|
|
NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business Inhaltsverzeichnis
Beim Coiffeur -- «Man kennt mich in ganz Syrien»
© Senta Keller
|
| Ziad Zhr, Damaskus, Syrien |
|
 |
Im Salon von Ziad Zhr in Damaskus geben sich Musiker und Schauspieler die Klinke in die Hand. Einmal Haareschneiden, bitte!
Von Senta Keller
Ziad Zhr, Damaskus, Syrien, 30, ist ledig. Er wohnt allein in einer Dreizimmerwohnung, die er sich vor sechs Jahren für 145 000 Franken gekauft hat. Den Salon hat er vor zehn Jahren von seinem Vater übernommen. Zhr verdient monatlich 4100 Franken, einen für Syrien sehr hohen Lohn. In seiner Freizeit besucht Zhr Konzerte und Clubs.
Welcher Schnitt ist zurzeit angesagt?
Meine Kunden gehören zu einer jungen und trendbewussten Szene in Syrien. Bei Männern ist der «Wax»-Schnitt angesagt. Die Haare sind stufig geschnitten, hinten etwas länger als vorne, die Spitzen werden mit Wachs nach oben frisiert. Meine Kundinnen mögen kürzere Haare, die knapp übers Ohr reichen. Aber die meisten Frauen in Damaskus verhüllen ihr Haar und kommen nicht zu mir.
Haben Sie eine spezielle Methode?
Das «Brushing». Ich wasche die Haare meiner Kunden nicht, sondern bürste sie und schneide trocken. Ich war in Syrien der erste Coiffeur, der diese Methode angewandt hat. Man kennt mich deshalb im ganzen Land, und viele reisen von weit her nach Damaskus, nur um sich von mir die Haare schneiden zu lassen.
Warum sind Sie Coiffeur geworden?
Die Liebe zum Beruf liegt wohl in der Familie. Der Salon gehörte früher meinem Vater, und mir war schon als Kind klar, dass ich auch Coiffeur werden wollte. So wie einer meiner Brüder.
Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?
Mein Vater hat es mir beigebracht. Bereits mit zwölf Jahren verbrachte ich jeden Nachmittag im Salon. Vor zehn Jahren übernahm ich das Geschäft. Ich gebe mich aber mit meinem Können nicht zufrieden, sondern recherchiere ständig im Internet über neueste Trends. Ausserdem besuche ich regelmässig Coiffeurseminare in Libanon und in der Türkei.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Ich möchte hier das erste Beauty-Center eröffnen – mit Gesichtspflege, Pédicure und Manicure. Damaskus hat so etwas wirklich nötig. Für diesen Traum lege ich monatlich Geld beiseite.
Wer schneidet Ihre Haare?
Meine Mitarbeiter.
Haben Sie viele Stammkunden?
Einige kommen täglich, um sich stylen zu lassen. Fünf Minuten reichen.
Was sind das für Leute?
Die meisten sind jünger und legen viel Wert auf eine trendy Frisur. Hier im Quartier sind verschiedene Botschaften und eine amerikanische Schule. Daher gehören auch zahlreiche Europäer und Amerikaner zum Kundenkreis. Abends verwandelt sich mein Barber Shop regelmässig in einen Treffpunkt. Ich habe bis 23 Uhr geöffnet, und die Leute versammeln sich im oder vor dem Laden auf der Strasse, trinken etwas und haben Spass. Später gehen wir dann alle gemeinsam in Clubs.
Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?
Eine Afrokrause ist schwierig zu schneiden.
Haben Sie prominente Kunden?
Viele berühmte Schauspieler und Musiker aus dem arabischen Raum. Dazu gehören Shadi Aswad und Tamer Hosny. Wenn einer die Privatsphäre bevorzugt, gehe ich auch zu jemandem nach Hause. Als David Vendetta in Damaskus ein Konzert gab, bestellte er mich für einen Haarschnitt in sein Hotel.
Welche Reaktionen haben Sie erlebt?
Wenn ich jemandem zum ersten Mal die Haare schneide, sind die Reaktionen manchmal nahezu enthusiastisch. Manche flippen aus, wenn ich die «Brushing»-Methode anwende.
Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?
Wenn jemand eine Frisur will, die nicht zum Haar oder zur Gesichtsform passt, mache ich das nicht. Schliesslich muss ich mit meinem Namen für eine Frisur einstehen können.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?
Wir leben sehr durchmischt, und das gefällt mir. Ob man Christ oder Muslim ist, konservativ oder aufgeschlossen lebt, spielt keine Rolle. Ausserdem ist das Nachtleben toll. Was mir nicht gefällt, ist, dass Barber Shops montags schliessen müssen. Sonst kriegt man Probleme mit der Polizei. Ich bin mit dem Sohn des Polizeivorstehers von Damaskus befreundet, daher kann ich mein Geschäft gelegentlich auch montags öffnen.
Wo verbringen Sie Ihre Ferien?
Ich gönne mir jedes Jahr eine Woche am Strand in Libanon, da ich mein Geschäft nicht länger allein lassen kann. Am Wochenende fahre ich dafür manchmal nach Beirut.
Senta Keller ist freie Journalistin; sie lebt in Zürich.
Barber Shop Ziad Das Geschäft liegt in Malki, dem teuersten Quartier in Damaskus, an der Al-Karama-Strasse. Die meisten Kunden sind männlich und zwischen 18 und 25 Jahre alt. Der Barber Shop Ziad ist berühmt für Haarschnitte, Stylings, Rasuren und Augenbrauenzupfen. Das Geschäft ist ausser montags täglich bis 23 Uhr geöffnet und hat eine eigene Facebook-Gruppe mit über 200 Mitgliedern.
Preis pro Haarschnitt Männer zahlen 13 Franken, Frauen 15. Ein fünfminütiges Styling kostet 4 Franken 50.
Syrien Einwohner: 21,9 Millionen BIP pro Kopf: 2950 Fr. Milch: 1 Liter 1 Fr. Brot: 1 Fladenbrot 0.25 Fr. Kinobillett: 1.50 bis 6.50 Fr. Zigaretten: 1.60 bis 2.20 Fr. Taxi: 10 km 5 bis 10 Fr.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|