AM MORGEN DES 20. SEPTEMBER 1994 schoss ein Offizier der Volksbefreiungsarmee auf einer der Hauptverkehrsstrassen Pekings mit einem automatischen Gewehr wild um sich. Schnell anrückende Polizeieinheiten erwiderten das Feuer. Bei dem Gemetzel wurden vierzehn Menschen getötet und mehr als achtzig verletzt. Der Amokläufer wurde von der Polizei erschossen.
Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua verschwieg zunächst, dass es sich beim Schützen um einen Angehörigen der Armee gehandelt hatte. Erst am Tag darauf, nachdem die Gerüchte über den Hintergrund der Tat schon in ganz Peking die Runde gemacht hatten, schob Xinhua eine kurze Meldung nach und nannte Rang und Namen des Todesschützen. Der Mann, so hiess die offizielle Version, habe einen Soldaten geschlagen und sei dafür diszipliniert worden - worauf er erbost zur Waffe gegriffen habe. Wären nicht zwei Ausländer unter den Toten gewesen und hätte sich die Schiesserei nicht gerade vor dem Wohnviertel der Diplomaten und damit fast unter den Augen der Weltöffentlichkeit ereignet, wäre wohl überhaupt nicht über das Blutbad berichtet worden. Die Zensur untersagt Berichte über Zwischenfälle, die dem Ansehen der Armee schaden.
Xinhua blieb nur noch übrig, mit einer wohlwollenden Darstellung den Gesichtsverlust der Armee zu begrenzen. In Wahrheit ging es nicht darum, dass der Mann wegen einer bösen Tat zu Recht bestraft worden war. Der in einem Vorort von Peking stationierte Offizier hatte vielmehr Streit mit seinen Vorgesetzten um seine Beförderung gehabt und hatte seinen Vorgesetzten erschossen, ehe er in Richtung Stadtmitte floh. Xinhua verschwieg auch, dass der Offizier einer Spezialeinheit angehört hatte, die für den Einsatz bei Aufständen und Unruhen im Innern ausgebildet wird. Doch auch ohne offizielle Verlautbarung höhnte bald ganz Peking darüber, dass ausgerechnet die Armee, die der Garant für Ruhe und Ordnung sein soll, für die grösste Schiesserei verantwortlich ist, die die Hauptstadt seit Jahren gesehen hat.
Die Volksbefreiungsarmee und ihre internen Verhältnisse gehören zu den bestgehüteten Geheimnissen Chinas. Während im Zeitalter von Reform und Öffnung dank gezielten oder bezahlten Indiskretionen selbst Nachrichten aus dem Politbüro gelegentlich an die Öffentlichkeit dringen, funktioniert die Geheimhaltung bei den meisten Angelegenheiten, die die Armee angehen, noch immer ausgezeichnet. Doch «Nachrichten des kleinen Weges», wie die inoffiziellen Neuigkeiten in Peking heissen, haben seit zwei Jahren immer wieder Skandale zum Inhalt. Die Armee betreibe Schmuggel, die Marine beteilige sich an der Piraterie, die Einheiten machten illegale Geschäfte, heisst es. So bunt geht es anscheinend zu, dass von oberster Stelle allen Medien untersagt wurde, über Gesetzes- und Disziplinarverstösse des Heeres zu berichten.
Auch die Pekinger Schiesserei ist Symptom für eine Unruhe im Gefüge der Streitkräfte, die noch vor Jahren niemand für möglich gehalten hätte. Die revolutionären Veränderungen in der chinesischen Gesellschaft sind nicht ohne Auswirkungen auf die Volksbefreiungsarmee geblieben - auch sie, einst ein Muster an Disziplin und Genügsamkeit, ist vom Zeitgeist des schnellen Geldes und des Geschäftemachens erfasst worden.
Neidisch schauen die Soldaten auf diejenigen, die mehr verdienen. Früher, als das sozialistische Gleichheitsideal noch für alle galt, fand man sich mit wenig Sold in der Armee noch nicht im Nachteil. Damals hatte die Armee ihren Angehörigen sogar einige für Zivilisten unerreichbare Privilegien zu bieten. Jetzt aber, da jeder versucht, sein Einkommen aufzubessern, und manche es schon zum grossen Geld gebracht haben, greift der Virus des Kapitalismus auch auf die einst revolutionäre Armee über. Unzufriedenheit und Disziplinlosigkeit machen sich breit. Wenn ein Offizier schon wegen einer Beförderung Amok läuft, was kann dann noch alles passieren? In den Kasernen soll es öfter zu Schiessereien und bewaffneten Auseinandersetzungen über Prämien und Beförderungen gekommen sein, doch bis anhin waren diese Konflikte noch nie auf die Strasse getragen worden.
Die Volksbefreiungsarmee ist bis heute keine Armee wie jede andere. Sie ist ein Staat im Staat mit eigenen Versorgungseinheiten, mit eigenen Landwirtschaftsbetrieben, Fabriken, Geschäften, Handels- und Transportorganisationen. Von der Schweinezucht bis zur Herstellung von Unterwäsche gibt es kaum ein Gewerbe, in dem die Armee nicht vertreten ist. Die Streitkräfte versorgen sich selbst und entlasten damit den Staat. Auch die Aufgaben der Soldaten in der Gesellschaft waren von Anfang an über jene einer normalen Armee hinausgegangen. Soldaten bauten Brücken und Eisenbahnen, stellten Arbeitskräfte für nationale Projekte, sorgten für die innere Sicherheit. In ihrer Kultur- und Propagandaabteilung beschäftigt die Armee Zigtausende Schauspieler, Schriftsteller, Sänger und Tänzer.
Zivile und militärische Führung sind seit der Gründung der Volksrepublik eng verwoben. Die alten Führer der Kommunistischen Partei wie Mao Tsetung und Deng Xiaoping waren auch Militärführer und konnten dank ihrer Erfahrung und ihren Verbindungen die Armee oft für ihre Zwecke einsetzen. In den Richtungskämpfen der Partei spielte sie als Machtfaktor eine wichtige Rolle. Erst in den achtziger Jahren versuchte Deng Xiaoping, die Armee aus der vordersten Front der Politik zu verdrängen. Sie sei aufgedunsen, träge und verschwenderisch, schimpfte er. Deng wollte weg vom alten Konzept der Revolutionsarmee und aus ihr eine moderne und professionelle Truppe machen. Jüngere, fachlich kompetente Leute sollten die Alten ablösen, die dank ihren Verdiensten im Bürgerkrieg in hohen Positionen sassen. Die Armee sollte «standardisiert, modernisiert und revolutioniert» werden.
Es war aber wiederum auch Deng, der die Armee im entscheidenden Moment zurück auf die politische Bühne holte. Mit der Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 erlangten die Militärs erneut Macht und Einfluss. Konservative Kräfte gewannen auch in der Armee die Überhand, und für eine Zeit wurde die korrekte politische Gesinnung wieder zum einzigen Massstab für die Qualität der Offiziere.
Den Militärreformern kamen die niederschmetternden Nachrichten vom Golfkrieg zu Hilfe. Die Kriegsführung der Amerikaner und ihrer Verbündeten übertraf alle Befürchtungen der chinesischen Generäle, die sich angesichts der Bilder von «smart bombs» und anderer neuster Technik ihrer eigenen Rückständigkeit bewusst wurden. Mit Ideologie allein, so mussten sie einsehen, ist kein Krieg mehr zu gewinnen. Seither fordern die Militärs lautstark mehr Geld für moderne Ausrüstung und Waffen, sie träumen von einem Flugzeugträger und wollen mehr U-Boote kaufen. Zwar hat die Regierung dieses Jahr das Verteidigungsbudget um 20 Prozent erhöht, doch die Armee sagt, das reiche gerade für die fälligen Solderhöhungen. Westliche Fachleute schätzen, dass das wahre Budget der Armee ohnehin sechsmal so hoch ist wie offiziell angegeben.
Um ihr Budget aufzubessern, greifen die Soldaten nach altrevolutionärem Muster zur Selbsthilfe. In der «sozialistischen Marktwirtschaft» hat auch die Armee entdeckt, dass sie über grossen Besitz und wirtschaftlich über ein grosses Potential verfügt und dass sie mit Hilfe ihres Wirtschaftsnetzes einige Lücken im Etat und im eigenen Geldbeutel stopfen kann. Alte Armeeunternehmen werden zu modernen Konzernen, die Handel nicht nur mit Waffen betreiben. Die grössten militäreigenen Konzerne wie Xinxing, Norinco und Poly machen im In- und Ausland Geschäfte. Konversion, das heisst Umstellung auf zivile Produkte, ist gewünscht. Norinco (North China Industries) ist aber noch immer der grösste Waffenhersteller und ein internationaler Waffenhändler. Norinco verkauft alles, von der Sportwaffe und der Granate bis zum Maschinengewehr und dem Kampfpanzer. Poly, der früher als wichtigster Waffenhändler der Armee bekannt war, gibt an, dass im letzten Jahr allerdings nur noch 20 Prozent seiner Einnahmen aus diesem Geschäftszweig kamen. Auch bei Norinco sagt man, dass Waffen derzeit keinen Absatz fänden.
Neben den bekannten grossen Konzernen gibt es unzählige kleine Unternehmen, deren Zugehörigkeit zur Armee für den Aussenstehenden oft nicht erkennbar ist. Hongkonger Beobachter wissen von 20 000 Firmen der Armee im ganzen Land. Findige Offiziere nutzen das landesweite Netz der Armee für private Geschäfte. Denn Chinas Wirtschaft beruht in extremem Mass auf persönlichen Beziehungen, auf dem Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe, und da bietet das Beziehungsnetz der Armee ideale Voraussetzungen.
Was früher für den Eigenbedarf produziert wurde, geht jetzt auf den Markt. In Fabriken der Armee werden Medikamente, Telefone, Lastwagen, Flugzeuge und Socken hergestellt. Auch im Immobilienmarkt ist die Armee aktiv und spekuliert mit Land und Gebäuden. Sie hat auch keine Bedenken, mit dekadenten westlichen Vergnügungen Geld zu verdienen. Eines von Pekings Luxushotels, das «Palace», gehört zur Hälfte der Armee, und an Schanghais heissester Disco, «JJs», in der sich die Yuppies der Metropole vergnügen, sind die Streitkräfte beteiligt. In Peking betreiben sie eines der grössten Theater und das Filmstudio «Filmproduktion 1. August»; dort werden die grossen Kriegs- und Revolutionsfilme gedreht, die die alten Parteiführer verherrlichen. Auch die Armeekrankenhäuser in Peking sind beliebt, weil es dort - für teures Geld - die besten Ärzte und die beste Behandlung gibt. Selbst Armeebestände werden mit Profit verkauft. Waffen und Munition verschwinden aus den Arsenalen und tauchen auf Schwarzmärkten wieder auf.
Eine bedenkliche Folge dieses Geschäftstreibens ist eine neue Kumpanei der regionalen Militäreinheiten mit den örtlichen Regierungen und Provinzen. Da die Militärs ihre Produkte über den örtlichen Markt absetzen, müssen sie mit den Lokalregierungen zusammenarbeiten, und die zivilen Lokalbehörden umwerben ihrerseits das Militär. Das schwächt die Macht der zentralen Armeeführung und der Zentralregierung. Neben der Regionalisierung fürchtet die Armeeführung auch um die Einsatzbereitschaft einer zum Grossunternehmen degenerierten Armee. Zu Beginn dieses Jahres kündigte die Logistikabteilung an, dass man die Aktivitäten der Armeeunternehmen einschränken und besser beaufsichtigen wolle, doch bisher ist dies nach Einschätzung westlicher Militärbeobachter nicht gelungen. Kein Wunder, denn durch die Geschäftemacherei hat sich auch die Korruption in der Armee rapide ausgebreitet. Nicht wenige der gaogan zidi, der Söhne der hohen Kader, sind daran beteiligt. Auffälligstes Beispiel für diese Verflechtung ist der Konzern Poly: Einer von Polys Managern ist He Ping, ein Schwiegersohn von Deng Xiaoping; ein anderes Mitglied der Konzernleitung ist Wang Jun, der Sohn des ehemaligen Parteiführers und Staatspräsidenten Wang Zhen.
Doch mehr Kopfschmerzen als die Geschäfte der grossen Konzerne, an denen die Verwandten der Mächtigen mitverdienen, dürfte der Armeeführung die Ausbreitung der neuen Geschäftstüchtigkeit in den unteren Rängen und in den Provinzen bereiten, weil sie nicht so leicht von Peking zu kontrollieren sind. Nicht nur sind die Geschäfte unüberschaubar geworden, sie haben auch vielerorts die Grenze der Legalität überschritten.
Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass Marine und Luftwaffe am Schmuggel beteiligt sind. An der Küste werden Autos, Videogeräte, Zigaretten, pornographische Bücher, Waffen und Munition in Massen illegal an Land gebracht - alles mit Hilfe der Marine. Auf der südchinesischen Insel Hainan, wird erzählt, mieten Schmuggler sich regelrechte Eskorten bei der Marine, um ungestört ihren Geschäften nachgehen zu können. Im Südchinesischen Meer greift Piraterie um sich. Bei den Überfällen auf Handelsschiffe sind mehrmals chinesische «Räuber in Uniform» gesichtet worden. Wenn die Armeeführung in Peking die Offiziere in der Provinz wegen ihrer illegalen Aktivitäten kritisiert, verteidigen die sich mit dem Hinweis darauf, dass sie den «Nebenerwerb» zum Überleben brauchten: Der normale Sold reiche nicht aus, um den Soldaten ein angemessenes Leben zu garantieren. Doch Besucher konnten beobachten, dass viele Militärs, die solche Klagereden führen, sich in den neuesten Luxuskarossen zu den teuersten Nachtklubs fahren lassen.
Solche Episoden erschrecken die zentrale Führung, die gerade jetzt eine zuverlässige und starke Truppe hinter sich wissen möchte. Schon in normalen Zeiten greift Unsicherheit um sich, wenn der Partei die Kontrolle über das Militär entgleitet. Doch je näher der Tag X rückt, jener Tag, an dem Deng Xiaoping nicht mehr sein wird, desto bedeutsamer wird die Frage der Loyalität der Armee gegenüber der Parteiführung. In Krisenzeiten hat die 3,2 Millionen Mann starke Volksbefreiungsarmee eine wichtige Rolle zu spielen. Ohne ihre Unterstützung kann sich kein Parteiführer halten, ohne ihre Loyalität kann es keinen reibungslosen Machtübergang geben. Die glorreiche Volksbefreiungsarmee, die die Partei vor 45 Jahren an die Macht gebracht hat, soll sie auch an der Macht halten.
Vor seinem 90. Geburtstag in diesem Jahr hat Deng Xiaoping die Generäle noch einmal zu sich zitiert und ihnen Anweisungen für die Zeit nach seinem Tod gegeben. «Versammelt euch um Jiang Zemin als Kern der neuen Führung. Bewahrt unter allen Umständen die politische Stabilität. Helft der Partei und der Regierung, die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten. Stärkt die Zentralmacht, und verhindert, dass sich der Regionalismus ausbreitet.» Deng ist offiziell nicht mehr der Oberste Befehlshaber der Streitkräfte, doch seinem auch schon bald 70jährigen Nachfolger mangelt es noch immer an Autorität. Vor fünf Jahren beförderte Deng Jiang Zemin zum Parteichef und gleichzeitig zum Vorsitzenden der Zentralen Militärkommission. Doch Jiang, der auf keine militärische Erfahrung zurückgreifen kann, hat einen schweren Stand.
Zwar hat er sich redlich bemüht, in der Militärführung Freunde zu gewinnen. Fast jeden Monat besucht er eine Einheit, inspiziert Truppen, verteilt Auszeichnungen. Doch bei seinen Auftritten wirkt der Zivilist Jiang noch immer steif und unsicher. In diesem Sommer ernannte er neunzehn neue Generäle; Beförderungen, die von vielen auch als der Versuch Jiangs gedeutet werden, sich die Militärs zu verpflichten. Der alte Deng hat zu helfen versucht, indem er seine Gefolgsleute im Militär möglichst eng in die zivile Regierung einband. Dengs früherer Privatsekretär, Wang Ruilin, ist zum Politkommissar der Streitkräfte ernannt worden. Er soll sicherstellen, dass die Soldaten auf die Theorien des Genossen Deng Xiaoping eingeschworen bleiben. Im Mai dieses Jahres ist eine Bestimmung erlassen worden, nach der der Vorsitzende der Militärkommission ein Zivilist, der stellvertretende Vorsitzende und die anderen Mitglieder der Militärkommission Generäle sein müssen. Die oberste Führung der Armee soll über die jetzige Situation hinaus bei einem Parteiführer liegen.
Doch niemand weiss, ob die Pläne eingehalten werden, wenn ihr Urheber nicht mehr lebt. Die Armeeführer, so sagen Gewährsleute, fühlen sich immer noch der Stabilität und dem Zusammenhalt des Landes verpflichtet. Mehr als der Machtkampf an der Spitze werden die inneren Zustände in der Truppe für Unsicherheit sorgen: die nachlassende Disziplin, das wachsende Interesse an eigenen Geschäften, die neue Interessengemeinschaft mit den lokalen Regierungen. All das macht die alte Revolutionsarmee zum Pulverfass, das sich in der Zeit nach Deng leicht entzünden könnte.
Petra Kolonko berichtet seit fünf Jahren aus Peking für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».