NZZ Folio 03/98 - Thema: Die Geburt   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Vom Wort und Wesen des Mitbringsels

Von Joni Müller

MITBRINGEN IST GUT, Mitbringsel ist scheusslich, eine neudeutsche Prägung der übleren Sorte nämlich. Womit klar wird, dass der Teufel einmal mehr im Detail steckt bzw. in der Nachsilbe, die dem Wort meuchlings einen pejorativen Beigeschmack verleiht, ähnlich wie dem Überbleibsel und dem Geschreibsel. Weitaus schöner ist der alte Ausdruck «Gastgeschenk», der das Mitbringsel aber nur schlecht ersetzen kann, da er das Gegenteil bedeutet.

Schon das Wort ist also über keinerlei Zweifel erhaben, doch weitaus schlimmer noch ist das, was mitgebringselt wird. Eine unheilvolle Wechselwirkung zwischen Ausdruck und Bedeutung sowie zwischen Unbrauchbarkeit und Originalität liess Dinge entstehen, die für nichts anderes taugen als eben zum Übergeben. Plötzlich waren die Blumen und die Flasche guten Weins nicht mehr gut genug. Sie wurden verdrängt vom Tontopf, dem nach vier Tagen eine Frisur aus Kresse spriesst, vom Temperamentsanzeiger oder vom batteriebetriebenen Skeletthändchen, das Zigaretten spendet. Von solchen und ähnlichen Produkten lebt eine kleine, aber florierende Branche, die sich schon seit längerem mit dem begehrten Attribut «Bahnnebenbetriebe» schmücken darf.

Fast noch schlimmer als die unverblümt kitschigen und humorigen Mitbringsel sind jedoch die kunstgewerblich wert- und geschmackvollen aus Holz und Stoff und Salzteig. Ähnlich unerfreulich sind die sogenannten Potpourris aus verdorrten Blüten und anderem pflanzlichem Abfall, die ebenso wie Duftsteine und -lämpchen dafür sorgen, dass der liebe Besuch olfaktorisch noch lange in Erinnerung bleibt.

Doch endlich zeichnet sich eine Trendwende ab. Ob's das Ende des Millenniums und die damit verbundene Rückbesinnung auf wahre Werte ist oder nur Rücksicht auf die Kehrichtsackgebühr: Gags und Gadgets sind vorbei; der absolute Renner ist heute kaltgepresstes Olivenöl. Und dagegen gibt es nun wirklich nichts einzuwenden. Es ist teuer, nützlich und fast so fein wie Wein.


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