IN DIESEN ZEITEN des Umbruchs findet man Geri Weibel noch öfter als sonst in der SchampBar. Sie ist der einzige sichere Hafen im aufgewühlten Bermudadreieck Fisch&Vogel - Mucho Gusto - SchampBar. Der neutrale Boden, auf dem sich die Fisch&Vogel- und die Mucho-Gusto-Fraktionen friedlich begegnen. Charly hat begonnen, über Mittag ein kleines Angebot an Ciabatte zu servieren - Mozzarella/Tomate, Jamón, Räuchertofu, Spinat. Das Angebot erfreut sich grosser Beliebtheit bei denjenigen, die nicht mit jeder Mahlzeit einen Offenbarungseid ablegen wollen. Einer wachsenden Gemeinde.
Beflügelt von diesem unerwarteten Aufschwung und von einer trügerischen Serie von vier Sommertagen, stellt Charly das Gesuch, ein paar Tische in die Fussgängerzone stellen zu dürfen. Er erhält anstandslos eine auf drei Jahre befristete Bewilligung. Spätestens jetzt müsste er wenigstens die Meinungsführer des harten Kerns konsultieren. Er tut es nicht. Eines Mittags stehen als Überraschung drei runde Stehbars vor dem Lokal. Gusseiserne Gestelle mit imprägnierten Holztischplatten, aus deren Mitte ein Sonnenschirm ragt.
«Pass auf, da will dir jemand eine Döner-Kebab-Bude vor den Laden stellen», warnt ihn Freddy Gut, als er die SchampBar betritt. Charly gesteht, dass es sich um eine saisonale Erweiterung des Lokals handelt, in welche er, die Bewilligung eingerechnet, über fünftausend Franken investiert hat.
«Dabei gibt es diese Tische auch gratis», sagt Robi Meili, «als Riesen-Coca-Cola-Dosen mit passendem Schirm.» Spätestens jetzt ahnt Charly, dass er einen Fehler gemacht hat. Nicht einmal Geri Weibel lässt sich überreden, an der Open-air-Bar zur Probe und auf Kosten des Hauses einen Ricard-Suze zu trinken. Das Risiko, von jemandem aus der Szene dabei erwischt zu werden, ist ihm zu gross. Auch er geht an den Möbeln vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Schnurstracks in die letzte einigermassen dunkle Ecke der Bar.
Charly hat nämlich einen der schweren Vorhänge, die früher das Lokal verdunkelten, entfernt. Damit er sieht, wenn sich ein Gast auf die Terrasse verirrt hat. Er nennt es Terrasse.
Drei Wochen muss er die schadenfreudigen Kommentare seiner Stammkundschaft ertragen, dann ist es endlich so weit: An einem unerwartet sommerlichen Augustabend stellt ein junger Mann eine Mappe auf einen der Stehtische und schaut sich unsicher um. Er trägt das Jackett seines blauen Anzugs über der Schulter und eine gelbe Krawatte auf Halbmast. Robi Meili, Susi Schläfli, Carl Schnell, Freddy Gut, Alfred Huber und Geri Weibel beobachten, wie Charly etwas übereifrig die Bestellung entgegennimmt. «Wie ist Panaché?» erkundigt er sich aufgeregt, als er zurückkommt.
«Ein Teil Bier, ein Teil Zitronenlimonade, ein Schuss Wodka», klärt ihn Robi Meili auf.
«Das mit dem Wodka wusste ich nicht», wundert sich Susi Schläfli, als Charly die Bestellung ausführt. «Dabei habe ich früher oft Panaché getrunken.»
Auch Geri Weibel kann sich nicht an das Detail mit dem Wodka erinnern. Aber er gibt sich keine Blösse.
Keine zehn Minuten später gesellt sich ein zweiter jüngerer Mann zum Terrassengast. Auch er im gelockerten Business-Tenue. «Bank oder Versicherung», tippt Freddy Gut.
Charly bringt triumphierend zwei weitere Panachés hinaus. Und noch zwei.
Als die beiden die Rechnung bestellen, fragt Charly: «Elf fünfzig pro Panaché, glaubt ihr, das liegt drin?»
«Du musst unter fünf bleiben, sonst bist du die los», rät Robi Meili.
«Allein der Wodka kostet mehr», protestiert Charly. Aber er folgt dem Rat. «Die werden ja nicht immer Panaché trinken», sagt er.
Aber er täuscht sich. Sie trinken immer Panaché.
Sie und eine täglich wachsende Gruppe junger, korrekt gekleideter Herren aus dem kaufmännischen Bereich. Mit ein paar Damen panaschiert. Meistens, wenn Geri und die anderen in der SchampBar eintreffen, müssen sie sich auf der Terrasse durch eine laute Stehparty hindurchzwängen.
Die Bar selbst bleibt tabu. Bis eines Abends ein Platzregen die kreischende und johlende Gesellschaft hineintreibt, mitten in die Stille der Cocktailstunde.
Wie ein Rudel Klammeräffchen drängen sich die rechtmässigen Bewohner an ihren drei Metern Tresen zusammen. Sie müssen zuschauen, wie ihr letztes Refugium entweiht wird.
In dieser Situation wagt es Geri Weibel zum erstenmal, öffentlich Zweifel an Robi Meili zu äussern. «Bist du sicher mit dem Wodka?» fragt er.