KAWA AMIN, SULEIMANIYA (IRQ), ist 31 Jahre alt, verheiratet, noch kinderlos. Er liebt Singvögel, besitzt aber selber keine, da er in einer Mietwohnung lebt. Er fährt einen VW Passat «Brazili», der so heisst, weil er in Brasilien hergestellt wurde. Das Auto hat Baujahr 1987, der Kilometerzähler ist vor längerer Zeit bei 244 995 stehengeblieben. Suleimaniya liegt im irakischen Kurdistan, gilt als das intellektuelle Zentrum und hat rund 600 000 Einwohner.
Kawa Amin verdient im Monat 120 bis 170 Franken, davon leben er und seine Frau. Für die Zwei-Zimmer-Wohnung zahlen sie monatlich 50 Franken Miete.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Ich arbeite von 7 Uhr 30 bis gegen 21 Uhr, jeden Tag. Ich komme also auf fast 95 Stunden. Das Auto gehört mir. So bin ich mein eigener Chef.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Geld zur Seite lege ich nur für Autoreparaturen oder Arztbesuche. Ich werde so lange fahren, wie es mein Augenlicht zulässt. Danach hoffe ich, dass meine Söhne und Töchter für mich sorgen, falls ich dann welche habe.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht und wo?
Nach dem Ramadan mache ich jeweils zwei Tage frei, dann gehe ich Verwandte und Freunde besuchen. Sonst arbeite ich immer. Aber so richtige Ferien habe ich noch nie gemacht. Ich war überhaupt noch nie ausserhalb Kurdistans.
Warum wurden Sie Taxifahrer?
Ich habe keine höhere Schule besucht. Taxi zu fahren, ist angenehm, wenn man nichts kann. Und es ist besser als Bauarbeiter.
Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?
Der Zähler funktioniert nicht, daher weiss ich das nicht. Aber es ist auch egal, weil ja der Preis nicht davon abhängt.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Von Suleimaniya nach Erbil und zurück, das sind etwa fünf Stunden.
Was tun Sie in den Wartezeiten?
Ich wasche das Auto oder repariere etwas. Es geht viel kaputt auf diesen schlechten Strassen, und besonders im Winter ist es immer sehr schmutzig. Wenn ich lese in den Wartezeiten, dann sicher kein Buch. Höchstens ab und zu eine Zeitung.
Wer war Ihr prominentester Gast?
Berühmte Leute fahren bei uns nicht mit dem Taxi.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
Ich nehme jeweils nur den Fahrpreis, aber kein Trinkgeld. Betrunkene wollen mir immer viel zu viel geben, aber das lehne ich ab. Betrunkene sind meistens gute Menschen.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Ein Mann liess einmal 1500 Franken liegen. Ich brachte sie ihm nach Hause zurück. Dafür bekam ich 15 Franken. Das kam damals sogar im Fernsehen.
Wie reagieren Sie im Stau?
Ich werde wütend und schlage die Hände über dem Kopf zusammen.
Sprechen Sie mit den Fahrgästen?
Es hängt davon ab, ob ich angesprochen werde. Es gibt Kunden, die sagen nicht einmal «Hallo». Ich selbst beginne nie ein Gespräch. Gerne unterhalte ich mich über Politik.
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
Die höchste, die die Polizei hier verteilt: 7 Franken 50.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Und wie viel kostet die Fahrt vom Bahnhof oder Flughafen dorthin?
Sarchinar, das ist ein Park mit einer Quelle und viel Natur. Einen Bahnhof haben wir nicht. Einen Flughafen wollen sie erst bauen. Von dort würde die Fahrt etwa 7 Franken kosten.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Nachts habe ich Angst. Wenn ich jemandem nicht traue, nehme ich ihn nicht mit. Einmal in einer Winternacht, kurz vor dem Kurdenaufstand 1991, stiegen zwei Männer bei mir ein. Der eine hielt sich die Hand vor den Mund, als ob er Zahnschmerzen hätte. So konnte ich ihn nicht erkennen. Die beiden wollten ins Stadtzentrum. Der eine setzte sich hinter, der andere neben mich. Als wir ankamen, es war stockdunkel, hat mich der auf dem Rücksitz in den Schwitzkasten genommen. Der andere ist ausgestiegen und hat das rechte Vorderrad abgeschraubt. Dann haben sie mich am Sitz festgebunden und sind mit dem Rad verschwunden. Es war damals eine ziemlich rechtlose Zeit in Suleimaniya.
Womit verwöhnen Sie sich?
Ich lege mich auf das Sofa und schaue Fernsehen.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Ich würde es in Projekte investieren, die Gewinn abwerfen, ganz egal, welche. Und dann würde ich nicht mehr so viel arbeiten.
Taxameter gibt es in keinem Taxi der Stadt. Innerhalb des Stadtzentrums kostet eine Fahrt 1 bis 1 Franken 50, ausserhalb je nach Dauer der Fahrt.
Irak
Einwohner: 24 000 000
BIP pro Kopf: CHF 300
Benzin: 1 l CHF 0.10 bis 0.50
Milch: 1 l CHF 2
Coca-Cola: 1 l CHF 1.50
Brot: 1 kg CHF 0.60
Reis: 1 kg CHF 0.70
Kinobillett: CHF 0.25
Zigaretten: 1 Packung CHF 0.50