Nicole Czechowski hat an der Ecole nationale supérieure des arts dé coratifs in Paris Bildhauerei und an der Sorbonne Kunstgeschichte studiert. Seit zehn Jahren ist die ehemalige Lehrerin beim renommierten französischen Verlag Autrement tätig, wo sie heute für die Publikationen der thematischen Buchreihe Série Morales verantwortlich ist. Die ausgewählten Themen entsprächen immer einer persönlichen Leidenschaft, begründet die 43jährige auch die Realisation des Buches über den Sonntag, in dem sich ein Dutzend Autoren zum ersehntesten Tag der Woche äussern. Über 18 Monate, und manchen Sonntag lang, hat sich Nicole Czechowski mit sämtlichen Facetten des ambivalenten Tags befasst - den sie bis dahin nicht leiden konnte - und kam zum Schluss, dass man sich der Langeweile des Sonntags einfach wehrlos hingeben muss. Am Sonntag beschäftigt sie sich mit ihrer Familie, wenn es denn sein muss, noch lieber aber mit sich selbst. Das Buch «Dimanche - le temps suspendu» ist in der Série Mutations im französischen Verlag Autrement erschienen.
Das Gespräch mit Nicole Czechowski führte Franziska Wanner-Müller.
Madame Czechowski, warum mögen viele Leute den Sonntag nicht?
Aus den gleichen Gründen, wie sie andere Feiertage - Weihnachten oder Ostern - oft nicht mögen. Diese Tage haben zwei Gesichter, sie vermitteln einerseits Sicherheit, Geborgenheit, Ruhe und entlarven anderseits Wahrheiten: die Einsamkeit, die Angst, versteckte Konflikte, die Beziehungsunfähigkeit. Irgendwie schliessen sie uns vom Leben aus.
Welche Bedeutung hat der Sonntag?
Im Okzident ist er einfach ein freier Tag - man arbeitet nicht, der Kommerz liegt lahm. Ursprünglich war der siebte Tag jener des Schöpfers und somit der religiösen Praktiken. Heute ist das nicht mehr so. Also tut man am Sonntag - manchmal etwas verkrampft -, was man an den sechs vorhergehenden Tagen versäumt hat.
Sechs Tage, um dem Glück entgegenzustreben, und ein Tag, um zu konstatieren, dass das Glück nicht da ist, lautete die Sonntags-Definition Schopenhauers. Welches Glück erwarten die Menschen denn vom Sonntag?
Gerade weil man diesem Tag - mehr oder weniger bewusst - die ganze Woche hindurch entgegengefiebert hat, erwartet man von ihm die Befreiung von allen Sorgen, vom Stress, von Müdigkeit und Zeitnot. Gleichzeitig erwarten die Menschen von diesem Tag Ruhe, Erholung und Zeit für traute Zweisamkeit.
Warum ist die Langeweile denn das grösste Sonntagsübel?
Weil Wünsche und Realität nicht übereinstimmen. Leere lässt sich am Sonntag nicht einfach zur Seite schieben, so wie es an den werktätigen Tagen möglich ist. Ausser man füllt den Sonntag mit allen möglichen Beschäftigungen aus. Schopenhauer nennt das die simulierte Absenz des Leidens, die automatisch zu Langeweile führt. In diesem Sinn haben die Freizeitvergnügen des Sonntags die gleiche Bedeutung wie die Arbeit während der Woche. Die Zeit muss vergehen. Latent ist die Langeweile immer vorhanden. Sie lässt sich mit Betriebsamkeit kaschieren, aber nicht beseitigen. Und das ist gut so.
Warum?
Die eigenartige Leere dieser sogenannt glücklichen Tage ist doch symptomatisch. Entweder warten wir aufs Glück oder gehen - symbolisch gemeint - andauernd in die Messe, um von einer besseren Ewigkeit ohne Sonntage, und ganz sicher ohne Montage, zu träumen. Oder wir stürzen uns bis an die Grenze zum Ekel in diese todlangweilige Ruhe. Wenn wir aber den Sonntag so akzeptieren, wie er ist, grau und öd, setzen wir uns notgedrungen mit der Ruhe, der Pause, dem Rhythmus, der Zeit auseinander.
Machen Sie Kategorien bei den Sonntagsbeschäftigungen?
Ja, ich unterscheide zwischen jenen Beschäftigungen, die eine Flucht vor der Leere bezwecken - Kino, Fernsehen, sportliche Aktivitäten -, und jenen, die die Langeweile pflegen und herausfordern: lesen, schreiben, Radio hören, spazieren.
Genau diese Beschäftigungen langweilen Kinder seit Generationen. Schimmert nicht auch das in unserm erwachsenen Verhältnis zum Sonntag durch?
Frühe Sonntagserinnerungen haben tatsächlich oft etwas Dumpfes. Kinder können dem familiären Kokon und den Regeln, die darin gelten, ja nicht entkommen. An Sonntagen wird einerseits die heile Welt hochgehalten, anderseits sind versteckte Spannungen spürbar. Oder es kommt zu Konflikten, die wochentags unter dem Deckel gehalten werden. Kinder, die nicht in intakten Verhältnissen leben, spüren die Andersartigkeit dieser Tage, die Einsamkeit, besonders stark - genau wie die Alleinstehenden.
Welche Rolle spielt an den Sonntagen noch die Religion?
Wer nach streng religiösen Prinzipien, zum Beispiel den katholischen, lebt, wird den Tagesablauf sicher der Morgen- und der Abendmesse unterordnen.
In anderen Religionen - etwa dem Judentum - gestalten sich die Bräuche des Ruhetags etwas farbiger.
Das stimmt. Auch geselliger.
Kann die heutige profane Sonntagskultur noch in einen Zusammenhang mit den ursprünglichen kirchlichen Bräuchen gebracht werden?
Sonntägliche Traditionen und Rituale werden auch ausserhalb religiöser Kontexte gepflegt. Die regelmässige Wiederkehr gleicher Beschäftigungen erinnert an die kirchliche Tradition, wo Konstanz und Rhythmus eine wichtige Rolle spielen, übrigens auch bei der Arbeit, in der Trauer, im Gebet. Das Bedürfnis nach Monotonie drückt den Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit aus. Heute sind die Rituale und Traditionen zwar banalisiert, aber sie existieren.
Ist vielleicht der Brunch, dieses Zwischending zwischen Frühstück und Sonntagsbraten, ein modernes Sonntagsritual geworden?
Der Brunch ist tatsächlich eine ideale Alternative für die wachsende Gemeinschaft der sonntäglichen Spätaufsteher. Er wird meist im Freundeskreis praktiziert, Nachbarn, geschiedene Ehepartner und Freunde der Kinder stossen dazu. Der Brunch ist unkompliziert und unverbindlich, er entspricht damit absolut unserer Zeit.
Welche gesellschaftlichen Veränderungen haben die Sonntagskultur denn banalisiert?
Da steht ohne Zweifel der Familienzerfall an erster Stelle. Traditionelle Familien gibt es immer weniger, ihre Funktionen, gemeinsamen Betätigungen und rigiden Regeln sind am Verschwinden. Der Kirchenbesuch, das Mittagessen mit Braten, der Besuch bei der Tante, das abendliche Radiohörspiel sind, zumindest in den Städten, definitiv out. Es ist aber möglich, dass sich die Sonntagskultur rund um diesen Familienzerfall transformiert und neu konstruiert.
Welche modernen Sonntagsrituale gibt es bereits?
Nach dem Brunch geht man ins Kino oder gemeinsam in die Videothek, um sich am Nachmittag mit Freunden einige Kassetten anzusehen. So vergeht die Zeit schneller. Auch der Fitnessklubbesuch am Sonntag ist heute sehr populär. Abends isst man vielleicht bei McDonald's, und als ritueller Abschluss sehen sich viele Leute den Sonntagabendkrimi an.
Gibt es herkömmliche Sonntagsbetätigungen, die sich halten konnten?
Der Fussball. Jene, die nicht selbst spielen, gehen ins Stadion oder sehen sich den Match zu Hause an.
Welche historische Entwicklung hat der Sonntag?
Dem Sonntag als gesetzlichem Ruhetag ging ein langer Arbeiterkampf voraus. Für das hart arbeitende Volk war er eine bedeutende Errungenschaft. Einige typische Sonntagsbräuche müssen auch in diesem Kontext gesehen werden: ausgedehnte Mahlzeiten am Familientisch wurden nun möglich, und man war für einen Tag von der groben Arbeitskleidung befreit. Der späteren strengen Sonntagskleidung gingen nämlich die offenen Hemdenkragen der Arbeiter voraus, für die das ein Stück Freiheit bedeutete. In Frankreich etablierten sich nach dem «Sonntagsgesetz» über die häusliche Ruhe von 1906 bald einmal Cafés und Cabarets, die zur beliebten Alternative zum Kirchenbesuch wurden.
Es sind heute ja auch vor allem intellektuelle Kreise, die den Sonntag in Frage stellen.
Ich denke, dass die Angst vor dem Sonntag heute in allen Gesellschaftsschichten verbreitet ist.
Gibt es denn Gründe, den Sonntag weiterhin zu konservieren?
Wenn der Sonntag ein Tag wie jeder andere wird, sich die Woche einfach verlängert, die Stadt am siebten Tag das gleiche Gesicht hat wie wochentags, ist das ein Verlust für das Gleichgewicht der Menschen.
Viele Sonntagshasser müssen an diesem Tag aber ja gerade fürs Gleichgewicht unter Menschen und sind schon getröstet, wenn sie sich in den geöffneten Geschäften von Autobahnraststätten aufhalten dürfen?
La solitude! In Frankreich gehen die Leute aus diesem Grund am Sonntag auf den Markt. Ich proklamiere den philosophischen Umgang mit der Langeweile.