NZZ Folio 01/04 - Thema: Strafe   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Wer kommuniziert mit wem warum?

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Von Wolf Schneider

IRRITIERENDER hat nie ein Begriff geschillert als der der Kommunikation: Schlüsselwort der Gegenwart, dubiose Allerweltsvokabel für nützlichen Austausch, hohles Geschwätz und zudringliche Berieselung; dazu für all die Milliarden Bits und Pixels, die blitzend, piepsend, schnatternd ohne Pause um die Erde sausen.

Schon mit der Sprache, vor hunderttausend Jahren, trat eine Zweiteilung der Kommunikation ins Leben – zwischen der horizontalen, dem Gespräch unter Gleichberechtigten, und der vertikalen: dem Befehl des Häuptlings, der Verfluchung durch den Medizinmann, später verfeinert zum Edikt des Kaisers und zur Enzyklika des Papstes. Der Buchdruck machte zwar das Wort zur Massenware, förderte jedoch primär wiederum die Kommunikation von oben nach unten: Schreiben zu können, einen Verleger zu finden, einen Drucker zu bezahlen, blieb ja ein Privileg.

Auch Zeitung, Radio, Fernsehen kommunizieren vertikal: In den Massenmedien befindet sich eine Minderheit im Besitz der Informationen, die sie in der ihnen angemessen scheinenden Form und Dosierung an die lesende, lauschende Mehrheit weiterleitet. Dieses Gefälle hat, zumal bei Einführung des Radios vor neunzig Jahren, viele Kritiker auf den Plan gerufen, marxistische vor allem: Bert Brecht schrieb 1927, es gehe nicht an, dass der Rundfunk ein reiner «Distributionsapparat» sei, ein einseitiger Lieferant; dem müsse sich eine Organisation der Belieferten entgegenstellen.

Das klang plausibel – nur: Was wollte zum Beispiel die deutsche «Arbeiter-Radio-Presse» am 1. Mai 1932 gesendet haben? «Morgenmusik des proletarischen Blasorchesters Leipzig – Verlesung des Kommunistischen Manifests – Körperkultur im Arbeiterstaat – Übertragung der Maifeier der Moskauer Arbeiterschaft» und so weiter. Auch die Freiräume, die seither dann und wann ein Sender einer politischen Gruppierung überlassen hat, wurden zumeist durch nichts gefüllt, was in den Hörern den Wunsch nach mehr horizontaler Massenkommunikation hätte wecken können.

Der Austausch von Gleich zu Gleich, zunächst am Lagerfeuer, bei der Jagd, auf der Gasse betrieben, wurde durch den Brief, dann durch das Telefon intensiviert – bis schliesslich das Internet in einem Sturmlauf ohne Beispiel Hunderten von Millionen Menschen über Mauern und Meere hinweg die Chance zum totalen Gespräch gegeben hat. Viel Wissen wird da erworben, viel Sympathie gestiftet; geographisch weit verstreute Interessen lassen sich fruchtbar bündeln, und als Kontaktbörse für Liebe und Ehe hat das Internet im Abendland bereits den dritten Platz erobert, nach der Party und dem Büro.

Nur eben andrerseits: Hochstapler und Wirrköpfe nutzen das Internet, Sektierer, Neonazis, Panikmacher, Triebtäter und Terroristen. Hitlers «Mein Kampf» lässt sich im Netz ebenso bestellen wie eine Anleitung zum Bombenbasteln. Microsoft hat im Oktober 2003 seine Plauderforen (Chatrooms) in Europa geschlossen, weil sich darin der Werbemüll und die Suchanzeigen von Kinderschändern häuften. Gelüste lassen sich da ausleben, die früher nie zusammenfanden. Der Tiefpunkt aller horizontalen Kommunikation auf Erden war, dass anno 2001 ein Computertechniker aus einer hessischen Kleinstadt für seine kannibalischen Begierden im Internet 800 Gleichgesinnte fand und schliesslich einen Mann, «der sich von mir gern fressen lassen würde». Das geschah sodann.

Der Prozess gegen den Menschenfresser ist im Gang, und vor dem Internet türmt sich das ungeheure Fragezeichen auf: Waren das nicht am Ende doch bessere Zeiten, als zwei derart Perverse keine Chance hatten, einander je zu finden? Und was soll man vor diesem Hintergrund von den Visionen einiger Wissenschafter halten, die in der Vernetzung von Milliarden ein Riesenhirn entstehen sehen, das die Menschheit einer besseren Zukunft entgegentreibt? Bisher ist es der Unfug, der harmlose wie der schreckliche, der im Netz regiert.

Seit etwa vierzig Jahren hat das schillernde Wort Kommunikation noch eine Facette mehr: Die Werbung und die sogenannte Öffentlichkeitsarbeit haben es an sich gerissen, sie fassen ihre Arbeit unter diesem Begriff zusammen; zuweilen nennen sie sie ehrlicherweise «Auftragskommunikation». Sie verhalten sich also einerseits wie Häuptlinge oder Päpste («Wir reden, ihr schweigt») und bauen doch andrerseits darauf, dass die Leute das so genau nicht heraushören.

In derselben Branche ist der Missbrauch entstanden, das Tätigkeitswort transitiv einzusetzen: «Wir müssen das besser kommunizieren», sagen sie. Damit ist die letzte Spur von Austausch dahin. Und wie nannte sich der berüchtigte Imageberater, also Propagandachef von Tony Blair? «Kommunikationsdirektor» nannte er sich.

Was ist demnach gemeint, wenn in den Stellenausschreibungen für Führungskräfte «Kommunikationsstärke» gefordert wird oder «kommunikative Kompetenz»? Nichts scheint ja den Inserenten wichtiger. Aber gesagt haben sie nicht, ob sie Gesprächsbereitschaft meinen oder die Fähigkeit, dafür zu sorgen, dass alle anderen den Mund halten. Vieldeutiger, sinnloser könnte ein Wort nicht sein.




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