NZZ Folio 01/96 - Thema: Menschenrechte   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Wer schenkt schon Gehör?

Von Wolf Schneider
VON DEN GROSSEN VIER der Kommunikation - Sprechen, Schreiben, Hören, Lesen - hat das Hören die geringste Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zu Unrecht: Denn es gibt nichts, was das Gehirn vielfältiger aktiviert, was in den Zeitgeist inniger verwoben ist und uns schlimmeren Zumutungen unterwirft.

Kannst du nicht hören? wird dem trotzigen Kind zugerufen. Unerhört! Das gehört sich nicht! Wer nicht hören will, muss fühlen! Da hat sich im Hören jener Sinn erhalten, der im übrigen ins Gehorchen, in den Gehorsam, ins Verhör abgewandert ist: Sprechen hiess befehlen, und hören hiess befolgen - so war das immer, wo Häuptlinge, Diktatoren, Kasten regierten, also fast überall in der längsten Zeit der Geschichte. Dass eigentlich nur die Obrigkeit das Sagen habe (wie wir enthüllend formulieren), hat noch Friedrich Rückert als Lebensregel aufgestellt:

Du hast zwei Ohren und einen
Mund;
Willst du’s beklagen?
Gar vieles sollst du hören und
Wenig darauf sagen.

Und noch wenn wir arglos rufen: «Das Buch gehört mir!», haben wir eine verspätete Anleihe beim Gehorchen gemacht ? denn ursprünglich sprach der Herr zum Knecht: «Du gehörst mir», und das hiess: Meinen Befehlen hast du zu lauschen! Der Hörende war der Hörige, eines anderen Eigentum.

Es war die Demokratie, ob in Athen, London oder Appenzell, die das Sprechmonopol der Tyrannen brach: Nun durften alle Bürger reden, und das Hören hatte aufgehört, ein Gehorchen zu sein. Wer unsere Parlamente als Schwatzbuden verspottet, wie dies gern geschieht, dem fehlt der Sinn für das schöne Signal, das all diese Buden geben: Die Einheit von Sprechen und Befehlen ist zerbrochen. Freilich hat das Fernsehen die meisten von uns dazu verführt, aufs Reden zu verzichten und aus dem Hören wieder unsere Hauptbeschäftigung zu machen, in halb freiwilliger Hörigkeit. Aber die nächste Wende ist schon im Gange: Wer am Computer sitzt, benutzt weder den Mund noch die Ohren, sondern tummelt sich in einer stummen Welt der optischen Signale, die dem Jubeln so wenig wie dem Seufzen noch eine Chance lässt.

Da wird denn auch eine der kompliziertesten Leistungen unseres Gehirns nicht mehr abgerufen: die Verwandlung eines Zurufs in die Handlung, die daraus folgen soll. Es ist fast unglaublich, was sich unter unserer Schädeldecke alles abspielt, wenn das Ohr, zum Beispiel, von der Frage eines Fremden im Strassenlärm die Silben aufnimmt: « . . . sagen, wo die . . . thedrale ist?»

Der Befragte verwandelt diese Luftschwingungen in Nervenerregungen um und leitet sie zunächst zum Zwischenhirn. Das prüft die akustischen Signale, ob sie Lust, Unlust, Wut, Erschütterung oder Angst auslösen und ob demnach eines der Programme in Gang gesetzt werden muss, die dort gespeichert sind: Angst - Adrenalin - Flucht oder Kampf! Beim hier gewählten Zuruf: keine Reaktion - Durchlassen ins sensorische Sprachzentrum in der Grosshirnrinde.

Hier werden zunächst die durch den Strassenlärm verstümmelten Wörter zu jenem Lautbild zusammengesetzt, das der Fragende vermutlich meinte: «Können Sie mir sagen, wo die Kathedrale ist?» Den so bereinigten Schall vergleicht das Sprachzentrum mit den dort gespeicherten Wortbildern; der Speicher meldet: Alle Wörter bekannt. Nun erst dringt die Frage ins Bewusstsein und kann auf ihren Sinn abgeklopft werden: Weiss ich eigentlich, wo die Kathedrale ist? Und soll ich die Frage etwa wörtlich nehmen und folglich mit «Ja!» beantworten?

Natürlich nicht. Nachdem das Zwischenhirn Entwarnung gegeben und die Grosshirnrinde das Schallbild komplettiert, identifiziert und auf das mutmasslich Gemeinte übertragen hat, kann ich nun antworten: «Einen Kilometer geradeaus, dann sehen Sie sie.» So vielfältige Aktivität, eine solche Bereitschaft zu schöpferischer Mitgestaltung wird vom Zuhörer schon bei einer einfachen Frage erwartet.

Wenn das Zuhören uns so viel abverlangt - kann es uns wundern, dass es so selten ist? Fast alle Menschen reden lieber. Wer von einer Reise heimkehrt und vor Mitteilungsdrang birst, muss nichts häufiger erleben, als dass es keinen gibt, der seinen Bericht wirklich hören will. Auch der «Feiertag zum Anhören fremder Argumente», den der polnische Satiriker Karol Irzykowski sich wünschte, ist bis heute nicht eingeführt.

Berufszuhörer haben es unter diesen Umständen zu Ansehen gebracht: Psychoanalytiker, Beichtväter, Telefonseelsorger; und die Chance des Kriminalbeamten, dass der Verdächtige ein Geständnis ablegt, besteht nicht zuletzt in dessen Gefühl: «Endlich hört mir mal jemand zu.» Die meisten Worte aber, die einen Hörer suchen, verhallen unverstanden. Wer spricht, ist oft einsamer, als er glaubt: Er will, dass ein Mensch ihm Gehör schenkt, aber zum Partner hat er allein das eigene Sprechgeräusch. Oder in Zukunft das Tacken der Tasten.



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