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NZZ Folio 11/03 - Thema: Erben   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich fahre nie nachts

© Sieglinde Geisel
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Von Sieglinde Geisel

ZENNURE ÖZTÜRK, BERLIN (D), ist 36 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Kindern im Alter von 14 und 15 Jahren. Ihre Hobbies sind Lesen und Sport. Sie fährt einen Mercedes, Jahrgang 2000, Zählerstand: 187 922 Kilometer. Berlin hat 3 391 500 Einwohner.
Zennure Öztürk verdient im Monat etwa 1500 Euro brutto, ihr Mann nimmt, ebenfalls mit Taxifahren, etwa 2500 Euro brutto ein. Nach Abzug von Sozialversicherungen und Steuern bleibt netto etwa die Hälfte. Davon lebt die vierköpfige Familie. Für die 4-Zimmer-Wohnung beträgt die Miete monatlich 640 Euro.
Taxameter (normaler Tagestarif):
Grundgebühr EUR 2.50, die ersten sieben Kilometer EUR 1.53, jeder weitere Kilometer EUR 1.02


Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Ich bin angestellt und fahre acht bis neun Stunden am Tag, manchmal auch am Wochenende. Im Durchschnitt sind es pro Woche wohl etwa 48 Stunden.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

Ich zahle nur in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Von meinem Bruttogehalt geht ja schon die Hälfte für Sozialversicherungen und Steuern weg, da bleibt nichts für eine private Vorsorge.

Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht und wo?

Diesen Sommer, zum ersten Mal nach vier Jahren. Ich war mit meiner Familie fünf Wochen in der Türkei. Meine Schwiegermutter hat dort ein Haus in der Nähe des Meers.

Warum wurden Sie Taxifahrerin?

Weil ich mir in diesem Beruf die Zeit selber einteilen kann. Das ist mir wichtig wegen meiner Kinder. Wenn eines krank ist, kann ich zu Hause bleiben, oder wenn mich die Kinder brauchen, zum Beispiel in der Schule, kann ich sofort hinfahren. Und ausserdem wegen meines Mannes – der fährt seit fünfzehn Jahren Taxi.

Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?

So an die hundert.

Was tun Sie in den Wartezeiten?

Lesen und häkeln. Ich lese türkische Bücher, aber keine Romane, sondern Sachbücher, am liebsten zur Geschichte des Osmanischen Reichs.

Wer war Ihr prominentester Gast?

Harald Schmidt. Wir haben uns ganz normal unterhalten. Ich hatte ihn erkannt und darauf angesprochen, aber er hat nicht viel dazu gesagt.

Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?

Das höchste war drei Euro. Manche Fahrgäste geben nichts. Oft sind es zehn, zwanzig Cent, bis zu einem Euro ist üblich.

Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?


Handys. Die Besitzer rufen selbst an, oft klingelt es auf dem Rücksitz, bevor ich überhaupt gemerkt habe, dass jemand sein Handy vergessen hat. Wenn ich es zurückbringe, werden mir die Kosten für die Fahrt jeweils bezahlt.

Wie reagieren Sie im Stau?

Ich versuche, ruhig zu bleiben. Aber wenn ich sehe, dass der Fahrgast nervös wird, dann werde ich es auch.

Sprechen Sie mit den Fahrgästen?

Oft beginnt der Fahrgast das Gespräch und fragt mich, wie es ist, als Frau Taxi zu fahren. Die meisten sind noch nie bei einer Frau mitgefahren.

Wie hoch war Ihre teuerste Busse?

Hundertfünfunddreissig Mark, damals noch. Da bin ich bei Rot über eine Kreuzung gefahren.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin vom Bahnhof oder Flughafen aus?

Ich finde Berlin Mitte am schönsten. Da sind so viele Sehenswürdigkeiten: die Museumsinsel, der Berliner Dom, der Lustgarten. Vom Flughafen Tegel bis zur Museumsinsel kostet die Fahrt fünfzehn bis siebzehn Euro, vom Bahnhof Zoo aus etwa zehn Euro.

Haben Sie Angst vor Überfällen? Was war die bedrohlichste Situation, die Sie erlebt haben?

Ja, ich habe Angst. Ich fahre nie nachts. Einmal sind zwei Jugendliche bei mir eingestiegen, ein Mädchen und ein Junge, die hatten Bierdosen in der Hand. Zuerst wollten sie zum Alexanderplatz, dann weiter nach Lichtenberg, dann nach Marzahn, und irgendwann sagten sie nur noch: hier rechts, jetzt links. Da habe ich angehalten. Sie sind ausgestiegen und haben bezahlt. Passiert ist nichts. Aber es war sehr unheimlich.

Womit verwöhnen Sie sich?

Ich nehme zu Hause ein heisses Bad. Oder ich trinke mit meinem Mann eine Tasse Tee.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Da ich nie viel Geld haben werde, habe ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Aber ich denke, ich würde erstens jedes Jahr Urlaub machen. Zweitens hier in Berlin ein Haus kaufen, mit Garten. Drittens würde ich eine Weltreise machen, mit meinem Mann und meinen Kindern. 


DEUTSCHLAND
Einwohner: 82 500 000
BIP pro Kopf: EUR 25 600
Benzin: 1 l EUR 1.07
Milch: 1 l EUR 0.89
Coca-Cola: 1 l EUR 0.89
Brot: 1 kg EUR 1.80
Reis: 1 kg EUR 2.50
Kinobillett: EUR 6
Zigaretten: 1 Packung EUR 3.10


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