WIE GUT, DASS MENSCHEN Namen haben. Es hilft uns, die Übersicht zu bewahren, selbst in Situationen wie so einer: «Indes Fritz, der spöttisch auf Karlchen sah, sein Knie an Theodolindens Knie schmiegte, berührte Theodolinde mit ihrem Knie das Knie Karlchens, der Fritz gütig anlächelte.»
Ohne Namen gäbe es hier ein «abscheuliches Gedränge hinweisender Fürwörter», wie Alfred Polgar vor 75 Jahren anmerkte. So aber ist es «eine schlichte, gerade Situation». Auch der Leser von heute kennt sich aus - solange nicht das Internet ins Spiel kommt. Dort wüchse sich das romantische Ringen um Theodolinde rasch zum globalen Problem aus.
Gut möglich, dass Karlchen den Fritz auf Herausgabe der Adresse www.karlchen.com verklagt. Dieser würde jene um Theodolindens Aufmerksamkeit willen usurpiert haben, weil www.fritz.com schon einer australischen Firma gehört.
Fritz könnte den Namen vielleicht für zehn Millionen Dollar bekommen, aber was, wenn Theodolinde irrtümlich www.fitz.com eingibt? Ganze Online-Imperien sind auf Tippfehlern errichtet, allen voran www.whitehouse.com, wo statt eines amerikanischen Präsidenten nackte Tatsachen offeriert werden. (Den Präsidenten gibt es zugeknöpft auf www.whitehouse.gov.)
Eine flächendeckende Branding-Strategie, die die Online-Welt von A wie Afghanistan (www.fritz.af) bis Z wie Zimbabwe (www.fritz.zw) abdeckt, kostet wenigstens 70 000 Dollar. Dann müsste Fritz auch noch mit den Domain-Grabbern um jene neuen Top-Level-Domains rittern, die sich die Internet-Netzverwaltung hat einfallen lassen: fritz. aero, fritz.biz, fritz.coop, fritz.info, fritz.museum, fritz.name, fritz.pro.
Und das ist erst der Anfang. Um wirklich Fritz zu sein, sollte Fritz eine Firma namens Fritz gründen, die alle Fritzansprüche gegenüber den anderen Fritzfirmen glaubhaft macht. Die Marke Ich allein gilt den Gerichten nicht als schutzwürdig - es sei denn, man heisst Madonna und ist es auch (www.madonna. com).
Ist es also gut, dass Computer Namen haben, dass sie heissen? Dem Internet fehlt die phänomenale Fähigkeit des Telefonbuchs, Gleichlautendes mit Gleichmut auszudrücken. Während die Ingenieure daran arbeiten, ringen die User die Hände. Ginge es im wirklichen Leben so verrückt zu wie im Netzwerk, dann wäre Meier ein weltweit einmaliger Name. Und jene Meiers, die zu spät zur Registrierung kommen, müssten sich umtaufen lassen. So aber hat jeder Meier seine eigene Nummer.
Nummern statt Namen! Das wäre ein Rezept gegen das abscheuliche Gedränge im Internet. www.123. com ist allerdings schon vergeben, www.theodolinde.com indes noch zu haben. Sollte es Theodolinde herausfinden, können sich Fritz und Karlchen den Anwalt sparen. Wer in die New Economy einsteigt, hat keine Zeit für schlichte, gerade Situationen.