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Das Ende ist erst der Anfang
© David Atkinson, London
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Wenn sich unsere Zellen ewig selber reparieren würden, wären wir unsterblich. Biologisch wäre das möglich. Warum tun sie es dann nicht? |
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Der Tod ist nur ein Trick der Evolution. Eigentlich sind wir unsterblich.
Von Sascha Karberg
Wie auch immer es begann, das Leben kam lange vor dem Tod auf die Welt. Die ersten Zellen, die sich vermutlich vor frühestens 3,8 Milliarden Jahren in der Ursuppe zu teilen und zu vermehren begannen, waren «potentiell unsterblich», wie Biologen sagen. Selbst wenn hie und da Zellen zerplatzten oder die eine Bakterie die andere auffrass, war das Altern oder der Tod nicht Teil eines biologischen Programms, wie es der Mensch mit Kindheit, Jugend, Alter und Sterben kennt. Teilten sich Bakterien oder Einzeller, dann gingen sie vollständig in den beiden Tochterzellen auf, so dass der Faden des Lebens von selbst nicht abriss. Siechen und Sterben waren noch nicht erfunden. Den Tod als das von der Natur vorgesehene Ende des Lebens gibt es erst, seit es mehrzellige Lebewesen gibt – seit etwa 600 Millionen Jahren.
Bloss warum hat die Evolution das Altern und den Tod überhaupt erfunden? Das Beispiel der ersten Zellen zeigt doch, dass es auch ohne das Sterben ging. Dem widrigen Alltag – von UV-Strahlung bis hin zu Giften – lässt sich mit ausgeklügelten Reparaturprozessen trotzen, die es in den Zellen jedes Lebewesens gibt. Fehler im Erbgut können verbessert, kaputte Proteine zersetzt, Membranen geflickt werden. Aber nur bei wenigen mehrzelligen Organismen funktionieren die Reparaturen ähnlich perfekt. Die Zellen der Hydra, des drei Zentimeter grossen Süsswasserpolypen, werden zum Beispiel alle paar Tage komplett ersetzt. Bevor die Polypenzellen altern können, töten sie sich selbst, werden zerlegt und tragen so ständig zum Aufbau frischer Zellen bei. Alternde Süsswasserpolypen gibt es nicht. Die Tiere vermehren sich, indem sie eine Knospe bilden, eine Miniaturhydra, die sich vom Körper trennt, um sich an einem anderen Standort niederzulassen.
Warum machen wir es also nicht wie die Polypen? Das Problem ist der hohe Energieaufwand für den ständigen Zellauf- und -abbau. Vermutlich hat es anfangs durchaus einige vielzellige Pflanzen oder Tiere wie die Hydra gegeben, die an der Unsterblichkeit festhielten und den Energieaufwand für das Reparieren ihrer Körper in Kauf nahmen. Doch langfristig hatten offenbar solche Lebewesen mehr Nachkommen, die weniger Wert aufs Reparieren legten. Und wer mehr Nachkommen hatte, setzte sich durch. Mit der gesparten Energie konnten sie nämlich ihre Körper mit unterschiedlichen Organen und Geweben ausstatten und neue Lebensräume erobern. Tatsächlich haben Forscher inzwischen bei vielen mehrzelligen Lebewesen Genmutationen gefunden, die Reparaturprozesse drosseln. Die Quittung dafür sind alternde, nicht mehr optimal reparierte und deshalb schliesslich sterbende Körper.
Solange diese sterblichen Körper in der Lage sind, den Funken der Unsterblichkeit in ein paar Ei- und Samenzellen aufrechtzuerhalten, produzieren sie immer wieder neue sterbliche Körper, und die Art bleibt erhalten. Der Körper – so gigantisch gross, so stachelbewehrt oder hirnlastig er auch sein mag – dient letztlich nur dazu, diese Keimzellen zu schützen.
Dass allein Ei- und Samenzelle unsterblich sind, hatte ausserdem den Vorteil, die Erbinformationen zweier Individuen vereinen und neu arrangieren zu können. Während die Knospen der Hydra nur simple Kopien hervorbringen, entstehen aus dem Verschmelzen von Ei- und Samenzellen Nachkommen mit neuen und unterschiedlichen Eigenschaften – und folglich einer grösseren Chance, an zukünftige andere Umweltbedingungen angepasst zu sein.
Durch die Brille der Evolution erscheinen das eigene Altern und der eigene Tod weniger endgültig, als der Verfall des eigenen Körpers es uns vormachen will. Wer sich als Teil einer Milliarden Jahre andauernden Evolution begreift, findet Trost darin, dass das allmähliche Altern und Absterben des eigenen Körpers Voraussetzung für den Bestand des menschlichen Lebens ist.
Doch warum sterben wir nicht sofort, nachdem wir uns fortgepflanzt haben? Mehr als bei anderen Arten ist ein neugeborener Mensch darauf angewiesen, lange gepflegt und beschützt zu werden. So überlebten nur jene Vorfahren des Menschen, bei denen die Reparaturen in den Zellen so gut funktionierten, dass sie sich zumindest noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte um den Nachwuchs kümmern konnten. Wenn dann die Nachkommen auf eigenen Füssen stehen, hat das Leben wieder bewiesen, dass es unsterblich ist – auch wenn es dafür das Sterben erfinden musste.
Sascha Karberg ist freier Journalist; er lebt in Berlin.
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