Thomas Hirschhorn, wurde 1957 in Bern geboren. Er ist einer der international erfolgreichsten Künstler der Schweiz. In der Kunsthalle Bern machte er 1998 das Schweizer Armeemesser zum Symbol für das Land. 1999 baute er für die Biennale in Venedig einen riesigen «World-Airport» als Kommentar zur Globalisierung. Mit seinen Altären, Kiosken und Monumenten für Philosophen und Schriftsteller geht Hirschhorn vom Museum auf die Strasse. Er wurde dieses Jahr als einziger Schweizer nach Kassel an die Documenta 11 eingeladen.
Hirschhorn mag mündliche Interviews nicht, da er jeweils «alles umschreiben muss, so unzufrieden bin ich jeweils mit den Interviews (mit meinen Antworten natürlich)». So fand dieses Interview per E-Mail statt. Der Lesbarkeit zuliebe haben wir uns erlaubt, in Hirschhorns Text da und dort einen Punkt zu setzen und die Schreibweise den gängigen Regeln anzugleichen.
Wann wussten Sie das erste Mal, dass Sie ein Künstler sind?
Ich habe den Entschluss gefasst, ein Künstler zu sein, ich wollte frei sein mit dem mir Eigenen, ich habe entschieden, dass meine Arbeit Kunst ist, ich habe bestimmt, von jetzt an bewerte ich meine Arbeit und lasse ich meine Arbeit bewerten wie die Werke der von mir verehrten Künstler, Joseph Beuys, Andy Warhol und viele andere mehr, das war 1990, ich war 33,
Wie hat dieser Entschluss Ihr Leben verändert?
Nichts wurde einfacher, aber alles war klar, ich nehme meine Arbeit ernst, und alles, was mit ihr zusammenhängt,
Und was hängt alles mit Ihrer Arbeit zusammen?
Künstler sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, zu grosse Verantwortung. Ich habe keine Angst vor Destabilisierung, ich will verbinden, was man nicht verbinden kann, ich will Subjekt sein, ich will Formen geben, der Behauptung wird Form gegeben, die Behauptung bleibt nicht Theorie. Durch meine Arbeit will ich Antwort geben auf die Frage: Wo stehst du, Genosse? Es geht darum, eine Arbeit zu machen, die Energie hat, die kraftvoll ist, die Biss hat, es geht nicht darum, was Kunst ist und was nicht. Ich benutze Kunst als Werkzeug, als Werkzeug, um die Welt kennenzulernen, als Werkzeug, um mich mit der Realität zu konfrontieren, und als Werkzeug, um mich mit der Zeit, in der wir leben, auseinanderzusetzen. Ich bin ein Künstler, Arbeiter, Soldat,
Keine Ahnung, wovon Sie sprechen.
Sie stellen doch die (Gretchen-)Fragen,
Dann eben: Herr Hirschhorn, wie haben Sie’s mit der Religion?
Zu viel Unverantwortbares geschieht heute im Namen Gottes, Religion spielt eine zu grosse Rolle, in meiner Arbeit spielt Religion keine Rolle. Weil ich selbst bin, will ich für meine Entscheidungen und Handlungen verantwortlich sein, ich will Verantwortung übernehmen, ich will mir ethische Fragen stellen, ohne Gewissensnot und Schuldgefühl. Ethik ist nicht das Gleiche wie Moral, Gott ist der Gott der Moral, Moral aber ist Flucht vor der Verantwortung,
Dem von Ihnen verehrten Joseph Beuys wurde 1968 vorgeworfen: «Er spielt den Messias, er will uns bekehren, er will die Kunstakademie die Rolle der Kirchen übernehmen lassen.» Beuys selbst behauptete: Kunst kommt von (ver)künden. Und Andy Warhol, ein gläubiger Katholik, hat Suppendosen, Dollarnoten und Marilyn Monroe zu Ikonen des American Way of Life gemacht. – Kann Kunst eine Ersatzreligion sein?
Kunst ist nie Religion, Kunst ist nie moralisch, Kunst ist nie göttlich, Kunst kommt vom Menschen, Kunst entsteht aus Empörung, diese Empörung hat nichts mit Gott, mit Moral zu tun, so auch die Kunst von Andy Warhol und Joseph Beuys nicht. Ich will keine überholte, leichtgewichtige und oberflächliche Kunstkritik kommentieren, weil mir die Werke von Andy Warhol und Joseph Beuys unendlich wichtig sind, diese Künstler haben sich mit der sie umgebenden Realität konfrontiert, ihre Werke sind Positionen, die zählen, Positionen, mit denen ich mich auseinandersetzen will. Während meines Studiums an der Kunstgewerbeschule Zürich, in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern, sah ich Ausstellungen der beiden im Kunsthaus Zürich, ihre Kunst hatte grosse Wirkung auf mich, ihre Kunst hat mein Leben verändert, ich erkannte: Kunstwerke können mir etwas sagen. Und ich erkannte: Ich kann auf Kunstwerke hören, ich glaube dem Kunstwerk, ich glaube an die Kunst von Joseph Beuys und Andy Warhol,
Bevor Sie sich vor den Computer setzten, was machten Sie gerade?
Ich habe gearbeitet,
Und was heisst das?
Ich arbeitete an der Gestaltung einer Publikation, die anlässlich meiner nächsten Ausstellung im November in New York herauskommen wird. In diesem Kurzführer werden 20 Projekte vorgestellt, die Auswahl der Arbeiten sowie die sie begleitenden Texte macht Bice Curiger aus Zürich, ich will eine billige, farbige Broschüre machen, der «short guide» soll niemanden beeindrucken oder absichern,
Die Gefahr bestand an der Uni Zürich nicht, wo Sie aus Kartonverschlägen Kunstkioske gebaut haben, eine Art Informationsstände zu verschiedenen Künstlern. Viele fanden die Installationen hässlich. Der Professor für Neuroinformatik Kevan Martin sagte: <Wir vom Institut müssen uns für das Ding in der Eingangshalle entschuldigen. Was soll ich sagen, wenn die Leute in unser Institut kommen und fragen, was das soll?> - Herr Hirschhorn, was hätte der Professor den Leuten sagen sollen?
Meine Kunst steht nicht im Dienst dieses Professors, meine Kunst steht nicht im Dienst der Universität Zürich oder des Instituts für Neuroinformatik, die Kunst steht in keinen Diensten, deshalb muss sich niemand dafür entschuldigen,
Haben Sie sich überhaupt schon einmal entschuldigt in Ihrem Leben?
Oh, ja,
Wofür denn?
Das will ich nicht sagen, glauben Sie mir, ich kann es,
An der Kasseler Documenta 11 machten Sie Ihre Kunst in einem Arbeiterquartier, wo hauptsächlich türkische Familien zu Hause sind. Was für Begegnungen gab es?
Ich war vor Ort in der Friedrich-Wöhler-Siedlung, die gesamte Ausstellungsdauer durch, ich war der Hausmeister meines Projekts «Bataille-Monument». Ich wohnte in der Siedlung, wo ich den Aufbau, die Betreuung und den Abbau des «Bataille-Monument» zusammen mit den Bewohnern und den Jugendlichen des Quartiers durchführte. Ich habe mich gefragt, bin ich fähig, Begegnungen zu machen? und ich habe mich gefragt, bin ich fähig, Ereignisse zu erzeugen? daran arbeite ich als Künstler, nicht als Sozialarbeiter. Die Begegnungen, die hier stattfinden, sind vielseitig, die Bewohner unter sich, die Bewohner und die Documenta-11-Besucher, die Bewohner und ich, die Begegnungen sind schön und schwierig, die Problematik und die Komplexität des Projekts führen zu sehr vielen anspruchsvollen Auseinandersetzungen. Ich habe noch nie eine so zeit-, mittel- und energiefordernde Arbeit gemacht, hier geht es nicht um Erfolg oder Misserfolg,
Klar. Trotzdem: Sie sind erfolgreich. Wie viel verdienen Sie?
Ich kann von meiner Arbeit leben, ich kann vom Verkauf meiner Arbeit leben, meine Arbeit verkauft sich gut, ich investiere alles Geld in meine neuen Projekte, ich beklage mich nicht, und ich habe mich nie beklagt. Ich wollte immer von meiner Arbeit leben können, ich bin jetzt 45, noch mit 38 musste ich zeitweise Geld mit den verschiedensten Jobs verdienen,
Sind Sie glücklich?
Ja,
Und was macht Sie glücklich?
Ich bin glücklich, weil mir eine Frau gesagt hat, streichle mich,
Fühlt sie sich auch von Ihrer Kunst gestreichelt? Sie arbeiten gerne mit Packmaterial wie Pappkarton, Alufolie, Silberpapier, braunen Klebstreifen.
Sie haben meine Antwort falsch verstanden,
Wie wäre sie denn zu verstehen?
Sie müssen wissen, was Sie wissen wollen,
Also gut: Wie viel gibt fünf mal sieben?