NZZ Folio 04/93 - Thema: News   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Von Käfern und Fischern

Von Daniel Weber

Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie? Von Käfern und Fischen

A UND B - die beiden Männer sind etwa Mitte Dreissig - sitzen schon eine geraume Weile in der Bar. Stumm und in sich versunken zunächst, sind sie nach ein paar Schnäpsen gesprächig geworden.

A:      (trinkt inzwischen seinen sechsten Schnaps) Man müsste eine Waffe erfinden, mit der man jede Waffe um ihren Effekt bringen könnte, gewissermassen also: das Gegenteil einer Waffe - ach, wenn ich nur ein Erfinder wäre, was würde ich nicht alles erfinden! Wie glücklich wäre die Welt!

B:      (mit grosser Geste) Der Mensch ist mit Vernunft und Schöpferkraft begabt, um zu vermehren, was ihm gegeben worden ist, aber bis heute hat er nichts geschaffen, sondern nur zerstört. Wälder gibt es immer weniger und weniger, die Flüsse versiegen, das Wild stirbt aus, das Klima ist verdorben, und mit jedem Tag wird die Erde ärmer und gesichtsloser.

A:      (langsam) Ja, der Mensch dürfte wohl böse sein, und das steht auch schon in der Bibel: «Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.»

B:      (misstrauisch) Sind Sie Pfarrer?  A:      (bestellt den siebten Schnaps) Nein, ich habe bis vor kurzem am Städtischen Gymnasium unterrichtet. Und Sie sind Arzt, sagten Sie?

B:      (bestellt für sich einen Wodka) Wie? Ja . . . Gott allein weiss, was unser eigentlicher Beruf ist. Ich muss zugeben - ich werde banal. Ausserdem bin ich betrunken. So betrinke ich mich gewöhnlich einmal im Monat. Dann ist für mich alles eine Kleinigkeit! Ich wage mich an die schwierigsten Operationen und mache sie glänzend; ich entwerfe die kühnsten Zukunftspläne. Und dann habe ich mein eigenes philosophisches System, und ihr alle seid für mich dann so klein, Käfer . . . Mikroben.

A:      (trinkt) Nicht Käfer. Fische.

B:      Wie?

A:      Ich habe einen Freund, der ist Amateurastrolog, und der hat gesagt, die Erde dreht sich in das Zeichen der Fische hinein. Da wird die Seele des Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches. Er hat recht; ich habe einen solchen Fisch gefangen. Und jetzt beginne ich ein neues Leben.

B:       (ärgerlich) Ach lass das doch! Was heisst hier: ein neues Leben! Unsere Lage, deine wie meine, ist hoffnungslos.

A:      Das glaubte ich auch; und ich war sicher, dass Gott das Schrecklichste auf der Welt ist. Aber nachdem ich vor Gericht alles erzählt hatte, fürchtete ich mich nicht mehr vor ihm. Denn Gott ist die Wahrheit. Und darum ging der Fisch ins Netz. Danach fühlte ich mich plötzlich wunderbar leicht.

B:      (nimmt noch einen Wodka) Weisst du, wenn man in der dunkeln Nacht durch den Wald geht und wenn dann in der Ferne ein Licht blinkt, so spürt man weder die Erschöpfung noch die Dunkelheit, noch die dornigen Zweige, die einem ins Gesicht schlagen . . . Das Schicksal schlägt mich ununterbrochen, manchmal leide ich unerträglich, aber das Licht in der Ferne, das gibt es für mich nicht. Für mich erwarte ich nichts mehr.

A:      Gott geht durch alle Gassen.

B:      (schreit zornig) Hör auf! (weicher) Die, die hundert, zweihundert Jahre nach uns leben werden, die werden vielleicht das Mittel finden, wie man glücklich wird, aber wir . . .

A:      (trinkt aus und steht auf) Morgen fahre ich nach Afrika.

B:      In diesem Afrika ist jetzt sicher eine Hitze - schrecklich.

A wird trotzdem fahren; und B zurückgehen auf sein kleines Gut und zu seinen Bäumen, die er in letzter Zeit vernachlässigt hat.

Wer und wer? E. L. Herr und Warschiwat O'Millowitsch!

Auflösung: A ist der Lehrer aus Ödön von Horváths Roman "Jugend ohne Gott" (1937); B ist Michail Lwowitsch Astrow aus Anton Tschechows "Onkel Wanja" (1897).




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