NZZ Folio 06/09 - Thema: Am Schwarzen Meer   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Lichtenberg, schrulliges Genie

© Angelo Boog
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Er war Experimentalphysiker und Schriftsteller, ein scharfer Beobachter der Natur und der Menschen. Seine Aphorismen, die «Sudelbücher», waren für Elias Canetti «das reichste Buch der Welt».

Von Wolf Schneider

Der Königlich-britische Hofrat Georg Christoph Lichtenberg, durch einen schlimmen Buckel zur Zwergenhaftigkeit verkrümmt, war Professor der Mathematik, Physik und Philosophie an der berühmten Universität zu Göttingen, dazu ein genialer Kauz und ein Ausbund an Witz und Hintersinn. «Der Mensch kommt unter allen Tieren dem Affen am nächsten», schrieb er hundert Jahre vor Darwin, und über sein abwechslungsreiches Liebesleben seufzte er: «Manches an unserm Körper würde uns nicht so säuisch und unzüchtig vorkommen, wenn uns nicht der Adel im Kopfe steckte.»

Sein Vater, ein evangelischer Pfarrer, zeugte 17 Kinder; Georg Christoph kam 1742 als letztes zur Welt und war eines der 4, die die Kindheit überlebten. Er studierte Physik, wurde 1770 Professor und verbrachte 1774/75 ein Jahr in London und Birmingham – angezogen vom Weltruhm des Isaac Newton und von Englands Aufbruch zur industriellen Revolution; Gast des Königs war er auch.

Seine Vorlesungen in Göttingen wurden berühmt für ihren Witz und ihre Praxisnähe. «Ein Versuch, der knallt», sagte er, «ist allemal mehr wert als ein stiller.» Goethe und die Brüder Humboldt hörten ihm zu. Kaum waren zwei Menschen in einem Warmluftballon über die Dächer von Paris aufgestiegen, las Lichtenberg noch im selben Jahr 1783 über 25 Möglichkeiten, solche «Bälle mit inflammierter Luft» zu nutzen: kleine, um das Wetter in den Wolken zu studieren oder die Höhe von Kirchengewölben auszumessen; grosse, um Menschen aus einer Feuersbrunst zu retten oder «in Krieg und Frieden seinen Nebenmenschen grossen Schaden zuzufügen».

Seine gelehrten Kollegen waren, ohne dass er Namen nannte, Gegenstand seines Spottes. Einer von ihnen «hatte so viel Verstand, dass er zu fast nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war». Ein anderer sprach zu einer Mücke, die im Kerzenlicht verbrannte: «Hinunter mit dem Kelch, du armes Tier; ein Professor sieht es und ­bedauert dich.» Ein Dritter «las immer ‹Agamemnon› statt ‹angenommen› – so sehr hatte er den Homer gelesen».

Zu Tausenden stehen solche Sticheleien in den «Sudelbüchern», die Lichtenberg dreissig Jahre lang mit Einfällen und Beobachtungen über Gott und die Welt, über Mitmenschen und sich selber füllte, ungegliedert in fünfzehn Pappdeckeln hinterlassen – mehr als 1500 Druckseiten heute und nach Elias Canetti «das reichste Buch der Welt». Verschiedene Verleger haben eine jeweils beliebige Auswahl herausgefiltert, meist unter dem Titel «Aphorismen». So diesen: «Täglich zu sehen, wie die Leute zum Namen ‹Genie› kommen wie die Kellerassel zum Namen ‹Tausendfuss› – nicht, weil sie so viele Füsse hat, sondern, weil die meisten nicht bis auf 14 zählen wollen.» Oder über einen Geistlichen: «Er hat mich einiger Fäden des frömmsten Geifers gewürdigt und sein geweihtes Pfui! über mein Werkchen ausgespuckt.»

Klare Sätze gegen das Geschwätz

1780 nahm der 38-jährige, an chronischem Asthma leidende, von Ersti­ckungs­anfällen heimgesuchte Professor ein 16-jähriges Blumenmädchen zu sich; zwei Jahre später sah er sie sterben. 1784 schrieb er einem Freund: «Ich habe wirklich im Jänner auf den Tod gelegen (gottlob an keiner bösen Frau).» 1789 heiratete er seine Haushälterin, mit der er vier Kinder hatte; nun kamen vier hinzu. Er rühmte sie als «das Geschöpf, dessen Sorgfalt ich mein Leben zu verdanken habe» – und was wäre eine Ehe «ohne die Würze kleiner Misshelligkeiten»? fragte er. «Fast so etwas wie ein Gedicht ohne R.»

Seine Leidenschaft galt der Sprache, sein Hohn den akademischen «Prunkschnitzern» und dem Geschwätz. «Leser sind grausam und schätzen ganze Kapitel voll schöner Ausdrücke nicht so hoch als ein Senfkorn von Sache», schrieb er, und «Es sind zuverlässig in Deutschland mehr Schriftsteller, als alle vier Weltteile überhaupt zu ihrer Wohlfahrt nötig haben», und: «Man hat den Deutschen vorgeworfen, dass sie bloss für die Gelehrten schrieben; ob nun dieses gleich ein höchst gesuchter Vorwurf ist, so habe ich mich doch danach gerichtet und für den geringen Mann mitgesorgt.»

Ja, jeder kann den schrulligen Professor Lichtenberg verstehen, und in schlanker Melodie strömen seine Sätze: «Es gibt jetzt der Vorschriften, was man sein soll, so mancherlei Arten, dass es kein Wunder wäre, wenn die Menge auf den Gedanken geriete, zu bleiben, was sie ist.» Wenn aber selbst dieser Meister an die Grenzen des Sagbaren stiess, fand er noch ein Bild für seine Not: Es gebe so vieles, klagte er, was er nicht auszudrücken vermöge, die Sprache sei einfach nicht dafür gemacht – «so wenig als die Flecken auf meinem Tisch zum Abspielen mit der Geige». 1799 ist er gestorben.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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