STEINERNE ARCHITEKTUR heisst die Kampfparole, die die Berliner Szene seit dem Fall der Mauer spaltet. All die lauten Streitereien konnten aber nicht verhindern, dass die meisten neuen Bauten im boomenden Bezirk Mitte enttäuschen. Ein Lichtblick findet sich dafür in Charlottenburg, nahe dem Kurfürstendamm. Genauer in der an kontextuellen Bezügen und Erinnerungen reichen Kantstrasse: Zwischen Stadtbahnviadukt, Theater des Westens, Delphi-Filmpalast und Bauten aus der Gründerzeit erhebt sich auf dem Kant-Dreieck ein gedrungenes Turmhaus, das aus steinernem Sockel einen lichten Stahlkörper in den Himmel treibt, über dem eine riesige, von den Berlinern Haifischflosse genannte Wetterfahne in die Ferne weist.
Mit dem bulligen, knapp 54 Meter hohen «Campanile» hat der 62jährige Berliner Stararchitekt Josef Paul Kleihues der Stadt ein neues Wahrzeichen gegeben, das in luftiger Höhe mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und dem Fernsehturm am Alexanderplatz kommuniziert, sich zugleich aber auch um eine «kritische Rekonstruktion der Stadt» bemüht.
Unter diesem Schlagwort kämpfte Kleihues, beeinflusst von Aldo Rossis Theorien, bereits zwischen 1979 und 1987 als Direktor der Internationalen Bauausstellung (IBA) für die Neugestaltung der durch Krieg und modernistischen Urbanismus stark fragmentierten Berliner Stadtlandschaft. Seine Auseinandersetzung mit dem Baublock gilt als ein entscheidender Beitrag zur Städtebaudiskussion der jüngsten Zeit.
Kleihues kümmerte sich beim Kant-Dreieck aber nicht nur um die Wiederherstellung der Textur der Stadt. Ebenso wichtig waren ihm Stimmung und Geschichte dieses Ortes, der sich seit Anfang unseres Jahrhunderts zum zweiten Zentrum von Berlin entwickelte. Rund um das 1895 von Bernhard Sehring errichtete neubarocke Theater des Westens fand sich eine Bohème von Künstlern, Dichtern und Mäzenen ein, zu der sich Ende der zwanziger Jahre auch Josephine Baker gesellte. Dieser legendären Tänzerin hat Kleihues sein Turmhaus gewidmet - nicht nur weil sie einst Le Corbusier und Loos viel bedeutete. Denn ähnlich wie die Baker ihre Kunst mit einem Hauch Frivolität zu pfeffern wusste, versucht Kleihues die Sprödheit seines auf geometrischer Abstraktion, linearer Reihung, klaren Modulen, Massstab und Detail aufbauenden Rationalismus poetisch zu überhöhen.
So ist am Stadtbahnviadukt, über den schon in Berlins wildesten Jahren die Züge bis nach Moskau rollten, ein Gebäude entstanden, das mit seiner Bekrönung den russischen Konstruktivismus beschwört, während seine kubische Gestalt an deutsche Turmhäuser des Expressionismus erinnert, wie sie Lothar Neuman in Breslau, Wilhelm Kreis in Düsseldorf oder Eugen Schmohl in Berlin konzipierten. Schmohls Borsig-Haus in Tegel, vor 70 Jahren das erste Hochhaus der Stadt, markiert mit seinen drei übereinander gestellten Würfeln und der aufgesetzten Krone ebenso wie gewisse Kirchturmentwürfe Schinkels eine Vorstufe zum Bau am Kant-Dreieck. Dem eigentlichen Campanile beigefügt ist ein dreieckiger, zum gekurvten Viadukt hin abgerundeter Sockelbau, dessen quadratische Glasfassaden gerahmt werden von steinverkleideten Wänden. Das Spiel mit der steinernen Architektur, mit dem Be- und Entkleiden kulminiert im Turmbau: Auf dem 18 Meter hohen Grundmodul des in Stein gehüllten Sockels sitzt - vom gewichtigen Steinkorsett entblösst - ein hellgrauer Stahlkubus mit vorgesetzten Diagonalstreben.
Jedes der 18 mal 18 Meter grossen, steinernen, stählernen oder gläsernen Fassadenelemente von Sockelbau und Turm besitzt eine ihm eigene, aus dem Zusammenklang von Material, Konstruktion und Detail resultierende abstrakte Bildhaftigkeit. Einzig die steinerne Ummantelung verneigt sich dabei vor der steinernen Berliner Tradition: Die dünnen Platten aus poliertem, graugrünem Gneis sind wie bei Kleihues' Frankfurter Museum für Frühgeschichte (1985?1989) mit Distanzschrauben optisch ans Gebäude «genietet» und kokettieren bald mit Otto Wagners Wiener Postsparkasse, bald mit Sempers Bekleidungstheorie.
Das grösste Verdienst dieses Hauses ist aber wohl, dass es neue, ebenso klar definierte wie einladende Stadträume schafft: etwa den beidseits von Schaufenstern gesäumten Flanierraum entlang dem gekurvten Stadtbahnviadukt. Wo dieser an die Fasanenstrasse stösst, antwortet ihm eine breite Wassertreppe, die dem unterirdischen Ladengeschoss einen attraktiven Ausblick verschafft und darüber hinaus die historische Erweiterung der Fasanenstrasse als zum Verweilen einladenden Strassenraum neu interpretiert. Das 54 Meter hohe, dem klassischen Kanon gemäss in Sockel, Schaft und Krone unterteilte Turmhaus, das ursprünglich 36 Meter höher hätte werden sollen, akzentuiert die dem Delphi-Filmpalast gegenüberliegende Strassenecke. Es gibt aber auch dem mit einer mythologischen Kriegerbronze von Markus Lüpertz besetzten Platz vor dem Theater des Westens den nötigen Halt und lässt dieses damit erst zur Geltung kommen.
Mit diesem spröden und gleichwohl modellhaften Objekt, in dem entfernt die rationalistische Beaux-Tradition nachklingt, hat Kleihues mehr als ein durchdachtes Büro- und Geschäftshaus realisiert. Der strenge Neubau mit seinem leisen Hang zum Verspielten ist das bisher wohl überzeugendste Beispiel des poetischen Rationalismus dieses bauenden Philosophen.