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NZZ Folio 10/95 - Thema: Das Volk   Inhaltsverzeichnis

Mein Volk

Erinnerungen eines Revolutionärs.

Von Peter Haffner

ALS ICH DEM VOLK zum erstenmal begegnete, war es dunkel. Es war ein Novembermorgen, fünf Uhr in der Früh, und ich stand vor dem Werktor der Escher Wyss mit einem Stapel Zeitungen unter dem Arm. Die Zeitung hiess «Rote Fahne» und wurde herausgegeben von einer Organisation, die sich «Kommunistische Partei der Schweiz» nannte, ein siebenköpfiges Zentralkomitee und drei Mitglieder zählte und daran war, die Massen zu erobern. Ich (Deckname Alex) war Gymnasiast und ein Anhänger der Lehre Mao Tsetungs, wonach der Revolutionär sich in ebendiesen Massen zu bewegen hat wie der Fisch im Wasser. Es regnete, das Bild hatte einiges für sich; die Massen fluteten durch das Fabriktor, einem elenden, geknechteten Dasein entgegen, gefesselt an Maschinen, die ihnen den letzten Funken Leben raubten, an dem ein Kapitalist sich eine unverschämt dicke Zigarre anzünden würde.

Vor lauter Empörung kaufte ich mir eine Zeitung ab. Noch war das Volk nicht so weit, den Schritt vom Bewusstsein seiner Lage zur revolutionären Tat zu tun; ja, es schien gar, als sei es weit mehr als über sein Dasein über das meinige ergrimmt, wenn ich denn die verhaltenen Flüche und spöttischen Bemerkungen richtig deutete. Das bereitete mir weiter keine grösseren Sorgen, war das entfremdete Bewusstsein der kapitalistischen Warengesellschaft doch immanent. Alles war eine Frage der Aufklärung und damit eine Frage der Zeit. Aus dem Volk würde schon noch etwas werden. Wir waren die Avantgarde, und irgendwann würde dem Volk nicht mehr entgehen, wie weit wir ihm voraus waren. Ich packte den Rest der Zeitungen in die Mappe und machte mich auf den Weg zur Schule, wo ich die Deutschstunde verschlief, was ich mir leisten, und die Französischstunde, was ich mir entschieden nicht leisten konnte.

Das ging so eine gewisse Zeit. Ob Zahnräder Maag oder Escher Wyss - das Volk liess sich, obgleich ich so früh aufstand wie es selber, nicht zum Aufstand bewegen. Es war mürrisch, verschlafen, ein Heer von Schemen, die stumm an mir vorbeihuschten wie die Gestalten der Filme von Eisenstein. Kaum gelang es, ein Wort zu wechseln geschweige denn ein Traktat zu verkaufen. (Flugblätter nahm das Volk bisweilen an, sie waren gratis, das heisst, ich bezahlte sie mit meinem Taschengeld, das nun Parteibeitrag hiess.) Die Ausbeute war null, die Macht der Ausbeuter gross. Doch hatte nicht der grosse Vorsitzende gesagt, aus einem Funken könne ein Steppenbrand entstehen?

Vier Wochen vor der Matur hatte ich ein Disziplinarverfahren am Hals. Wider rektorales Verbot hatte die Basisgruppe, der ich angehörte, eine Propagandaausstellung über den Befreiungskampf des Volkes in irgendeinem afrikanischen Land organisiert. Das Mitglied der Aufsichtskommission, eine Frau, die mich eine Stunde ins Verhör nahm, interessierte sich weniger für jenes ferne Volk als für die Tatsache, dass ein Schüler wie ich sich dafür interessierte. Die Dame schien meinen Argumenten durchaus nicht abgeneigt, und ihr habe ich es zu danken, dass ich, nachdem ich zur Strafe vier Stunden Cicero hatte übersetzen müssen, die Maturprüfung absolvieren durfte. Meine Retterin wurde später Bundesrätin, blieb es aber nicht lange.

Die zweite Begegnung, die ich mit dem Volk hatte, ging auf eine Entscheidung zurück, die nicht ich fällte. Die Volksarmee rief. Der Aushebungsoffizier, der den gleichen Namen trug wie jene trockenen Biscuits, die wir dann in irgendwelchen Bergdörfern schachtelweise den Kindern schenkten, fragte mich, was ich studieren wolle. Ich sagte Philosophie, worauf er begeistert ausrief, dass ich dann unbedingt zur Infanterie müsse, und im gleichen Atemzug den Stempel ins Dienstbüchlein knallte. «Infanterist sein heisst tragen und schlagen», steht im Soldatenbuch. So war es denn auch. Wie ich trug und schlug, geschlagen, aber nicht getragen wurde, lernte ich das Volk kennen. Das Volk verstand sich auf all diese Dinge viel besser. Während ich mit Sturmgewehr, Raketenrohr, Schanzzeug, Handgranaten und einem Tornister am Rücken, dessen Leergewicht schon von keiner Fluggesellschaft akzeptiert worden wäre, durch die Gegend taumelte, sang das Volk obszöne Lieder, soff Bier und prahlte mit den Orgien, die es am Wochenende gefeiert hatte. Ich verbrachte die Wochenenden damit, den Kadern der Bewegung zu rapportieren, wie sich das revolutionäre Bewusstsein in der Armee entwickelte. Die Altachtundsechziger hatten sich entweder überhaupt vor der Dienstpflicht gedrückt oder waren so lange mit roten Socken zum Appell erschienen, bis man sie als Sicherheitsrisiko aus der Armee warf. Solche antiautoritären Kindereien widersprachen der nun geltenden Strategie und Taktik der Bewegung, und ich als ihr Benjamin hatte die Suppe auszulöffeln. Jetzt hiess die Devise, den Kampf in die Armee zu tragen, da zu sein, wo das Volk war. Ich war da, das Volk war da, allein der Kampf war nicht da.

Ein Trost war mir, dass der Klassenfeind meine Gefährlichkeit durchaus zu würdigen wusste. Während die Berufsrevolutionäre mit dem EMD-Pressesprecher Mörgeli, der ein lebhaftes Interesse an jeder Art von Gipfeltreffen zeigte, konferierten, wurde ich drangsaliert. Die ersten vier Wochen war ich, um keine Zeit zur Agitation zu haben, bei jeder Mahlzeit als Fassmann kommandiert; eine Schikane, deren Tragweite ich denen, die Dienst tun, nicht zu erklären brauche und die den Dienstuntauglichen zu erklären vergebliche Mühe ist. Nun, das Volk zeigte sich in einer Weise hilfsbereit, für die ich noch heute Dankbarkeit empfinde, wenn ich mir auch eingestehen muss, dass seine Hilfe nur mir und nicht der Sache an und für sich galt. Aus mir unverständlichen Gründen hatte es kein Interesse an Zielen, die höher waren, als - wenn es gut ging - die Vorgesetzten zu ärgern.

So war ich denn nicht unglücklich, dass ich nach der Rekrutenschule vorerst dem Volk den Rücken kehren und mich an der Universität einschreiben durfte. Natürlich hätten meine Eltern das Studium bezahlt, aber die Bezeichnung «Werkstudent» lockte ihres fast schon revolutionären Gehaltes wegen, so dass ich mir eine Arbeit als Werktätiger suchte. Wenn auch der Job als Verkäufer von Campingartikeln in der Migros nicht unbedingt das war, was ein Student, der Romane wie «Wie der Stahl gehärtet wurde» gelesen hatte, sich erträumte, es war ein Anfang. Überdies erwies sich, dass meine Begabung gar nicht so ohne war. Bald wusste ich alles über Liegemöbel, Rasenmäher und insbesondere Gartengrills, deren verschiedene Typen mit ihren Vorzügen und Nachteilen ich dem Volk, dem ich nun als Verkäufer diente, so überzeugend darzulegen wusste, dass nie jemand danach fragte, ob ich so ein Ding selber überhaupt einmal in Gang gesetzt hatte. Ich hatte nicht, und noch heute überlasse ich, vor die Aufgabe gestellt, eine Bratwurst zu bräunen, dies nicht ungern dem Volk.

In jener Migros, in der ich Samstag für Samstag, wenn das Volk in Scharen herbeiströmte und mir einen anschaulichen Begriff davon gab, was Marcuse mit dem eindimensionalen Menschen und seiner Konsumgesellschaft gemeint haben mochte, arbeitete auch ein Lehrmädchen. Sie war nicht besonders hübsch, aber ich stempelte schon einmal ihre Karte ab, wenn sie zu spät kam, oder hielt sie zu einer etwas längeren Kaffeepause an, als der Rayonchef, ein energischer Deutscher, es erlaubte. Er konnte es nicht ausstehen, wenn man die Begeisterung, Werktätiger zu sein, nicht genügend unter Beweis stellte und herumstand und schwatzte, statt da an ein paar Schlafsäcken und dort an einem Stapel Stuhlbezüge herumzuzupfen. Mehr als alles andere hat mir dieser Zwang, beschäftigt tun zu müssen, selbst wenn es nichts zu tun gab, einen bleibenden Eindruck davon gegeben, in welch erniedrigenden Verhältnissen das Volk lebt. Dem Lehrmädchen schenkte ich eine Ausgabe von Bebels «Die Frau und der Sozialismus», ein mehrhundertseitiges Werk, das mir seiner zahlreichen Tabellen und Statistiken wegen eine geeignete Einführung in die politische Ökonomie zu sein schien. Ich weiss nicht, ob es sie dem wissenschaftlichen Sozialismus nähergebracht hat. Rot wurde sie jedenfalls nicht, aber manchmal dünkte mich, sie schütte etwas mehr Ketchup auf die Pommes frites, die wir zu Mittag gemeinsam in der Kantine verzehrten.

Ich war übrigens längst nicht mehr Maoist, sondern hatte die höheren Weihen einer Gruppe empfangen, die sich «Revolutionäre Aufbauorganisation Zürich» nannte und weniger mit dem Volk als mit sich selber beschäftigt war. Die Zahl der Sitzungen nahm umgekehrt proportional zum Einfluss zu, den die Gruppe ausübte. Ich will nicht alle Höhen und Tiefen dieser Geschichte erzählen, aber als die Organisation Mitte der siebziger Jahre an ihrem Ende und auf ein Häuflein Unentwegter geschrumpft war, spaltete sie sich, und die Fraktion, der ich angehörte, löste sich auf. Mein Freund W., der der anderen Fraktion angehört hatte, gründete kurz darauf eine Einmannpartei, die er «Revolutionäre Überlebenspartei Schweiz» (Rülps) taufte. Mit einem Transparent, worauf er die Freilassung aller Zootiere und Rückführung in ihre Heimatländer forderte, ging er an den 1.-Mai-Umzug, was den Zorn des Volkes, will sagen der Gewerkschafter, auf den Plan rief, die ihn, den Arbeitersohn, an Ort und Stelle verprügelten. Wir standen auf dem Fraumünsterplatz in Erwartung der Mairede und schauten uns an.

«Gehen wir essen?» fragte er.

«Gehen wir essen», sagte ich. «Wohin?»

«In die Kronenhalle», sagten wir, wie aus einem Mund.

So sassen wir also am Kampftag der Arbeiterklasse im Restaurant, das einem Linken soviel zu bedeuten hatte wie der Vatikan dem Muslim, liessen uns ein Zürcher Geschnetzeltes schmecken und rauchten Zigarren, während die Genossen die Internationale sangen. Mochten die Völker die Signale hören, wir stellten uns taub. Seither weiss ich, was Exkommunikation heisst. Das letzte, was ich von W. vernahm, war, dass er eine Theologin geheiratet hat und der Freisinnigen Partei beigetreten ist.

Mit dem Volk habe ich meinen Frieden geschlossen. Mag es seine Schrebergärten giessen, den Stammtisch und den Jass pflegen, mag es Ski fahren und Picknicks veranstalten - die Dinge, an denen es sich freut, will ich ihm nicht streitig machen. Ja, es gibt Dinge, um die ich das Volk beneide. Es kann, wenn es im Zug eine schöne Frau sieht, ungerührt die Frau anschauen, ohne sich einen Deut darum zu scheren, was für ein Buch sie liest.

Ich habe es, seit in mir solche Erkenntnisse reiften, fast ein bisschen gern bekommen, das Volk. Mit Rührung denke ich an jenen Augenblick zurück, an dem ich mit ihm, noch lange bevor ich zum praktizierenden Marxisten geworden war, zu tun bekam. Als Sohn eines Baslers war ich am Zürichberg aufgewachsen (eine verpfuschte Kindheit, die mich für immer mit dem Zürcher Bürgertum entzweit hat), bevor meine Familie Anfang der sechziger Jahre aufs Land zog. Da fand ich mich, ein Viertklässler, plötzlich mitten unter Bauernkindern in einem Schulzimmer, in dem der Lehrer gleichzeitig drei Klassen unterrichtete. Bald hatte ich mich mit ein paar Buben angefreundet, und wir gingen in den Wald, wo wir eine Gruppe gründeten, die sich «Die schwarzen Rächer» nannte. Wir standen im Kreis unter den Tannen, schworen uns ewige Treue und gingen daran, den Anführer zu wählen. Verlegen sahen wir zu Boden - noch heute sehe ich die Tannennadeln vor mir - und schwiegen, bis Heini, der Stärkste von uns allen, das Schweigen brach und sagte, der Klügste sollte der Anführer sein. Heini wurde später Lastwagenfahrer und war schon damals zwei Meter gross und eineinhalb Meter breit. Und mit dem Klügsten meinte er mich.

Es ist die grösste Auszeichnung, die mir jemals zuteil wurde, und es war Volkes Stimme, die sie verlieh. Wie könnte ich undankbar sein? Und wie könnte das Volk mir, der ich soviel dafür getan habe, es den Fängen des Kommunismus zu entreissen, nicht ebenso zu Dank verpflichtet sein?


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