NZZ Folio 06/03 - Thema: Düfte   Inhaltsverzeichnis

Wie die Nase des Mannes…

Sie ist Markenzeichen, Ausdruckszone für Gefühlsenergie, Projektionsfläche, Lügenbarometer: Das Riechorgan ist nicht nur zum Riechen da.

Von Hans Peter Treichler

Der Mann, der als erster aus seiner Nase ein Gesamtkunstwerk machte, hiess Jimmy «the Shnozzle» Durante. Er war ein begabter Komödiant, hie und da auf der Leinwand zu sehen, vor allem aber über fünf Jahrzehnte hinweg erfolgreich mit einer eigenen Radioshow und unzähligen Auftritten auf den Bühnen von Nachtclubs, Broadwaytheatern und Casinos. Als er 1980 starb, erinnerten sich viele Amerikaner an seinen Ausspruch, er sei bei der Nasenverteilung keineswegs zweimal angestanden: «Der Mann, der gerade am Austeilen war, hat zweimal geniest. Und zudem hatte er den Schluckauf.»

In der Tat erinnert Durantes Riechorgan an ein Stück Fleisch, das ein missgelaunter Kantinenkoch auf den hingestreckten Teller schmettert: eine flüchtig sautierte Seehundsflosse mit porentiefen Kratern, die in Durantes Gesicht so wirkte, als warte sie noch aufs Durchbraten. So bekam Durante den Spitznamen «shnozzle», auch zu «shnozzola» erweitert, ein jiddischer Slangausdruck für die Nase.

Aber Durante schaffte es, aus diesem unansehnlichen Organ sein Markenzeichen zu formen. Ob er vor der Kamera einen seifigen Buchmacher, einen Mafioso oder Bühnenagenten mimte, ob er vor dem Studiomikrophon einen seiner (vielfach improvisierten) Monologe hielt: Immer riefen seine näselnde Sprechweise und sein verstopftes Timbre diese Nase in Erinnerung, als wollte er sagen: Halb so schlimm, Leute. Wenn ich es mit diesem Riecher im Gesicht schaffe, dann schafft ihr es noch lange!

Natürlich gibt es auf der Leinwand prominentere grosse Nasen, etwa die von Walter Matthau oder Barbra Streisand; die Cinéphilen werden sofort Rossy de Palma, Michel Simon, Heinrich Gretler oder Charles Laughton nachtragen – begnadete Mimen, die ihren auffälligen Haken aus- oder schlicht wegspielten. Doch Durantes Botschaft lautete anders: Nasen sind nebensächlich, haltet euch lieber an den Menschen dahinter.

Die Nase – Schicksal oder Zufall? Glaubt man den Gesichtskundlern, den Verfassern unzähliger gedruckter Physiognomiken seit dem 16. Jahrhundert, so steht die Antwort von vornherein fest: Wie die Nase, so der Mensch. Der Herrgott, so argumentierten die Physiognomiker der Renaissance, hat dieses Organ nicht von ungefähr in der Mitte des menschlichen Gesichts placiert und es erst noch vorstehen lassen. Nach dieser Theorie ist es daher aufzufassen als Indikator für Gemüt und Charakter des Trägers und, in beschränktem Mass, für seinen Körperbau. Jede einzelne Partie liefert bestimmte Hinweise: Enge Nasenlöcher verraten den «listigen und lügenhaften», grosse und weite Nüstern den «unkeuschen und untreuen Mann». Sie geben sogar Auskunft über die Beschaffenheit der Hoden: «Je nachdem die Nasenlöcher an eim Mann weit oder eng / hernach hat er auch gross oder klein Klötzlein», heisst es in der «Physiognomie» des Johann von Hagen. Oft untermauern Mensch-Tier-Vergleiche diese seltsame Charakterkunde. Sie stellen das Profil von Esel, Katze oder Schaf dem ausgewählten menschlichen Beispiel gegenüber und machen die – angeblichen – tierischen Eigenschaften für den Menschen geltend: kurzes Katzennäschen bedeutet flink und tückisch, geschwungene Adlernase majestätisch und weitsichtig.

Ausgerechnet im Zeitalter der Aufklärung baute der Zürcher Prediger und Vielschreiber Johann Caspar Lavater diese verdächtige Wissenschaft in einem vierbändigen und reich illustrierten Standardwerk aus. Die um 1770 erschienene Physiognomik sollte die Menschenkenntnis fördern und basierte auf Zehntausenden von Schattenrissen und Portraits, die der fleissige Gottesmann archiviert hatte. Auch hier stand die Nase im Zentrum der Erkenntnis: Sie ist die «Widerlage» des Gehirns, eine nach aussen wirkende Stützkonstruktion, wie sie die gotische Kathedrale kennt. In ihrer Idealform weist sie einen leicht geschwungenen kräftigen Rücken auf, ist exakt so lang wie die Stirn und hat gut sichtbare Flügel. «So eine Nase», jubelte Lavater, «ist mehr werth als ein Königsreich!»

Wie seine Vorgänger bezog Lavater die antike Temperamentslehre ein: rohe, platte und aufgeworfene Nasen für den Choleriker, dünne und lange Zinken für den Melancholiker. Die unauffällige, gerade Nase des Sanguinikers, ohne Beugung oder «Undulation», zeigt laut Lavater allenfalls einen anständigen, vielleicht sogar edlen Charakter, «niemals aber einen grossen oder vorzüglichen». Und weiter: «Oh Ihr Fürsten, wenn Ihr Eure Minister wählt, so seht vor allem ihre Nasen an!» Selber wartete der Theologe mit einem langen und spitzen Riechorgan auf, das an einen pedantischen Schnüffler erinnerte; innerhalb des eigenen Regelwerks schnitt Lavater ziemlich schlecht ab.

Seine krause Systematik hatte Auswirkungen bis weit ins nächste Jahrhundert hinein. Sie festigte das Idealbild vom «edlen Wilden»: Nordamerikanische Indianer hatten kräftig geschwungene Nasen und liessen sich ohne weiteres in den Kanon vom «römischen» oder «griechischen» Gleichmass einordnen. Napoleon verliess sich bei der Berufung neuer Minister auf das Lavater’sche Nasenschema, und selbst Charles Darwin bekam die Folgen dieser Theorie zu spüren. Seinen Platz als Naturhistoriker bei der Weltumseglung auf der «Beagle» sicherte er sich nur mit Glück: Beim Antrittsgespräch bekundete der Kapitän einige Mühe mit Darwins knolliger, so gar nicht klassischer Nase.

Die Gesichtskunde dieser Zeit bezog sich nur in Ausnahmefällen auf Frauen. Bei ihnen galten ohnehin andere Prämissen, Stupsnasen beispielsweise wurden hier positiv gewertet. Das änderte sich auch beim psycho-physiognomischen System Carl Huters (um 1900) nicht gross. Auch es orientierte sich an Lavater. Laut Huter stellte die menschliche Nase die «Ausdruckszone» für die Gefühlsenergie dar, und ihre Form gab Auskunft über den Willen zur Selbstverwirklichung. Vergleiche mit Adlerschnabel oder Hundeschnauze waren unterdessen passé; jetzt wurde die Nase Sektor für Sektor interpretiert. Dominierte der obere Teil, so spielten scharfer Verstand und klare Informationsverarbeitung die Hauptrolle; hingegen deutete eine ausgeprägte Spitzen- und Flügelpartie auf einen vom Instinkt und von «Bauchgefühlen» gesteuerten Träger. Das vorderste Segment der Nasenspitze galt zusätzlich als «Ausdrucksareal» für den Magen, während ein weicher, konkaver Nasenrücken von Mangel an Disziplin und Willensstärke zeugte.

Je absurder die Behauptungen, desto eingeschworener die Gefolgschaft. Tatsächlich wird die Huter’sche Systematik noch heute weiterverbreitet. Wer den holprigen Weg zur Menschenkenntnis abzukürzen verspricht, findet allemal leichtgläubige Anhänger.

Weshalb schlagen Redewendungen rund um die Nase durchwegs eine ironische, spöttische oder aggressive Tonart an? Er ist eine Nasenlänge voraus, hat sich eine goldene Nase verdient, trägt sie hoch oder hat sie voll. Offensichtlich ermuntert das Gesichtsorgan zur redensartlichen Verdichtung, wenn es um menschliche Schwächen oder unverdiente Vorteile geht. Ich drehe dir eine Nase, ich rümpfe sie, ich binde dir etwas drauf und reibe dir etwas drunter. Keine würdigen, edel klingenden Wendungen, wie sie etwa mit der Hand assoziiert werden: Ich geb dir die Hand drauf, die Sache hat Hand und Fuss, Hand in Hand statt gegeneinand’. Stattdessen: Würmer aus der Nase ziehen, sich an der Nase nehmen, mit langer Nase abziehen.

Glaubt man den Sprachpsychologen, so lädt die Nase «zu pejorativer oder ironisierender Bildhaftigkeit ein, weil sie ambivalent besetzt» ist. Das tönt nach viel Nasenresonanz, meint aber etwa Folgendes: Als markanter Pfeiler in der Bronzebüste Marc Aurels oder im vollendeten Profil eines Mädchengesichts erscheint die Nase als Krönung menschlicher Schönheit. Aber ebendieses Marmornäschen vergiesst Ströme von Blut, wenn nur ein bisschen draufgehauen wird, es schwillt bei jedem Schnupfen rot an, versprüht beim Schneuzen und Niesen Schleim und Bakterien und gibt beim Nasenbohren unappetitliche Rotzklumpen her. Ziemlich sicher schnarchte Marc Aurel durch seine klassisch-römische Nase; ganz bestimmt wucherten in ihren Nüstern Härchen, die den Bart bis in die Schleimhäute hinauf weiterführten, wenn sie der Barbier nicht rechtzeitig wegknipste. Dass die porige und drüsige Nasenhaut fleissig Schweiss, Talg und Fett absondert und bevorzugt von Pickeln und Mitessern befallen wird, zerstört zusätzlich das Idealbild. An der Nase zeigt sich das Allzumenschliche. So wie es die Redensarten lieben.

Das zeigte auch Auguste Rodin mit seiner Skulptur «Mann mit gebrochener Nase», die ganz offensichtlich gegen das Denken in klassisch-bronzenen Kategorien rebellierte. Rodin reichte sie 1864 für einen Pariser Salon ein – sie wurde refüsiert. Aber mit ihr begann die Entzauberung der Nase. Schluss mit göttlichem Fingerzeig, Schluss mit marmornem Ebenmass! Die Nase mit ihren Schwellpolstern und ihren Sekrete absondernden Schleimhäuten, mit ihrer Anfälligkeit für Blutandrang und Blutungen stand ganz eindeutig in enger Beziehung zu den menschlichen Genitalien! Hier gab es Austausch, Interaktionen und geheimnisvolle Entsprechungen. An der Nase wurde gern gerieben, und gern wurde in ihr gepopelt; hier fanden sich Hinweise auf Menstruation und Masturbation, auf Potenz und Impotenz, wenn man nur präzise genug hinsah. Volkstümliche Verse hatten diese Bezüge schon lange in handfesten Reimen festgehalten («Wie die Nase des Mannes / so ist auch sein Johannes»); jetzt war es an der Psychoanalyse, die Querverbindungen festzumachen.

Um 1890 schloss sich Sigmund Freud den Thesen eines Berliner Rhinologen namens Wilhelm Fliess an, der unter anderem vorgab, mit einem kleinen operativen Eingriff an einem Knochensporn der Mittelnase liessen sich allzu fleissig onanierende Patientinnen zuverlässig heilen. Prompt lud Freud Fliess für einen solchen Eingriff nach Wien ein. Doktor Fliess entfernte zwar das besagte Knöchelchen bei einer jungen Patientin, vergass aber einen halben Meter Gaze in der Operationswunde. Die bedauernswerte junge Frau überlebte die nachfolgende Infektion nur mit viel Glück; Freud zog es in der Folge vor, die Nase lieber als Objekt der «Verschiebung» in sein System zu integrieren, wo sie fortan zusammen mit Kaminen, Kerzen und Schirmen als Penissymbol Dienst tat.

Die zwei berühmtesten Nasen der Kulturgeschichte sind ägyptisch, die erste fehlt schlicht. Wurde die Nase der Sphinx 1797 im Lauf der Schlacht bei den Pyramiden aus Versehen von napoleonischen Kanonieren weggeschossen, wie manche Forscher behaupten? Oder gab gar Napoleon selbst den Befehl dazu – im Sinn einer Shock-and-awe-Demonstration? Vielleicht kam ihm auch ein strenggläubiger Derwisch zuvor, der sich über den immer noch bestehenden Sphinxkult seiner muslimischen Glaubensgenossen ärgerte? Wie auch immer, die nasenlose Sphinx wirkt noch schreckenerregender als die unversehrte – als totenkopfähnliches Monster, das von den Anwohnern denn auch den Namen Abu-Hol bekam: Vater des Schreckens.

Die zweite berühmte Nase aus Ägypten gehörte Kleopatra, der ägyptischen Herrscherin von 47 bis 30 vor Christus, die ihre unförmige Nase im Stil einer Barbra Streisand schlicht wegspielte: mit viel höfischem Glamour und verführerischer Sinnlichkeit. Die Femme fatale der Antike umgarnte gleich zwei römische Herrscher, Cäsar und Marc Anton, manövrierte sich allerdings in eine katastrophale politische und militärische Lage, die ihr nur den Selbstmord als Ausweg liess. Was Arnold Böcklin und mit ihm manch anderen Historienmaler des 19. Jahrhunderts in Zugzwang brachte, als er Kleopatra samt Giftschlange (Penissymbol?) auf dem Totenbett malte. Wie viel Nase durfte es denn sein, wenn der Gesamteindruck nicht leiden sollte?

In der Renaissance betrieben Maler wie Dürer und Leonardo da Vinci intensive Studien zum menschlichen Riechorgan vor allem deshalb, weil sie die Jünger Christi beim Abendmahl nicht mit Einheitsnasen ausstatten, sondern etwas physiognomische Abwechslung in die Vollversammlung bringen wollten. Von Leonardo blieb eine schematische Skizze mit je drei konkaven und konvexen Nasentypen erhalten, die sich mit unterschiedlich placierten Höckern kombinieren liessen und die sich in seinem «Abendmahl» fast vollzählig wiederfinden. Christus erhält aus diesem Sortiment den Typus edle, gleichmässig-klassische Nase. So wie praktisch in der gesamten abendländischen Malerei.

Auch in der Weltliteratur hat die Nase ihre Auftritte: Nikolai Gogols Assessor Kowaljow erwacht in der Novelle «Die Nase» eines Morgens nasenlos, und die Nase von Carlo Collodis «Pinocchio» wächst bei jeder Lüge. Ihren glanzvollsten Auftritt bekommt sie in Edmond Rostands Bühnenstück «Cyrano de Bergerac» (1897), einer dramatischen Fantasie über den gleichnamigen französischen Barockpoeten. Was der Titelheld hier in einem wütenden Monolog an Spässchen herzählt, die sein unförmiges Riechorgan schon ausgelöst hat, wird unversehens zum Katalog menschlichen Stumpfsinns. Hängen Sie da Ihren Hut auf? Kippen Sie mit diesem Ding nicht vornüber? Brauchen Sie eine Bewilligung dafür? Und was tun Sie, wenn es regnet?

Cyrano gibt jeweils ziemlich cool zurück. Schauen Sie doch mal über die eigene Nase hinaus. Schauen Sie auf den Menschen. Ganz im Sinn von Jimmy «the Shnozzle» Durante.

Hans Peter Treichler beobachtet als TV/Radio-Mitarbeiter und Buchautor die Wandlungen der neueren Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Er lebt in Richterswil ZH.


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