln wird. Dies unerhörte Schlenkern der Stimme! Dieses Röhren! Diese Unschuld! Dieser Sex! «Sing das noch mal, Elvis!»

Am Nachmittag des 5. Juli 1954 kommt der Rock’n’Roll offiziell zur Welt. Es ist der Urknall der Popkultur. Was Elvis veränderte? Alles. Bereits in 20 Millionen US-Haushalten stand ein TV-Gerät, die Nation schaute zu, wie er sich in seinem ersten Fernsehauftritt schüttelte, wie er sein Becken schwang. «Obszön und gesetzeswidrig!» schimpfte die «New York Herald Tribune», doch die Kulturrevolution war nicht aufzuhalten. Elvis befreite von falscher Moral, versinnlichte die Massenkultur, nahm jede Jugendrevolte vorweg. Ohne den ersten und grössten Popstar aller Zeiten gingen wir allesamt noch mit Krawatte zur Arbeit und würden am Lokalradio gesiezt. Aber es gäbe ja gar kein Lokalradio, nur Radio Beromünster. Dort spielte das Unterhaltungsorchester DRS züchtige Melodien. Es stünde unter der Leitung von Urs Hofer, einem pensionierten Hand­lithographen aus Interlaken, der in der Pfadi mal den ­Namen Polo trug. In einer Welt ohne Elvis kaufen wir 2008 im Quartier­laden Wienerli, keine Hamburger. Mädchen mit Zöpfen besuchen höhere Töchterschulen, und das Fern­sehen zeigt die 41. Staffel der «Kummerbuben».

Elvis übergoss den Globus mit Ketchup, er leitete die Amerikanisierung der Welt ein, ohne ihn kein «Starbucks» in der Altstadt. Und eine Sängerin mit dem gotteslästernden Namen Madonna könnte nicht 70 000 Menschen nach Dübendorf locken. Stattdessen ginge die Jugend zu «Klassik im Park». John Lennon? Würde vermutlich noch leben, weil er ohne sein Vorbild Elvis kein Beatle geworden wäre.

Weil der King, einst Verkörperung des American Dream, selber verfettet und reaktionär als amerikanischer Albtraum starb, geht vergessen, welche Sprengkraft sein frühes Wirken hatte. Er machte afroamerikanische Kultur massentauglich, erst durch ihn wurden schwarze Superstars wie Jimi Hendrix, Michael Jackson, 50 Cent möglich. Der Funk-König James Brown eilte 1977 als erster an Elvis’ Totenbett: «Wir verdanken ihm alles!» Wäre Elvis nicht gewesen, würde der schwarze Polit-Popstar Barack Obama nicht Präsident der USA. Wie es vor ihm Kennedy und Clinton nicht geworden wären, weil ohne Elvis das Prinzip Pop – sei farbig, hedonistisch, sexy und ein bisschen aufmüpfig! – niemals alle Lebensbereiche durchdrungen hätte. Elvis lehrte die Welt: «Alles ist möglich, du musst es nur tun!»

Es lässt sich einwenden, dass Moral und Rassenschranken auch so gefallen wären, dass nicht der Mann Geschichte, sondern die Geschichte den Mann gemacht habe. Nur wurden eben nicht Bill Haley, nicht Carl Perkins, nicht Jerry Lee Lewis, was Elvis wurde, sondern er wurde es. Keiner besass seine androgyne Aura, seine mystische Stimme, seine Intuition. Wäre indes an seiner statt ein anderer Elvis geworden, dann lebte auch er noch und zapfte als Tankwart irgendwo in Wyoming Benzin. Aber das tut er, glaubt man seinen glühenden Fans, ja ohnehin.

Bänz Friedli ist Journalist; er lebt in Zürich.

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