NZZ Folio 04/09 - Thema: Gold   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Ein Keller zum Abheben

© Heinz Unger
Kunstlicht und Kellerluft statt himmlische Weiten. Linktext
Ein mehrfach ausgezeichneter Tüftler? Eine verschworene Indoor-Familie? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Hier wird auf hohem Niveau gebastelt. Die professionell eingerichtete Werkstatt mit Fluggebilden aller Art, Pokalen und Auszeichnungen zeigt die bunte Welt des Hausherrn. Er ist ein Tüftler, Handwerker und Flugzeugfan, der hier mehr als seinen Hobbykeller hat. Ist die häusliche Spielwiese reinste Leidenschaft, oder macht er aus Berufung auch Beruf und hat ähnlich gesinnte Kundschaft, die ihre Flugzeuglieblinge hier in Auftrag oder Reparatur gibt?

Vater und Sohn verstehen sich prima, der kleine Bub scheint «ganz der Papa» zu sein mit seiner Technikbegeisterung; auch im Kinderzimmer wird gebaut und konstruiert, erfinderisch macht der Sohn das Fotoalbum zum Eisenbahntunnel. Der hellblauen Kleinkindphase der Vorhänge ist er schon etwas entwachsen, jedenfalls langt er bereits in die Computertasten und mit dem Boxhandschuh zu.

Der Ausblick ins Reich der Frau zeigt keine Küche. Die Hausfrau, Mutter und Ehefrau scheint auch Berufsfrau zu sein und mit Stoffballen und Co. ebenfalls eine kreative Hand zu haben, vielleicht eher mit weiblicher Kundschaft?

In ihrer Werkstatt herrscht eine bunte Aufgeräumtheit, oben im Bubenzimmer sorgt Mama mit Antikbett und Orientteppich für Behaglichkeit. Ebenso weiss sie mit gekonnter Hand das Untergeschoss einzurichten – solch ein gemütliches und stilvolles Souterrain muss man erst mal hinkriegen.

Hier leben Menschen, die Modernes und Altes, Praktisches und Kunstvolles gut zu mixen wissen, vermutlich ist hier eine eher jüngere und gemütvolle Familiengemeinschaft daheim. Lustig haben sie es miteinander beim Tischfussball, bei Freizeit und Arbeit, Sport und Spiel, Wohnen und Werken. Alles scheint in diesem Haus gut unter einem Dach Platz zu ­haben. Vermutlich tun alle das, was sie machen, gern, sind gern für sich und ebenso gern miteinander.

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Vom Keller über die Normalgeschosse bis ins Dachgeschoss ist bei diesen Bewohnern alles dem Basteln und Spielen untergeordnet. Dieses Daheim ist eine grosse Spielbox!

Der Strebebalken im Schlafzimmer weist auf ein älteres umgebautes Wohnhaus hin. Der Eingriff des bodenlangen Fensters in der Dachlukarne bringt an­genehmes Licht in diese Kammer und macht sie erst bewohnbar. Lebt hier ein Kind, ein erwachsenes Kind, oder der Chefbastler selber? Es fällt auf, dass in die Räume wenig Tageslicht fällt. Soll das Gelb-Ocker im Treppenhaus dies wettmachen?

Und wo wird hier eigentlich gewohnt? Nirgends sind bequeme Sitzmöbel auszumachen. Halten sich der oder die Bewohner hauptsächlich im Bastelkeller auf und bauen bei Kunstlicht Flugzeugmodelle? Vermutlich lebt hier eine Familie mit einem Kind. Während sich der Vater gänzlich dem Modellfliegen verschrieben hat, gibt die Mutter Bastelkurse im Wohnraum – der Flipchart unter der Treppe könnte ein Hinweis darauf sein.

Interessanterweise überdeckt und beherrscht die Bastelei die gesamte Wohnatmosphäre. Ausser einem Tisch mit Freischwingerstühlen, der im angrenzenden Raum hinter der Treppe zu sehen ist, dem Bauernschrank und dem Bett sind keine namhaften stimmungsbildenden Einrichtungsteile auszumachen.

Wohnen wird hier aufs Hobby reduziert. Offenbar hat es sich ausgezahlt, wie die Pokale in der Werkstatt zeigen.

Stefan Zwicky


Rosmarie und Hans Ammann, ­Krankenschwester, Bäcker

«Heute gab es bei uns Kartoffelstock mit Bolognesesauce und Salat. Mittags essen wir dasselbe wie die Bewohner der Wohngruppe. Sie essen eine Etage tiefer im Speisezimmer. Die Wohngruppe für psychisch Kranke gründeten wir vor zwanzig Jahren. Damals war ich noch eine junge Psychiatriekrankenschwester. Bei meiner Arbeit wurde mir klar, dass es Leute gibt, die sehr viel Betreuung brauchen,für die die Psychiatrie aber nicht der richtige Ort ist, gleichzeitig wollte ich Kinder, wusste aber, dass ich als ‹Nur-Hausfrau› nicht glücklich sein würde.

Das Haus suchten wir speziell für die Wohngruppe. Es ist ein ehemaliges Arzthaus aus dem Jahr 1878. Die Wohngruppe heisst «Bueche», weil draussen im Garten eine grosse, alte Buche steht.

Zu Beginn lebten wir alle zusammen. Nach einigen Jahren merkten wir, dass die Kinder etwas Distanz von den Bewohnern brauchten und unsere volle Aufmerksamkeit. Ausserdem hatten wir immer auch schwierige Bewohner.

Hans und ich lernten uns früh kennen. Er hatte gerade seine Lehre als Bäcker und Konditor beendet. 1989 heirateten wir. Im selben Jahr zogen wir in dieses Haus in Utzenstorf. Das Dorf hat etwa 4000 Einwohner und mit seinen stattlichen, alten Berner Bauernhäusern den Charme eines Gotthelfdorfs.

Ob ich mich wegen der raffinierten Flugzeuge in Hans verliebt habe? Nein, aber ich wusste, worauf ich mich einliess, als ich einen mit einem solchen Hobby wählte – mein Vater und mein Bruder haben auch schon ‹gflügerlet›. Als wir noch keine Kinder hatten, betrieb Hans das Hobby noch extremer. Er bastelte jede freie Minute. In unserer damaligen kleinen Dreizimmerwohnung standen überall Modellflugzeuge herum, selbst im Schlafzimmer hatte er welche aufgehängt, was nicht selten zu Streit geführt hat.

Mit den Nachbauten von Originalflugzeugen, dem sogenannten Scale, brachte es Hans bis zum Vizeweltmeister. Das Mühsamste waren dabei seine Auslandsaufenthalte. Während er mit dem Flugzeug im Gepäck unterwegs war, schaute ich zu Hause nach den Kindern und den Bewohnern.

Seit sechs Jahren hat er an keinem Scale-Wettbewerb mehr teilgenommen. Einerseits, weil es zeitlich nicht mehr drinliegt, andererseits, weil er für den Weltmeistertitel nicht ehrgeizig genug ist. Mir ist das sehr recht.

Massgebend für den Wettbewerb ist das Gewicht der Flugzeugmodelle, sie dürfen maximal 15 Kilo wiegen. An der Curtiss Jenny, einem amerikanischen Trainingsflugzeug, arbeitete Hans 2500 Stunden (Anm. d. Red.: Im Bild Seite 68 steht eine Curtiss Jenny auf dem Pult). Das ist sein Paradestück. Insgesamt baute er vier von ihnen, und zwei Mal wurde er mit der Curtiss Jenny Vizeweltmeister. Jedes Teilchen dieses Flugzeugs entsteht in Handarbeit. Mein Mann näht die Sitzkissen, flicht die Sitze, bemalt die Armaturen, er kann mit allem umgehen: Holz, Metall, Stoff und Lack, muss sich in der Statik auskennen, in der Elektronik. Wenn er in den Hobbykeller verschwindet, betritt er eine andere Welt, seine Welt, für ihn ist das ein Kurzurlaub.

So ähnlich fühlt er auch, wenn er auf dem Modellflugzeug-Startplatz, dem Paradiesli, steht. Er geht meist mittwochs dorthin, mit den Kindern. Derweil habe ich Ruhe für die Büroarbeit. Im Paradiesli hat es einen gepflegten Rasen und ein Wäldchen. Im Sommer grillieren wir dort oft mit den Freunden von der Modellfluggruppe Burgdorf. Wenn wir fürs Paradiesli packen, ist unser Hund Zilly vor Vorfreude auf die Mauselöcher kaum zu halten. Unsere Söhne sind alle technikbegeistert, wie man an Tobias’ Kinderzimmer gut sieht. Sein Zimmer räumt er alle vierzehn Tage zusammen mit meinem Mann auf.

Unser ältester Sohn, David, ist in der Lehre, darum mittags nie zu Hause. Sie alle tüfteln und experimentieren. Im Keller kann es schon mal zum Stau vor dem Lötkolben kommen. Ich kann so ein Hobby nicht nachvollziehen.

Unsere Bewohner haben im Erdgeschoss ihre WG-Zimmer. Dort haben wir auch die Gemeinschaftsräume, wo wir ab und zu mal zusammen Tischfussball spielen. Bei uns arbeiten elf Mitarbeiter in Teilpensen, vom Psychiatriepfleger bis zur Bäuerin und Köchin aus dem Dorf. Wir haben uns in Utzenstorf gut eingelebt. Hans ist im Jodelchörli, und ich bin im Verkehrs- und Verschönerungsverein. Wir gehören eben einfach dazu.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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