NZZ Folio 10/97 - Thema: Copyright   Inhaltsverzeichnis

Der patentierte Neger

Wem gehören die Chromosomen der Hagahai.

Von Tilman Spengler

SEHR VIEL WAR BISHER vom kleinen Volk der Hagahai noch nicht die Rede. Es lebt, versichern uns Ethnologen, in den schwer zugänglichen Bergregionen von Papua-Neuguinea, hat erst seit mehr als einem Jahrzehnt Kontakt mit der Welt jenseits dieser Berge und galt demnach unter Experten als «vorzüglich isoliert». Der Erscheinungstyp wurde als «eher klein», «meist kraushaarig», das Verhalten als «gemischt zutraulich wie misstrauisch» festgehalten. In der Blütezeit der Völkerkunde wären die Hagahai ob dieses Vorzuges eine akademische Trüffel für den Erforscher «fremder» Lebensformen gewesen. Es hätte Stipendien geregnet auf diejenigen, welche erkundeten und beschrieben, ob bei jener Neuentdeckung eher das Recht der weisen Mütter oder das der hitzigen Väter Geltung hat. Vielleicht auch umgekehrt. Scharfe Lichtbilder, vielleicht auch hastige Bleistiftskizzen hätten Zeremonien von öffentlicher Bestattung oder heimlicher Kopulation festgehalten. Artefakte der lokalen Waffentechnik, der Töpferkunst oder Götterverehrung, des Rausches und der Ernüchterung wären in den entsprechenden Sammelstellen sorgfältig registriert worden. In Esoterikläden hätten T-Shirts von der Weisheit der Hagahai gekündet, Tonaufnahmen ihre Brumm- oder Kopftöne bewahrt. Soviel zur traditionellen Form der Neugier.

Das aktuelle Interesse an den Hagahai erklärt sich nach wie vor aus ihrer Abgeschiedenheit, doch heutzutage geht es nicht um Kultur-, es geht um wissenschaftlich und ökonomisch verwertbares Erbgut. 1995 überliess ein Angehöriger dieses Volkes von knapp 250 Seelen seinen genetischen Code (vulgo: Proben von Blut und Zellen) dem US-amerikanischen NIH, dem National Institute of Health, das sich diese Proben prompt patentieren liess. Seither gehört den Hagahai zwar noch ihre Seele, doch der Schlüssel zu deren materieller Gestalt liegt - vermuten wir - in einem Safe in Washington.

Der Fall erregte spätes Aufsehen. Mit Dolly und Polly, auch mit der berühmten «Krebsmaus», den bisherigen Paradestücken der Klonkunst, mochte sich der westliche Humanist vielleicht noch anfreunden, schliesslich handelt es sich um Nager und Schafe, doch ein ganzes, wenn auch kleines Volk? Zumal es nicht bei dieser einen Population in Neuguinea blieb. Die Jäger und Sammler der «Biotechnologiebranche» (eine Wortschöpfung, welche einem anderen unheimlichen Labor entstammen muss) fahndeten und fahnden weiter im Südpazifik, weshalb der dortige Archipel vermutlich bald als «Pollynesien» in die entsprechenden Kartierungen eingehen wird. Gesucht und prämiert werden, sehr vereinfachend gesagt, starke Genotypen mit spezifischen Schwächen.

Wenn nämlich der Nachweis gelänge, dass einer bestimmten Erkrankung - der Leber, der Atemwege, des Herzens - eine erbbiologische Grunddisposition, besser noch eine ganz spezifische, womöglich fehlgeleitete Information zugrunde läge, könnte sich ein gewieftes Team von Genschneidern an die Arbeit machen, um den betroffenen Zellen neue Instruktionen zu erteilen, worauf diese dann aufhörten, ihr Ziel in der Erzeugung von Zirrhosen, von Asthma oder von Infarkten zu suchen. Wir alle lebten viel länger, viel freier von Beschwerden und wären dementsprechend auch viel, viel glücklicher. Soweit das Versprechen der Biotechniker, eines Geschäftszweigs, der im vergangenen Jahr in den USA fast dreizehn, in Europa fast zwei Milliarden Dollar umsetzte. (Andere Schätzungen multiplizieren diese Zahlen mit den Faktoren zehn oder hundert.) Das Geschäft sei zwar hart, versichern uns Firmensprecher, doch die Aussichten so gut, dass man fast von einer Goldgräberstimmung reden könne. Und die Technik habe man selbstverständlich «sicher im Griff».

Wären da nicht die Probleme jenseits der Technik. Wo viel Kapital investiert wird, will der Geldgeber sicher sein, dass ihm der neidische Konkurrent nicht den Einfall stiehlt. Im vorliegenden Fall bezieht sich dieser Einfall aber nicht nur auf ein Verfahren, es geht genauso um die Grundsubstanz, um Pflanzen, Tiere und Menschen. In der Bonanza-Sprache lautet das: Nicht nur das Schürfverfahren soll patentiert werden, sondern auch das Gold. Oder eben der ausgefallene Neger.

«Biopatente» heissen diese Schutzbriefe, und in Europa ist seit neun Jahren umstritten, ob sie überhaupt erteilt werden dürfen. Die zuständige EU-Kommission muss abwägen, ob sie ihr geneigtes Ohr eher den Argumenten derer schenkt, die im Namen des medizintechnischen Fortschritts, der Gewinnmaximierung oder der Arbeitsplatzsicherung argumentieren, oder jener Koalition aus Umwelt- und Verbraucherschützern, deren Forderung sich im Kampfruf «Kein Patent auf Leben» ausdrückt. Im Juli 1997 rang man sich in Brüssel nach zähen Auseinandersetzungen zu ersten Richtlinien durch - Beobachter sprachen von einem Sieg der einschlägigen Industrie -, doch ob diese in absehbarer Zeit Gesetz werden, gilt noch als äusserst umstritten. Anders als in den Vereinigten Staaten ist in Europa der Kampf um die Substanz noch nicht entschieden.

«Wir gehören uns selber», riefen die empörten Hagahai, «wir gehören nicht einer Agentur der US-Regierung.» Sie klagten damit ein Recht ein, das kulturgeschichtlich in den Kapiteln «Identität» und «Individualität» verhandelt wird. Bedroht war dieses Recht natürlich lange schon bevor der englische Biochemiker J. B. S. Haldane in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts den Begriff «Klonen» aus dem Griechischen nacherschuf. Der Teufel, soviel wissen wir aus vielen Stellen in der Bibel, schlüpft nicht nur in Menschengestalt, er kann auch das «Herz erfüllen», eine Formulierung aus der Apostelgeschichte, die den Begriff «Identität» in eine schönere Form kleidet. Das Drama «Amphytrion» belehrt uns, wie wenig Verlass auf den vertrauten Phänotypus eines geliebten Menschen ist. Chinesische Kaiser liessen ganze Armeen nachbauen, wehrhafter, makelloser und unverletzlicher als die jeweiligen menschlichen Vorlagen, um ihre letzten Ruhestätten zu schützen. Die Figur des Doppelgängers schliesslich ist nicht nur ein beklemmendes Bild in der europäischen Literatur seit der Romantik, sie ist auch alltägliche Praxis seit der Erfindung von Staatslenkern und von Busenwundern. Ganz zu schweigen von allen Golems, allen Jekylls und Hydes, allen Frankenstein-Geschöpfen sowie der Plethora jener Zwillings-, Drillings-, und sonstigen Multipel-Kreaturen, mit denen die Science-fiction-Literatur und deren flinke Leinwand-Adepten uns seit langer Zeit auf vielen Seiten und Zelluloidmetern den Atem zu rauben versuchen.

Soweit berichtet wurde, unterhalten die Hagahai weder Bibliotheken noch Filmtheater. Wir dürfen also getrost unterstellen, dass diesem Volk die spezifischen Ängste der anderen Zivilisationen weitgehend unbekannt sind. Die Scheu, den eigenen Chromosomenschatz aus der Hand zu geben, muss daher entweder uns fremd gewordene kulturelle Vorbehalte ausdrücken, oder es steckt dahinter eine allen Menschen gemeinsame Abwehr. In der Sprache Sigmund Freuds: ein Tabu.

«Wie er sich räuspert, wie er spuckt, hat er getreulich abgeguckt.» Auch bei Goethe ist der Vorwurf deutlich zu vernehmen. Das Imitat, selbst das kunstvoll nachgebildete, hat einen schlechten Ruf. Natürlich möchten wir gerne Modell sein, Held der Arbeit, Ritter der Strasse, Olympionike in einer klassischen Disziplin, doch mit Verlaub: am liebsten nach der Werbeparole der zwanziger Jahre «häufig kopiert, aber nie erreicht».

Der Anspruch erweckt Argwohn. Warum soll ich eigentlich nicht stolz darauf sein, dass, sagen wir, meine Leberwerte, trotz, vielleicht sogar wegen aller Belastungen, zum Anlass genommen werden könnten, genetische Informationen für künftige Generationen exzellenter Schriftsteller zu liefern? Soll eine künftige Erdbevölkerung von soundsovielen Milliarden Menschen nicht zumindest diesen kleinen Trost haben, dass irgendwo zwischen Rio de Janeiro und Peking sich ein Wesen herumtreibt, welches noch zwischen «dasselbe» und «das gleiche» zu unterscheiden weiss? Bisher haben wir uns stets zähneknirschend damit abgefunden, vorgefundene Klone als ein Produkt der Macht des Schicksals zu akzeptieren. Wer je eine Morgenmaschine von Frankfurt nach Zürich oder von Zürich nach Frankfurt bestiegen hat, weiss, wovon ich rede. Völlig identische Duft-, Frisur-, Handkoffer-, Zeitungsaufschlaggriff- und Schlipssignale! Die allmorgendlich allgraue Wirklichkeit des längst vollzogenen Klonens zeigt der von Umweltschützern befürchteten Züchtungsvision eine bereits von Langeweile gekrümmte, in jeder Karikatur reproduzierbare Nase. Niemand, der einmal in mutig-gesellschaftsveränderndem Optimismus das Banner von «Prägung versus Anlage» auf seiten der Präger geschwungen hat, kann sich des Eindrucks erwehren, dass es beim Kampf der «Humanisten» gegen die «Biotechniker» um längst geräumte Schlachtfelder geht.

Wäre da nicht das tapfere Volk der Hagahai. Sie wollten offenbar weder geprägt werden noch ihre Anlagen herausrücken. Die rätselhaften Umtriebe von Retroviren in der Welt jenseits ihres Territoriums - der Anlass für die fremde Neugier auf ihr Blut - schienen ihnen herzlich gleichgültig. Mit anderen Betroffenen (allein in Papua-Neuguinea standen 41 Volksgruppen auf der Wunschliste der Genfahnder) soll nun eine Notgemeinschaft gegründet werden, deren Charta («Patentfreie-Lebensformen-Pazifik-Vertrag») sprachlich zwar noch verbesserungswürdig, deren Ziel jedoch eindeutig ist: Keine Macht den Anlagevertretern!

Ein später, vielleicht ein zu später Protest. Denn unter der Nummer US 5,397,696 wurde das Patent auf die DNS der Hagahai bereits erteilt. Ob es sie tröstet, wenn sie erfahren, dass der Teufel auch in anderen Fällen zu frühzeitig triumphierte?

Tilman Spengler, Schriftsteller, lebt in Ambach (D).


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