NZZ Folio 11/93 - Thema: Kurden   Inhaltsverzeichnis

«Solange ein Weg ist  .  .  .»

Die Wurzeln des Konflikts.

Von Arnold Hottinger

«EINTRACHT UND HARMONIE herrschen nie unter den kurdischen Völkern. Sie lehnen eine jede Unterwerfung ab, und keines leistet dem anderen Gehorsam, keines will sich vor dem anderen beugen.» Nicht von einem der vielen Feinde der Kurden, wie man vielleicht annehmen könnte, stammen diese Sätze, sondern vom «Vater der kurdischen Geschichte», dem kurdischen Fürsten von Bitlis, Sharaf ad-Din. Ende des 16. Jahrhunderts verfasste er eine grosse Chronik über die kurdischen Herrscher und Stämme. Das Sharaf-Nameh genannte Werk, in Persisch geschrieben, ist die wichtigste Quelle früher kurdischer Geschichte.

Die Chronologie beginnt mit den fünf kurdischen Dynastien, die volle Souveränität besassen. Die berühmteste war die der Aijubiden, ihr Ahnherr der kurdische Feldherr Salah ad-Din, der gefürchtete Gegner der Kreuzfahrer. Salah ad-Din Aijubi, geboren 1138 in Tikrit, herrschte von 1171-1193 über Ägypten und ab 1174 über Syrien. Beinahe 30 weitgehend unabhängige kurdische Herrscherhäuser fanden sich auf der türkischen Seite der Grenze. Was sich im 16.  Jahrhundert eingespielt hatte, blieb auch in den späteren Jahrhunderten gültig: Die meisten der verschiedenen kurdischen Herrscher verstanden es vortrefflich, zwischen Türken und Persern zu lavieren. Den erfolgreichsten gelang es gar, unabhängige Herrscherhäuser zu errichten. Aber es gab nie, soweit wir die Geschichte kennen, einen kurdischen Herrscher, der alle Kurdengebiete unter sich hätte vereinigen können.

Das Volk der Kurden definiert sich durch eine gemeinsame Sprache und einheitliche Sitten. Im Lebensstil zeigen sich jedoch wichtige Unterschiede: Manche Stämme leben halb nomadisch, pendeln zwischen Winter- und Sommersitzen, während andere sesshafte Bergbauern sind und ein weiterer Teil der Bevölkerung in den Städten wohnt.

Über die Herkunft der Kurden streiten sich die Gelehrten. In Keilschriftdokumenten aus der assyrischen Zeit (7. Jahrhundert v. Chr.) tauchen Bezeichnungen auf, die sich auf die Kurden beziehen könnten. Xenophon kämpfte um das Jahr 400 v. Chr. gegen die «Kardouchoi». Die Kurden selbst führen ihren Ursprung gerne auf die Meder zurück, deren Reich gegen 550 v. Chr. jenem der Perser weichen musste.

Als wissenschaftlich gesichert gilt einzig, dass Kurdisch als eigene Sprache der indogermanischen, besser indokeltischen Sprachfamilie angehört. Darin wird das Kurdische den westiranischen Sprachen zugeordnet, das Persische gehört zur südiranischen Sprachgruppe. Zwischen Persisch und Kurdisch besteht eine Verwandtschaft, doch ist sie weniger eng als beispielsweise zwischen Französisch und Italienisch. Wie alle in Bergregionen gesprochenen Sprachen zerfällt das Kurdische in zahlreiche Dialekte, deren gemeinsamer Ursprung jedoch offensichtlich ist. Es lassen sich drei Hauptgruppen unterscheiden: Sorani und Kirmandschi, die im südlichen und im zentralen Teil Kurdistans gesprochen werden und in der Vergangenheit im Rang von Literatursprachen standen; und das nordkurdische Zaza, das heute immer mehr an Bedeutung als geschriebene Sprache gewinnt. Als hauptsächlich in Deutschland lebende Emigranten haben kurdischstämmige Türken damit begonnen, Schriften in ihrer Muttersprache zu veröffentlichen.

  Bira rê be, bira dûr be,   Bira buhûr be, bira kûr be,   Bira kec be, bira pîr be   Bira avis be, bira di derengîbe.  .  .   Solange ein Weg ist, wenn er auch lang sei,   Solang eine Furt ist, wenn sie auch tief sei,   Solange sie Jungfrau ist, mag sie auch alt sein,   Solange sie schwanger ist, mag die Entbindung auch   spät sein  .  .  . (zu ergänzen: ist nichts verloren)

Perser erkennten die Begriffe «fern», «alt» und «spät», könnten jedoch weder Satzkonstruktion noch Bedeutung erfassen, denn das Arabische, eine semitische Sprache, und das Türkische, eine turko-altaische, gehören nicht zur indogermanischen Sprachfamilie; sie unterscheiden sich vom Kurdischen etwa gleich stark wie vom Deutschen. Die türkische Sprache drang erst im 10. und 11. Jahrhundert aus Innerasien nach Kleinasien vor. Das Kurdische muss mit indogermanischen Stämmen spätestens gegen 600 v. Chr. in den ostanatolischen Raum gelangt sein.

Nach der Ausbreitung des Islams kurz nach seiner Entstehung im 7. Jahrhundert bildeten die Kurden einen Teil der islamischen Vielvölkerstaaten, in denen die Religionszugehörigkeit wichtiger war als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk. Dies war der Fall in den arabischen Grossreichen unter den omaijadischen und abbasidischen Kalifen und im osmanischen Vielvölkerstaat, der bis 1924 bestand. Auch das persische Grossreich umfasste viele Völker verschiedener Sprachen und Religionen. Soweit sie Muslime waren, gehörten die Kurden zur staatstragenden Schicht, durchaus gleichberechtigt mit den Angehörigen anderer muslimischer Völker. Bis heute gibt es unter den Kurden christliche und jüdische Minderheiten sowie eine bedeutende Zahl von Angehörigen islamischer Sondergruppen, die unter den Normalmuslimen als heterodox angesehen werden. Sie galten immer als Minderheiten. Angesiedelt in gebirgigen Randlagen in den von Türken und Persern umkämpften Grenzgebieten, wurde ihnen von den obersten Herrschern oft weitgehende Selbstbestimmung gewährt.

Im 19.  Jahrhundert, als der osmanische und der persische Staat unter dem Druck der europäischen Mächte ihre Reiche zu zentralisieren begannen, erfuhr die kurdische Geschichte eine entscheidende Wende. Die türkischen Sultane, deren Reich unter den Aufständen der europäischen Untertanenvölker (beginnend mit Griechenland 1821) zu zerbröckeln drohte, versuchten nun die zentrale Autorität von Istanbul aus im ganzen Reich durchzusetzen. Gegen Mitte des 19.  Jahrhunderts hatten sie alle Kurdenfürsten ausgeschaltet und sich ihr Volk unterworfen. Immer wieder kam es zu Aufständen, oft dann, wenn das osmanische Reich anderweitig herausgefordert war. Yezdan Sher begann seine Revolte 1853 von Hakkari und Bohtan aus. Vorübergehend nahm er Bitlis und Mosul ein und beherrschte fast das ganze Gebiet zwischen Van und Bagdad. 1855, als der Krimkrieg (1853-56) zu Ende ging, überredete ihn ein britischer Agent, nach Istanbul zu reisen. Doch es handelte sich um eine Falle. Yezdan Sher wurde festgenommen und eingekerkert.

1877/78, kurz nach dem Aufstand von Bulgarien, Bosnien und Herzegowina (1875), der zum Krieg der Osmanen gegen Serbien und Montenegro führte, erhoben sich die Kurden von Hakkari, Bahdinan und Bohtan gegen Istanbul. Dieser Revolte folgte 1880 jene des Scheichs Obaidullah von Nehri. Sie nahm in Persien ihren Anfang und hatte ein autonomes Kurdengebiet unter osmanischer Oberhoheit zum Ziel. Als dann der kurdische Scheich vorübergehend das persische Täbris bedrohte, schlugen das osmanische und das persische Heer den Aufstand nieder.

In diese und zahlreiche andere Kämpfe war stets auch die europäische Diplomatie verwickelt: Grossbritannien trat meistens für die Erhaltung des Osmanischen Reiches ein, während das Zarenreich oft die Untertanen des Sultans bei ihren Erhebungen unterstützte. So wurden die Engländer zu indirekten Gegenspielern der Kurden.

Die gleichen politischen Kräfte, die zur Zeit des Zerfalls des «kranken Mannes am Bosporus» sichtbar wurden, verstärkten und radikalisierten sich mit der Entstehung von Nationalstaaten unter dem Druck der Siegermächte des Ersten Weltkrieges. Die Türkei selbst wurde zum Nationalstaat unter Kemal Atatürk, in dessen nationalem Befreiungskrieg (1919-23) auch viele Kurden gegen die «christlichen» griechischen Heere als «Glaubenskrieger» mitkämpften, um sie aus Kleinasien zu vertreiben. Die einstigen syrischen und irakischen Provinzen des Reiches, in denen viele Kurden lebten, wurden hingegen abgetrennt, unter britisches und französisches Mandat gestellt und darauf vorbereitet, arabische Nationalstaaten zu werden.

Ein Plan, in Anatolien einen armenischen Staat und ein autonomes kurdisches Gebiet zu errichten, der 1920 im Vertrag von Sèvres seinen Niederschlag fand, wurde nicht verwirklicht, weil der erfolgreiche Aufstand Atatürks ihn zunichte machte. Sèvres wurde 1923 durch den Vertrag von Lausanne ersetzt, der die bis heute gültigen türkischen Grenzen festlegte. Die Türkei verpflichtete sich in Paragraph 39 des Vertrages, «keinem türkischen Staatsangehörigen Beschränkungen im Gebrauch irgendeiner Sprache aufzuerlegen, in privaten Zusammenkünften, als Handelssprache, in religiöser Hinsicht, für die Presse und Veröffentlichungen aller Art sowie in öffentlichen Zusammenkünften». Die Frage, welchem Staat das ölreiche Gebiet von Mosul, wo viele Kurden lebten, zugeschlagen werden sollte, blieb vorderhand offen. Sie wurde erst geregelt, als Grossbritannien und Frankreich sich verständigt hatten: Paris erhielt Aktienpakete der Irakischen Erdölgesellschaft, und Mosul mit seiner Provinz fiel an den Irak. Nun waren die kurdischen Gebiete, die schon seit Jahrhunderten zwischen dem osmanischen und dem persischen Reich lagen, auf vier Staaten verteilt: die Türkei, Iran, den Irak und Syrien. Einige kurdische Siedlungen gehörten noch zu den Sowjetrepubliken Aserbeidschan und Armenien.

In dieser Aufsplitterung liegt die Wurzel des heutigen Kurdenproblems. Die Kurden gingen leer aus, und durch die Konzeption und die Ideologie der vier neuen Nationalstaaten wurden sie erst recht ausgegrenzt. Aus der Vergangenheit der früheren muslimischen (und schon vieler vorhergehender orientalischer) Staaten und Reiche hatten die neuen Staaten nämlich das Grundkonzept übernommen, wonach nur ein Volk dazu bestimmt sei, Verantwortung und Lohn der Herrschaft zu tragen. Diese altorientalisch-muslimische Sicht vom Staatsvolk (das im Islam weitgehend durch die Religion bestimmt war) erlangte jetzt Geltung in «Nationalstaaten» europäischer Konzeption, in denen eigentlich alle Bürger gleiche Rechte geniessen sollten. In allen vier Staaten waren die Kurden somit Aussenseiter, die oft genug die harte Hand der Regierungen zu spüren bekamen. Die Gründe für diese Aussenseiterposition sind geographischer, sprachlicher und historischer Art: In allen vier Staaten sind die Kurden Bewohner der meist gebirgigen und unerschlossenen Grenzregionen; in allen vier Staaten ist ihre Sprache nicht Nationalsprache; und das Streben der Kurden nach Unabhängigkeit, das sich in einem beständigem Aufbäumen gegen erlittene und manchmal auch imaginäre Ungerechtigkeiten äussert, machte sie bei den Zentralbehörden erst recht unbeliebt. Weil sich die Kurden - aus purer Notwendigkeit - mit den jeweiligen Landesfeinden verbündeten, um ihre Ziele zu erreichen, wurden sie in den Augen des Staatsvolkes und vor allem der Armeeführung zu potentiellen Verrätern, die stets dann dem «Vaterland» in den Rücken fallen, wenn es ohnehin mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Im Gegenzug zeigten sich die Regierungen weniger denn je bereit, etwas für die kurdischen Belange zu tun (Wirtschaftsentwicklung, Sprache, Schulen, Presse, kurdische Behörden), sondern versuchten im Gegenteil, die Kurden möglichst niederzuhalten - was zu weiteren Ressentiments und zu neuen Aufstandsversuchen führte. Diese Spirale dreht sich bis heute.

Doch welches sind die Eckpunkte der kurdischen Geschichte, deren Schauplätze sich seit dem Vertrag von Lausanne in vier verschiedenen Nationalstaaten befinden? Im Irak boten die Kurden von allem Anfang an der neuen Armee erfolgreich die Stirn. Erst Bombardements ihrer Dörfer durch die britische Luftwaffe zwangen sie zum Einlenken. 1929 wählten die Kurden nach dem militärischen den politischen Weg und legten der Regierung von Bagdad (in der die britische Mandatsmacht die Politik bestimmte) ein Gesuch vor, das den Zusammenschluss aller kurdischen Gebiete zu einer administrativen Einheit verlangte. Aber das Gesuch wurde abgewiesen. Darauf kam es zu Aufständen, die im Süden von Scheich Mahmud Barsinji und im Norden von Mullah Mustafa Barzani angeführt wurden. Sie dauerten mit Unterbrechungen und Unterhandlungen bis 1933, und es war die Royal Air Force, die den irakischen Truppen zu Hilfe kam. Die Briten bombardierten die Region des Barzani-Stammes und sollen über tausend Häuser zerstört haben.

Auch die Türkische Republik wurde ab Mitte der zwanziger Jahre von Unruhen erschüttert. Hier war der Kurdenaufstand unter anderem eine Reaktion auf neue Gesetze, die alle nichtstaatlichen Schulen verboten und in den staatlichen allein Türkisch als Unterrichtssprache zuliessen. Offiziell waren diese Gesetze gegen die Islamschulen gerichtet. Doch in den kurdischen Gebieten bedeuteten sie, dass die bisher in den religiösen Lehrstätten neben dem Arabischen verwendete kurdische Sprache zugunsten des Türkischen unterdrückt wurde.

Dass ein Aufstand geplant war, kam der Zentralregierung bereits 1924 zu Ohren, und sie stellte die meisten zivilen und militärischen Anführer in Bitlis vor ein Gericht. Nur einer der Verschwörer blieb frei, der angesehene Geistliche des Nakschibendi-Ordens, Scheich Said von Piran. Als türkische Truppen in Piran eindrangen, um ihn gefangenzunehmen, brach die Revolte endgültig aus. Die Aufständischen verzeichneten zunächst Erfolge, wurden dann aber nach der Konzentration starker Truppenverbände niedergeschlagen. Um in die Osttürkei zu gelangen, wurde den türkischen Truppen von Frankreich die Benutzung der Bagdadbahn erlaubt, die durch syrisches Territorium führte, und schliesslich wurde Scheich Said mit 52 andern Rädelsführern am 4. September 1925 in Diyarbakir gehenkt. Zuvor schon waren Tausende von Kurden erschossen, ganze Dörfer niedergebrannt und ihre Bewohner ins Innere der Türkei verschleppt worden. Die Repression war so brutal und blutig, dass sie Empörung und Widerstandswillen auch unter den kurdischen Stämmen der Türkei weckte, die nicht am Aufstand beteiligt waren. Weil die Erhebung von 1925 durch den Geistlichen Scheich Said angeführt worden war, erklärte die offizielle türkische Darstellung diese und alle späteren kurdischen Bewegungen als «religiöse Reaktion» gegen das Laisierungsprogramm Atatürks und ignorierte so mit Absicht die nationalistische Komponente des kurdischen Widerstandes. Viele Türken glauben bis heute an diese offizielle und in den Schulen gelehrte Version ihrer Geschichte.

Der zweite Aufstand der Kurden wurde in Libanon von einem Komitee vorbereitet. Die Bewegung nahm 1929 im Norden Kurdistans, am Berg Ararat, ihren Anfang. Nach dem Zusammenzug grosser Truppenverbände gelang es Ankara, sie niederzuschlagen. Besonders verfolgt wurden von nun an die kurdischen Intellektuellen des Nordens. In der selben Zeit begann die Zentralregierung die Kurden als «Bergtürken» zu bezeichnen.

Der dritte Aufstand von Dersim schliesslich (im Jahr 1936) war wohl ein spontaner Verzweiflungsakt der Kurden jener Bergprovinz. Sie hatten sich an keiner der vorausgehenden Erhebungen beteiligt. Doch nun sollten sie entwaffnet werden, und sie fürchteten Deportierungen. Der Volksaufstand dauerte zwei Jahre und war der erste wirkliche Guerillakrieg, den die Kurden der Türkei führten. Er ging erst zu Ende, als den Bewohnern des umzingelten Bergmassivs die Munition ausging. Dersim blieb bis 1946 unter Kriegsrecht.

Auch in Iran entzündete sich der Konflikt zwischen dem neuen Nationalstaat und den Kurden, als Oberst Reza Khan, Vater von Schah Reza Pahlevi, seine nationalen Streitkräfte dazu einsetzte, die Stämme der Peripherie unter Zentralgewalt zu bringen. Um die Macht der traditionellen Anführer zu brechen, wurden von 1922 an Dutzende von Stammeschefs nach Teheran gebracht, ihre Ländereien beschlagnahmt. Man verbot alle kurdischen Organisationen, ob sozialer, kultureller oder wirtschaftlicher Ausrichtung. 1932 wurde der kurdische Stammesführer Shimko (Ismail Khan Shikak), der eine Protestbewegung organisiert hatte, zuerst zum Gouverneur seiner Region ernannt, dann aber von der Polizei der Zentralregierung erschossen, nachdem er die Regierungsdelegation, die gekommen war, um seine Einsetzung zu bestätigen, bis an die Grenze seines Distriktes zurückbegleitet hatte. Die iranische Kurdenpolitik unterschied sich aber von jener der türkischen und arabischen Nachbarn insofern, als die Zentralbehörden die Verwandtschaft des Kurdischen mit dem Persischen auszunutzen versuchten. Die Kurden wurden als «Vettern» behandelt. Offiziell schritt die Regierung nur gegen ihre Feudalherren ein. Diese Politik bedingte, dass Teheran nicht allzu schroff gegen die kurdische Sprache vorging und beispielsweise kurdische Primarschulen tolerierte. Doch die kurdischen Perser beklagen sich bis heute über schwere wirtschaftliche Benachteiligung.

In Syrien zeigten sich die Mandatsbehörden den Kurden wie anderen Minderheiten gewogen, weil sie sie als Gegengewicht zur sunnitisch-arabischen Mehrheit ansahen, die stets gegen das Mandat ankämpfte. Doch diese Politik der Mandatsmacht, die unter anderem zur Aufnahme vieler Kurden in die sogenannten Spezialtruppen führte, bereitete das spätere Misstrauen vor, das die arabischen Nationalisten gegenüber Minderheiten empfanden, die mit den Franzosen «zusammengearbeitet» hatten. Um so mehr, wenn diese Minderheiten kein Arabisch sprachen.

Allgemein lässt sich feststellen, dass die Zwischenkriegsjahre in allen vier Staaten geprägt waren von einer merklichen Trübung des Verhältnisses zwischen den Kurden und ihren Zentralregierungen. Die Spannungen entluden sich in heftigen Gefechten zwischen den regulären Armeen und den kurdischen Aufständischen. Als dann in den Nachkriegsjahren (im Irak sogar schon seit 1936) in den arabischen Ländern, in denen Kurden lebten, Armeeoffiziere durch Staatsstreiche die Macht übernahmen, zog das meist eine noch brutalere Verfolgung der Kurden durch die Armee nach sich. Auch in der Türkei war jede der vorübergehenden Machtübernahmen durch die Armee in den Jahren 1960, 1971 und 1980 begleitet von einer noch schärferen Unterdrückung der Kurden - eine Folge dieses besonderen Antagonismus, der in der Zwischenkriegszeit zwischen den Berufsoffizieren und den Kurden entstanden war.

Arnold Hottinger war bis 1991 NZZ-Nahostkorrespondent. Er wohnt heute in Madrid.


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