Der Luxus, unerreichbar zu sein Mit E-Mail, Fax und Anrufbeantworter sind wir da, auch wenn wir gar nicht da sind. Wer sich dem verweigert, erntet Empörung. Von Angelika Overath
UM ES VORWEGZUNEHMEN: als Mutter zweier schulpflichtiger Kinder, die zu Hause Nudeln kocht und schreibt, bin ich leicht erreichbar. Trotzdem belehrt mich immer wieder ein empörter Hinweis, ich hätte wohl kein Fax und nicht einmal einen Anrufbeantworter!
Das ist wahr. (Ich habe auch keine E-Mail-Adresse.) Für eine freie Journalistin gilt dieser mutwillige Nichtbesitz technischer Mittel zur schnellstmöglichen Verständigung als Affront. Im offenen Kontext allseitigen Kommunizierens wird diese Haltung als unfreundliche Verweigerung dechiffriert. Dabei verweigere ich mich gar nicht.
Ich gehöre zu den braven Autoren, die Termine einhalten und Briefe beantworten. In der Nachbarschaft gibt es einen Copy-Shop mit Faxgerät und ein Internet-Café, das einen E-Mail-Service anbietet. So kommen, wenn es sein muss, Manuskripte schnell an. Regelmässig melde ich mich bei den Redaktionen, für die ich arbeite, und frage, ob es etwas zu tun gibt, oder ich biete eine Idee an. Wo also sitzt der Stachel? Warum reicht es nicht, dass ich eine Fernsprechteilnehmerin bin und meinen Briefkasten täglich leere?
Denn natürlich reicht das. Aber ein schwer verträgliches Spurenelement von Anarchie scheint darin zu liegen, dass ich zwar gut erreichbar bin, aber nicht in jedem Augenblick. Auch möchte ich mich nicht von einer Maschine nötigen lassen, auf einen Anruf zu antworten, den ich nicht entgegennehmen konnte. Es gibt, las ich in einem kürzlich erschienenen Berliner Szeneroman, Leute, die den Anrufbeantworter einschalten, wenn sie auf die Toilette gehen. Wen dieses Bedürfnis drängt, der möge so handeln. Aber muss es einen drängen? Gehört es wirklich zu einem modernen Tabu, als Person abwesend zu sein?
Ein starkes Argument für die modernen Kommunikationsmittel soll sein, dass sie Zeit sparen. Daran zweifle ich manchmal. Zeit ist nicht nur in Einheiten messbar. Das Gefühl, Zeit zu haben oder keine Zeit zu haben, gehört, anders etwa als das Gefühl, Durst zu haben, zu den extrem subjektiven Empfindungen. Wenn jemand viele Stunden, gar Tage nichts getrunken hat, wird man ihm objektiv bestätigen können, dass er wohl Durst haben muss. Aber wieviel Zeit braucht ein Mensch? Oder wann hat jemand objektiv gesehen keine Zeit?
Der Zustand, in Zeitnot zu geraten, ist für mich ziemlich genau vorhersehbar. Sehr selten liegt es an der Arbeit (ermüdend, herausfordernd, anstrengend), wenn ich in Bedrängnis komme, sondern es sind die Störungen während der Stunden der Konzentration. Ein Telefonanruf übermittelt eine Nachricht nicht nur schnell und zeitsparend, zugleich unterbricht er etwas. Natürlich arbeiten wir nicht den ganzen Tag, sondern freuen uns auch, wenn jemand anruft. Der ständige Zwang aber, stets und sofort auf etwas ganz anderes reagieren zu müssen, zerstört auch Zeit. Ich möchte, dass ein Teil meiner Konzentration privat, «der Herrschaft enthoben» bleibt, dass sie sich dem öffentlichen Zugriff entzieht. Auch wenn ich als Journalistin für die Öffentlichkeit arbeite, brauche ich den Schutzraum der eigenen Augenblicke. Es geht ja nicht ganz ohne die Musen, und die sind bekanntlich kapriziös und scheu. Ein Fax und ein Anrufbeantworter in meiner Wohnung, das wäre die Flut der Masse, der Einbruch der Strasse. Und ich wäre in den eigenen vier Wänden ein Baudelairescher Fechter, der nur noch Schocks abzuwehren hätte.
Walter Benjamin hat den modernen Grossstadtmenschen bei Baudelaire interpretiert als einen Einzelnen, der sich in der unübersehbar auf ihn einströmenden Menschenmasse beständig vor Reizen schützen muss. Auf Grund der Geschwindigkeit und der atomisierten Unverständlichkeit vieler Abläufe in der Metropole ist der humane Wahrnehmungsapparat zunächst überfordert. Die Seele muss sich wappnen gegen alles, was ebenso unvorhersehbar wie ungewollt auf sie einströmt. Eine jüngere Interpretation dieses Phänomens findet sich bei dem Soziologen Erving Goffman. Auch er sieht die Fortbewegung in der anonymen Masse ursprünglich als eine Zumutung an. Andauernd strömen Fremde, mit denen wir nichts zu tun haben und die uns auch künftig nicht interessieren werden, an uns vorbei. Wir behelfen uns, so Goffman, mit einer antrainierten Haltung «höflicher Nichtbeachtung» (civil inattention). Damit bewältigen wir die Kränkung, unablässig für einen Moment mit Unbekannten in Blickkontakt treten zu müssen.
Seit Baudelaire hat sich der Kontaktzwang ins Unabsehbare verstärkt. Auch wo die moderne Übermittlungstechnik den Blickwechsel vermeidet, klopft die Welt bei uns an wie ein rasender Puls. Auf vielen Gebieten hat sich der Ansturm der anderen vom Visuellen ins Akustische verschoben; damit wurde er nicht diskreter.
Warum sich dem aber aussetzen, wenn es nicht unbedingt nötig ist? Paris kann ich nicht ändern; die Atmosphäre an meinem Schreibtisch schon. Ein Telefon darf klingeln; es lässt sich auch abstellen. Nichtreagieren bedeutet - völlig wertneutral und ohne dass eine Entschuldigung nötig wäre -, man ist nicht zu Hause und kann deshalb die Botschaft nicht empfangen. Kinder, die Nachrichten ausrichten sollen, haben gegenüber einem Anrufbeantworter den unschätzbaren Vorteil, dass sie vergessen können. Ein Umstand, der auch dem Anrufenden bewusst ist. Ein Brief kann verlorengehen. Ein Fax aber dringt jederzeit ungehindert in die Privatsphäre ein, ob ein menschlicher Empfänger zu empfangen bereit ist oder nicht. Wie der gleichzeitig hetzende und immobile doppelte Igel kann es immer schon da sein. Und mit der Sicherheit ihrer technischen Reproduzierbarkeit darf die Stimme auf dem Anrufbeantworter den gewünschten Rückruf einklagen.
Ich habe wenig Lust, mehr «höfliche Nichtbeachtung» oder auch «kultivierte Ignoranz» oder «zivile Unaufmerksamkeit» einzuüben als unbedingt nötig. Denn schon berufsbedingt bin ich neugierig und gerne aufmerksam - in den Grenzen allerdings, von denen ich glaube, dass sie mir gut tun.
Ich liebe die Stunde des Briefträgers. Er kommt zwischen 11 und 12 Uhr, ein guter Teil meines Arbeitspensums liegt bereits hinter mir, jetzt möchte ich die Neuigkeiten aus der Welt lesen. Der Briefträger bringt die überregionale Tageszeitung und Briefe, die, je nachdem wo sie geschrieben wurden, einen oder auch mehrere Tage unterwegs waren. Sie beziehen sich auf Dinge, die noch weiter zurückliegen oder erst projektiert werden. Sie kommen aus einem Raum der Zeit und geben auch mir Raum für die Antwort. So lindert der Postweg die Aggressivität des Zugriffs auf die Person. Denn anders als das klassische Telegramm aus Kindertagen, das teuer war und deshalb nur die extreme Botschaft brachte, kann ein Fax jeden Augenblick die Aufmerksamkeit beanspruchen, ob es nun ein Sonderangebot notiert oder die Nachricht, die das Leben ändern wird. Und da es fast keine Zeit kennt, da zwischen der Produktion der Botschaft und der möglichen Rezeption Sekunden liegen, suggeriert es die Notwendigkeit schnellen Reagierens.
Aber ist das, was zu sagen ist, wirklich immer so eilig? Menschen, die unmittelbar zusammenleben, müssen selbstverständlich spontan aufeinander reagieren können. Die modernen Kommunikationsmittel aber erlauben ein Gespräch von Weltbewohnern, die, sehr weit voneinander entfernt, ihrem sehr unterschiedlichen täglichen Leben nachgehen. Nicht alle von ihnen müssen Börsenkurse verhandeln. Sie werden zur rasenden Kommunikation nur dadurch verführt, dass sie technisch machbar ist. Leicht entsteht ein kommunikatives Rauschen, das den Grund der Kommunikation schon weit hinter sich gelassen hat. Wir können mit tragbaren Funktelefonen überall alles sofort hören. Wir hören, dass wir uns hören, und vielleicht ist das überhaupt die globale Nachricht. Zuhören und Verstehen bleiben private Rezeptionshandlungen. Sie reiben sich mit einer Kommunikationstechnik, die sich täglich steigern lässt. Zuhören aber kann man nicht schneller.
Briefe reisen auf denselben Wegen wie Menschen. Sie bringen einen Text und legen zugleich symbolisch die Strecke zurück, die der Schreiber selbst nicht zurücklegen konnte und deshalb, statt seiner, einen Brief schickt. Der Brief ist ein Realsymbol der Distanz. Das Telefon, die E-Mail, das Fax hingegen täuschen eine Nähe vor, die letztlich immer enttäuschen muss. Der andere, der unmittelbar mit uns spricht, bleibt abwesend. Auch die perfekteste Kommunikationstechnik kann die Anwesenheit der Person nicht ersetzen. Wir sind nicht nur über Worte da. (Wenn wir auch ohne Worte anders da wären.)
Der Piepton des Anrufbeantworters, der mich zum Sprechen auffordert, verschlägt mir jedesmal die Sprache. Mir fallen dann Menschen ein, die nicht mit Fotoapparaten aufgewachsen sind und die sich eine Scheu vor dem eigenen Bild leisten. Ich habe meine Stimme gerne bei mir. Auf Bändern festgehalten, sagt sie etwas, während ich zu dieser Zeit ganz anderes denke und spreche. Auch die Handschrift ist intim, sie trägt die Empfindungen und den Rhythmus einer Person. Aber der Atem ist doch noch etwas anderes.
Es ist jedermann möglich, weltweit auf Anrufbeantworter zu sprechen und sich dann vorzustellen, wie vielleicht gleichzeitig auf den verschiedenen Erdteilen seine eigene private Stimme spricht. Er ist dann überall, als sei er virtuell geklont.
Das erinnert an die Allgegenwärtigkeit Gottes. Er ist das Prinzip der absoluten Kommunikation. Wir aber sind nur einmal da, an einem Ort, auch wenn moderne Datensysteme versprechen, dass wir uns vervielfältigen können. Es ist vermutlich ziemlich anstrengend, zu sein wie Gott. Es kann aber schön sein, sich und die Zeit zu vergessen an einem Tisch, bei einem Gespräch.
Angelika Overath, Tübingen, ist freie Journalistin.