NZZ Folio 04/05 - Thema: Beim Zahnarzt   Inhaltsverzeichnis

Im Vorhof der Hölle

Wenn einem Wurzelspitzenresektion, Pulpaexstirpation und Hinterkopfabsaugung drohen, kann einem schon anders werden. Bericht aus dem Wartezimmer.

Von Lilli Binzegger

Dieses Sirren, jetzt hat es aufgehört. Jetzt stopft er ihm dann neue Wattetampons in den Mund, das widerlichste aller Gefühle. Jetzt streicht er ihm dann die Amalgamfüllung glatt, nach dem Sirren und Saugen das drittwiderlichste Geräusch. Und ich als Einzige im Wartezimmer, also kann nur ich die nächste sein. Nicht mehr jenes ängstliche Abzählen: noch drei, noch zwei, noch einer… Es ist ja auch nicht mehr einer jener schlechtgelüfteten Räume, in denen in jeder Ritze der Angstschweiss von Generationen von Patienten sass und gegen den Nelkenölgeruch ankämpfte, der aus dem Behandlungszimmer drang, und umgekehrt.

Fünf Stühle an dieser Seite der Wand, fünf Stühle an der gegenüberliegenden. Wenn nicht mindestens die Hälfte davon besetzt waren, wenn man hereinkam, ergriff man die Flucht, während die heutigen Patienten, die nicht mit niedertourigen Bohrern zahnmässig sozialisiert worden sind, keine Wartefristen mehr hinnehmen. Galgenfrist ist kein Wert mehr für sie.

Die Flucht zu ergreifen, wäre allerdings gar nicht mehr so leicht, denn da müsste man ja wieder an dem Cerberus vorbei, der hinter der Theke beim Eingang sitzt. Früher wurde das gesamte Personal einer Zahnarztpraxis (1 Zahnarzt + max. 1 Zahnarztgehilfin) am Tatort gebaucht: am Zahnarztstuhl. Aber da mussten die Zahnärzte ja auch noch nicht schauen, woher sie die Kunden kriegen, denn die Karies trieb sie ihnen früher oder später von allein in die Arme. Jetzt, da immer mehr Leute immer weniger Löcher haben, lässt man die Beute nicht mehr so leicht entweichen.

Einst hingen an Zahnarztwartezimmerwänden landauf, landab das Aquarell eines ansässigen Künstlers, eine Hans-Falk-Reproduktion (Uhu, Fuchs, Dachs) und die pepsodentgesponserte überlebensgrosse Darstellung korrekten Zähneputzens auf Karton. Auf dem Gestell an der Querwand (Buche, gebeizt) lagen Jahrgänge von «Nebelspalter» und «Beobachter» und, wenn man Glück hatte, Überreste der «Schweizer Illustrierten». Überall fehlten die Kochrezepte, das Handcrèmemüsterli war herausgeklaubt, der Bon für die Gratisbroschüre abgezwackt, das Kreuzworträtsel gelöst oder mit falschen Antworten ruiniert, wie jenes, in dem einer bei «Fahrstuhl mit 4 Buchstaben» «Velo» hineingeschrieben hatte. Sodann ein Büchlein mit Zahnarztwitzen (Kommt ein Skelett zum Zahnarzt. Sagt der: die Zähne sind o. k., aber das Zahnfleisch macht mir Sorgen) und für die Kinder «Globi bei den Indianern» und «Alle Vögel sind schon da».

Heute hängt an den Wänden Fotokunst oder zeitgenössisches Acryl, und auf dem Glastisch liegen der «Architectural Digest», Automagazine und das neueste «Cosmopolitan». Da sind Broschüren über Implantating, Bleaching und Veneering sowie für die Kleinen eine Playstation.

Und in ebendiesem Wartezimmer liegt auch ein Fortbildungsprogramm für die Zahnärzte, die hier auf den Zahnarzt warten, das gibt es also auch. Laterale Kondensation bei der Obturation von Wurzelkanälen zum Beispiel. Ich für meinen Teil würde mir da die Teilnahme sehr gut überlegen, steht da doch, Zähne könnten von der Kursleitung nicht gestellt werden. Wer stellt sie denn dann? Oder: Zahnextraktion mit System. Heisst das, es gibt auch eine Zahnextraktion ohne? Oder: Abnehmbare Prothetik: tot oder lebendig?

Bloss weg von hier.

Diese kühle, gestylte, aquariumartige Praxis – die Behandlungsplätze mit mattierten Glaswänden unterteilt, die unten weisse Hosenstösse über weissen Schuhen sehen lassen und oben ein bemundschutztes Zahnarztgesicht.

Eine unbeabsichtigte Spiegelung gibt kurz den Blick frei auf die Unterseite eines Oberkiefers in einem aufgerissenen Mund, drüber schwarze Nasenlöcher, dahinter nun auch der dazwischenliegende Teil des Arztes, wie er am Kopfende des Patienten sitzt, hinter ihm. Der Zahnarzt hat sich im Lauf der Zeit um 180 Grad um den Patientenmund herumgearbeitet: von frontal zur Seite, von seitwärts nach hinten, jetzt, im Jahr 2005, hat er den Patientenkopf unter sich zwischen den angewinkelten Armen.

In ein paar Jahren wird er ihn umkreist haben wie ein Planet seine Sonne, um dann vielleicht wieder für ein paar Jahrzehnte frontal in panisch aufgerissene Augen schauen zu müssen, bis er es wieder nicht mehr aushält und sich auf eine neue Umlaufbahn macht. Das Patientendasein seinerseits begann im aufrechten Stuhl, an dem sich zuerst bloss die Nackenstütze nach hinten kippen liess, und setzte sich fort in immer stärker geneigten Stühlen, bis endlich der Kopf tiefer lag als die Füsse, was den Zahnarzt in eine immer sitzendere Haltung zwang. Eine Entwicklung, die man sich lieber nicht zu Ende denkt. In Zeitlupe müsste das alles aber recht hübsch aussehen.

Jetzt kommt eine Frau herein, das unerträglich fröhliche Empfangsfräulein nimmt ihr den Mantel ab. «Ach», stöhnt die Frau (Wem sagt sie das!), «gerade noch geschafft! Mir ist das Tram vor der Nase abgefahren.» Ich fasse es nicht: Muss zum Zahnarzt und weiss noch vom Tram! Jetzt sehe ich mit an, wie sie sich erleichtert in den Stuhl neben mir fallen lässt und mir lachend ihr makelloses Gebiss zeigt, während ich leider gezwungen bin, zurückzuschauen, als hätte ich gerade Pos. 4821 des Zahnarzttarifs hinter mir: «Schiefe Ebene im Mund hergestellt.» Was tut die hier?

Wahrscheinlich war sie für Pos. 4473 da: Nachkontrolle gebleichter Zähne. Und ich voraussichtlich für Pos. 4402: Vitalamputation mit notfallmässiger Eröffnung. (Stand da nicht noch etwas von Vivisektion? Nein?) Das blaue Zahnarzttarifblatt, das in den Wartezimmern aufliegt, liest sich wie das Drehbuch zu einem Sadomaso-Porno in Stichworten: Gingivektomie Einzelzahn. Wurzelspitzenresektion. Pulpaexstirpation! Anschlingung retinierten (renitenten?) Zahns. Da ist von intrakanalären Schrauben und von parapulpären Stiften die Rede, deren Notwendigkeit man mit einem Latero-/Protrusionsregistrat oder der Aufzeichnung sagittaler Kondylenbahnen diagnostiziert. Da wundert einen nicht, dass die Geräte dazu autoklavierbarer Köchereinsatz und Hinterkopfabsaugung heissen.

War Wurzelbehandlung und Weisheitszahnextraktion denn nicht schon genug? Wie soll man das ohne Vollnarkose schaffen? Wie kam ich ohne Vollnarkose überhaupt bis hierher?

Das Schlimmste am Zahnarzt: der wochenlange pochende Zahnschmerz, der einen die Wände hochgehen lässt, die enttäuschte Hoffnung auf ein Wunder, die Nächte, seit man den Termin weiss, die Nacht davor, der Morgen davor, die Stunde davor. Zwei Drittel der Bevölkerung haben Zahnarztangst, 6 bis 14 Prozent haben Zahnarztphobie, ich für meinen Teil habe beides, das eine multipliziert mit dem andern. Denn ich gehöre zur Generation, die mit zwölf noch durchschnittlich 13,1 kaputte Zähne hatte (die Zwölfjährigen von heute haben knapp 0,9), ich gehöre zu jenen, die von den kräftigen Unterarmen finsterer Schulzahnärztinnen mit Bohrern mit einer Leistung von circa 30 Umdrehungen pro Minute traktiert wurden. Wenn sie nicht überhaupt den Zahn lieber gleich herauszogen.

Das gab der Zahnärztin nämlich die Gelegenheit, einem eine grosskalibrige Spritze tief in die Seele zu stossen, die so wehtat, dass man das Zerren, das folgte, und das Knirschen und Knacken im Kiefer fast lieber unbetäubt hingenommen hätte. Dann endlich das Klick, wie sie angewidert den angefaulten Zahn in die Nierenschale fallen liess. Dann im Spuckbecken der Anblick des blutigen Speichels, wie er, vom Wasser mitgezogen, spiralförmig im Abfluss verschwand und wie es mit dem Speichel auch das Kind, das dranhing, in den Orkus hinabzog. Und hinterher konnte sie auf dem Zahnschema, ihrem persönlichen Trophäenzähler, ein weiteres Kreuz anbringen. Ja: Kreuz.

Da, wie immer im Wartezimmer, das Zahnweh sowieso verschwunden ist, werde ich jetzt mündiger Patient und entschliesse mich für Position 4013, Versäumte Sitzung zu 18 Tarifpunkten pro Viertelstunde, mit anschliessender Komplizierter Fernröntgenanalyse, Pos. 4809.

Lilli Binzegger ist stv. Redaktionsleiterin von NZZ-Folio.


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