NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn es den Mond nicht gäbe

Von Herbert Cerutti
Es war ein unglaublicher Zufall: Millionen von Jahren raste ein Asteroid ungestört durch die Weiten des Weltalls, doch vor 4,6 Milliarden Jahren – nur kurz nach der Entstehung unseres Sonnensystems – lag ein Planet auf seiner Bahn: die Erde. Der gewaltige Aufprall verwandelte die Erdkruste in einen See geschmolzener Lava und jagte eine Fontäne aus Gas und flüssiger Materie Zehntausende von Kilometern in den Weltraum, woraus der Mond entstand.

Hätte jener himmlische Rowdy auf seiner wilden Fahrt die Erde knapp verfehlt oder nur leicht angekratzt, wäre unser Mond nicht entstanden. Und auch ein Einschlag mitten in den Bauch der Erde hätte keinen Mond in der heutigen Grösse produziert. Was wäre, wenn wir unsern Mond nicht hätten?

Als erstes gäbe es wohl weniger Aberglauben. Das wechselnde Gesicht des Mondes verführt die Menschen seit Urzeiten, seltsame Schlüsse zu ziehen. So sollen sich in den Tagen um Vollmond besonders häufig Autounfälle, epileptische Anfälle, Gewaltverbrechen, Selbstmorde und Hundebisse ereignen. Wer einen chirurgischen Eingriff vor sich hat, solle nicht den Vollmondtag wählen, während für eine Geburt mit einem Vollmondtermin gerechnet werden müsse. Zwar haben zahlreiche Studien einen statistischen Zusammenhang dieser Geschehnisse mit dem Mondlauf widerlegt – den Volksglauben störte das wenig.

Immerhin gibt es mit Ebbe und Flut einen unbestrittenen Einfluss des Mondes auf unsere Welt. Und selbst fern der Meere verformt sich mondbedingt die Erdkruste, was dazu führt, dass Erdbeben bei Voll- und Neumond ein wenig häufiger vorkommen. Alles in allem scheint eine Erde ohne Mond auf den ersten Blick keine dramatischen Folgen für den Menschen zu haben, auch wenn damit die ­romantische Bootsfahrt im silbernen Licht entfallen und das Vollmondbier in Appenzell nicht gebraut würde.

Der Mond hat allerdings für die Erde als Bremser eine fundamentale Bedeutung. Kurz nach der Entstehung der Erde war der Tag vermutlich nur 5 Stunden lang, und der Mond kreiste in 20 000 Kilometern Höhe. Durch die Gezeitenkraft wurde die Erdrotation jedoch laufend gebremst, wobei der Mond sich auf 380 000 Kilometer entfernte, bis 4,5 Milliarden Jahre später ein Tag 24 Stunden dauerte.

Ein mondloser Fünfstundentag wäre zwar etwas hektisch. Aber angesichts der Rastlosigkeit des modernen Menschen wohl zu meistern – vorausgesetzt, es gäbe überhaupt Menschen. Der Mond hält nämlich die Erdachse ­stabil bei 23,5 Grad Neigung, so dass in weiten Bereichen der Erde angenehme Temperaturen herrschen. Ohne ihn würde die Erde von der Anziehungskraft der anderen Planeten zum Taumeln gebracht, die Erdachse würde sich bis zu 85 Grad neigen. Aber schon bei einer Neigung von 60 Grad, das zeigen Simulationen, versänken die tropischen Zonen wegen des veränderten Einstrahlwinkels der Sonne in Schnee und Eis, während die Polarregionen auf bis zu 80 Grad Celsius aufgeheizt würden. In Zentraleuropa ginge die Sonne im Sommer während mehrerer Monate bei Temperaturen von 60 Grad Celsius nie unter; im Winter herrschte hingegen monatelang sonnenlose Nacht bei frostigen minus 50 Grad. Ein derart extremes Klimaregime hätte höher entwickeltes Leben wohl unmöglich gemacht.

Wir haben dem Mond also nicht weniger als unsere Existenz zu verdanken. Ohne ihn wäre die Erde ein lebensfeindlicher Brocken Gestein, der in nichts an jenen blauen Planeten erinnerte, auf dem wir heute leben.

Die lunare Lebenshilfe ist allerdings nur ein Dienst auf Zeit. Der Mond entfernt sich laufend weiter von der Erde. Vielleicht hat sich die lunare Anziehungskraft in einer Milliarde Jahren so stark verringert, dass die chaotischen Kräfte der grossen Planeten wieder dominieren. Dann wird die Erdachse in lebensfeindliche Positionen kippen, in denen die wärmsten Socken und der beste Sonnenschutz nicht mehr helfen.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wolfhausen.


Leserbriefe:

Zu Was wäre, wenn es den Mond nicht gäbe - NZZ-Folio Was wäre wenn . . . (08/08)

Wie ist es möglich, dass das Folio in einer Epoche der giftigen Kritik und der Demontage stets nur Lob empfängt? Einfach, weil es verdient ist, insbesondere für die letzte Ausgabe. Die Artikel vom fehlenden Mond (S.24) und die Geschichte von Che und Juan (S.43) spannen den weiten Bogen divergenter Themen. Erstere repräsentiert die "wenn nicht" Kategorie und zeigt mit harten Fakten und logischem Ableiten, dass wir alle nur durch einen reinen Zufall existieren. Letztere gehört zur "wenn aber" Kategorie und entzückt mit blühender Phantasie, mit Augenzwinkern und Humor. Den Höhepunkt an Prägnanz jedoch liefert Glück's Poster. Mega! Den letzten Artikel allerdings, "Was wäre, wenn ... ist eine sinnlose Frage" hätte ich gerne mit der sinnvollen und (ebenfalls) selbstbezogenen Frage ersetzt "Was wäre, wenn es das Folio nicht gäbe?".
Niklaus Wirth, Forch



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