Natürlich ist Geben seliger denn Nehmen. Das war schon und ganz unverhohlen so in vorchristlicher Zeit, wenn römische Kaiser Gold- und Silbermünzen unter das ihnen zujubelnde Volk werfen liessen. Mit ihrer verschwenderischen Freigebigkeit demonstrierten sie Macht, verpflichteten zur Unterwerfung und mehrten ihren Ruhm.
Wer dagegen aus Nächstenliebe gibt, tut es vermeintlich uneigennützig, ohne im Gegenzug vom Beschenkten etwas zu wollen. Aber der Wohltäter - im Christentum wie im Islam - weiss, dass Barmherzigkeit vergolten wird: Sein Lohn ist die Gnade Gottes. So erging es auch dem heiligen Martin, von dem Jacobus de Voragine im 13. Jahrhundert erzählt: «Als Martin einmal zur Winterszeit durchs Tor von Amiens ritt, stiess er auf einen armen, unbekleideten Mann. Da niemand sonst mit ihm Mitleid hatte, begriff Martin, dass dieses ihm vorbehalten sei, er riss das Schwert heraus, zerteilte seinen Mantel - es war der einzige, der ihm geblieben war - und gab den einen Teil dem Armen, den andern legte er sich selbst wieder um.» In der Nacht darauf sah Martin im Traum Christus, bekleidet mit jenem Teil des Mantels, den er dem Armen geschenkt hatte. Und die Güte Gottes erkennend, liess er sich taufen.
Eine schöne Weihnachtsgeschichte. Indem Martin gibt, erlangt er sein Seelenheil im Himmel. Doch auf Erden tut er noch anderes: Mit seiner Gabe bekräftigt er die soziale Hierarchie, die ihm und dem Armen die Plätze zuweist, hoch zu Ross bestätigt er ein Machtverhältnis. Knapper hat das niemand gesagt als Ilse Aichinger in ihrem «Nachruf», einem kurzen Gedicht: «Gib mir den Mantel, Martin, / aber geh erst vom Sattel / und lass dein Schwert, wo es ist, / gib mir den ganzen.»
So wird eine Legende demontiert. Der heilige Martin kommt als Wohltäter nicht zum Zug, die grossmütige Geste des Teilens bleibt ihm verwehrt. Der Arme hat statt dessen das Wort ergriffen, und er ist kein unterwürfiger Bedürftiger, der Mitleid erwartet. Doch bloss unverfroren ist der, der hier fordert, nicht. Er gibt Martin die Chance, kein Heiliger werden zu müssen. Und befreit dessen Gabe vom Verdacht, den Spender seliger zu machen als den Empfänger.