NZZ Folio 02/98 - Thema: Computermenschen   Inhaltsverzeichnis

Vom GUI zum NUI

Die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

Von Franz Zauner

DIE FESTPLATTE ist gut im Speichern, wir sind es nicht. Von den 16 441 Dateien, die sie in 773 Verzeichnissen beherbergt, kennen wir nur wenige persönlich. Wir können sie sehen, sobald der Bildschirm erwacht. Sie nehmen freundlicherweise die Gestalt von kleinen Symbolen an, die sich kunterbunt auf dem Leuchtbett des Monitors ausbreiten: Briefchen, Steckdosen, Telefonhörer, Weltkugeln, Lupen und natürlich Ordner und Akten und ein Papierkorb. Das ist der Desktop, eine kleine Welt für sich. Darin kommt uns der Computer entgegen - und nimmt uns gefangen.

Wer ein Zimmer betritt, in dem Computer summen, holt tiefer Luft als sonst. Intimitäten, wo man hinschaut. Entrückt massieren die Menschen den Maschinchen die Tastaturrücken, halten zärtlich klobige Händchen, zu denen sie «Maus» sagen, schauen tief in Bildschirmgesichter, als wäre es Frühling, das Büro eine Parkbank und das Blech- und Plasticgeschöpf ihr ein und alles. Keine Maschine bekommt sonst so viel Zuwendung. Selbst das Auto, die heilige Kuh, wird unterhalb des Lenkrads mit Füssen getreten und Sankt Fernseher herablassend aus der Ferne bedient.

Das, was Geist und Mikrochips zusammenhält, nennen die Amerikaner User-Interface. Wir sagen Benutzer-Schnittstelle, das klingt schmerzhafter. Gemeint ist die Stelle, wo die Maschine aufhört und der Mensch beginnt. Doch die Maschine hört nicht auf, der Schreibtisch steht mitten im Kopf, und der Kopf saust. Wir kennen die Beschwerden: zu viele Icons, zu viele Menus, zu viele Windows, zuviel Strg-C, Alt-Tab-F11, Markieren und Click und Point und Drag und Drop für das bisschen Lesen, Schreiben und Rechnen.

Alles Gerede von der leichten Benutzerführung erweist sich spätestens dann als Märchen, wenn der böse Wolf in die Anwendersitzung platzt. Eine Dialogbox poppt hoch, und er knurrt: «Der schwere Ausnahmefehler 0E ist an der Adresse 0028:C106FC22C aufgetreten. Die aktuelle Anwendung wird beendet.» Und kein Sachverständiger weit und breit, der die Daten retten könnte. Im Handumdrehen verwandelt sich das Instrument der Befreiung in ein Gefängnis der Möglichkeiten. Seit es Computer gibt, ist der Aufschrei im Büro ein anerkannter Gefühlsausdruck.

Seinen Verursachern ist das keineswegs entgangen. Selbstbezichtigungen gehören unter den Branchengrössen zum guten Ton. Marc Andreessen, technischer Direktor bei Netscape und Schöpfer des imposanten, besonders icon- und menureichen Communicator-Programmpakets, bekannte vor kurzem, dass er seinen Heimcomputer nicht verstehe, er sei ihm zu kompliziert. Der Lotus-Gründer Mitch Kapor sieht im Mangel an Bedienerfreundlichkeit und in schlechtem Software-Design die «geheime Schande der Branche». Selbst der eifrigste Mehrer von Fenstern, Symbolen und Features, der Software-Riese Microsoft, ergeht sich bisweilen in Andeutungen von Entschuldigungen. «Wir würden gerne mehr Zeit haben, um das Design unserer Produkte zu verbessern, aber wir stehen unter grossem Konkurrenzdruck», erzählte ein Manager des Konzerns der amerikanischen Tageszeitung «USA Today».

Lange Zeit war die Benutzer-Schnittstelle der allerletzte Posten in den Budgets der Entwicklungsabteilungen. Eine neue Generation von Computerwissenschaftern und Software-Designern möchte sie nun zur Richtschnur allen Programmierens erheben und setzt die etablierten Verwalter von Menus und Icons unter Druck. Statistiken sonder Zahl werden geschwenkt, die beweisen sollen, wie hoffnungslos sie uns in die Lianen des Software-Dschungels verstrickt haben: So weist jedes grössere Programm im Durchschnitt 40 Design-Fehler auf, die dem User das Leben erschweren. Wäre Software immer klar, einfach und übersichtlich gemacht, dann würde sich die Produktivität der Wirtschaft von selbst um 4 bis 9 Prozent steigern. Gäbe es bunte, flexible Druckknöpfe und nicht nur solche, die mit «Ja», «Nein» und «Cancel» aufwarten, könnten wir unsere Aufgaben um 5 bis 10 Prozent schneller erledigen und früher nach Hause gehen.

Es hat gedauert, aber nun ist es soweit: Die Informatik hat den Benutzer entdeckt.

JEDES PROBLEM war einmal eine Lösung. Vor vierzig Jahren, als Hochöfen noch als High-Tech galten, trieben es die Computer noch schlimmer als heute. Sie waren kaum kleiner als Stahlschmelzen und liefen ziemlich heiss, wegen ihrer vielen Röhren. Mit rätselhaften Rohstoffen gefüttert - Karten und Streifen, gelöchert wie Emmentaler -, gaben sie erst nach Stunden, manchmal nach Tagen ein ödes Produkt zurück, meist ein mehrere Dutzend Meter langes, an den Rändern perforiertes Fernschreiben mit Zahlenkolonnen. Aller Fortschritt ging dahin, noch längere Zahlenkolonnen in kürzerer Zeit aus dem Ding herauszubekommen. Als in der Flower-Power-Zeit nicht nur der integrierte Schaltkreis, sondern auch der Sinn des Lebens entdeckt wurde, erwachte die EDV endlich aus ihrem Dornröschenschlaf. Im sonnigen Kalifornien öffneten die Forscher vom Xerox Parc in abgedunkelten Computer-Laboratorien erstmals Fenster, Windows, die den Blick freigaben auf eine Zukunft, die nicht nur Experten gehört.

Es stellte sich heraus, dass die unfassbaren digitalen Flöhe, die berüchtigten Nullen und Einser, sich zu grossartigen Zirkusnummern dressieren liessen. Sie konnten die Gestalt von Texten, Bildern und Tönen annehmen, man konnte die Daten nach Herzenslust drehen und wenden, strecken und dehnen, vergrössern und verkleinern. Die Festplatte wurde in einen Aktenschrank mit Ordnern verzaubert, das machte sie den Menschen zugänglich. Das GUI, das Graphical User Interface, war erfunden.

1984 gab Apple dem Computer sein bis dato freundlichstes Gesicht, in das bis heute tagaus, tagein ein paar hundert Millionen Menschen aller Computer-Konfessionen schauen: einen Schreibtisch, auf dem Symbole herumstehen, die sich mit Maus und Tastatur traktieren lassen. Das Ensemble ist auch unter dem Namen WIMP bekannt, wobei WIMP für Windows, Icons, Menus und Pointing Device steht.

Mit der Zeit wurden die Arbeitsspeicher immer grösser, und die Festplatten konnten immer mehr Daten tragen. Mit jedem Icon auf dem Desktop mehrten sich die Manuale im Regal. Die WIMP-Software wuchs ins Dinosaurierhafte. Alles auf einmal, in einem dicken Programmpaket, lautet heute das Credo: das ist, als ob man für jede Art von Flug grundsätzlich ein Space-Shuttle nimmt.

Zu guter Letzt eröffnete das Internet die Festplatten der ganzen Welt, längst ist aus dem GUI ein NUI geworden, ein Network User Interface. Es lädt Datei um Datei auf einen Schreibtisch, der seit zwanzig Jahren gleich lang und gleich breit geblieben ist und unter der neuen Last zusammenzubrechen droht. «The desktop ist dead», sagen die Radikalen, der Schreibtisch ist tot.

AUS DEM PAPIERLOSEN BÜRO, das der Desktop simuliert, sind die Nachteile der Papierwelt keineswegs verschwunden. Das Suchen und Finden im starren Schema von Karteikästen bleibt eine mühsame Angelegenheit, und das Ausbreiten und Arrangieren virtueller Schriftstücke auf Oberflächen von 15 Zoll Durchmesser hat das Chaos der realen Schreibtische bloss auf Bildschirmgrösse geschrumpft. Jedes Interface ist nämlich nur so gut wie die Metapher, auf der es beruht. Sie ist der phantasierte Teil der Benutzer-Schnittstelle, ihre geistige Grundlage. Die Suche nach neuen Interfaces ist vor allem eine Suche nach kühneren Bildern.

Hypertexte waren der erste ernstzunehmende Versuch, den Aktenordnern zu entkommen. Sie machen den Inhalt selbst zum User-Interface, der Computer folgt einem sozusagen aufs Wort: Einmal auf eines geklickt, öffnet sich sogleich, wenn alles klappt, ein neues Dokument. Doch wenn ein Wort das Tor zum nächsten ist, geht die Reise nie zu Ende, ja, es lässt sich nicht einmal sagen, wohin sie führt. Bis heute weiss man im Internet nicht, ob man in einem ergiebigen Archiv gelandet ist, das sich auf weitere 120 000 Seiten verzweigt, oder in einer dürftigen Sammlung loser Blätter, aus der man bald wieder im Rückwärtsgang hinaus muss - ob man sich gerade auf einer Datenautobahn oder auf einem im Sande verlaufenden Feldweg befindet. Neuesten Erkenntnissen der Browser-Forschung zufolge ist der «Back»-Button jene Funktion, die Surfer am häufigsten benutzen.

Es genügt nicht, den Schreibtisch, der wie ein Brett vor unseren Köpfen steht, zu kippen. Man muss den Raum dahinter nutzen. Menschen orientieren sich räumlich, deshalb brauchen Daten eine Geographie. «Pad++», ein Prototyp, für dessen Entwicklung sich Fachabteilungen der University of New Mexico und der New York University zusammenschlossen, verwandelt den zweidimensionalen Desktop in einen dreidimensionalen Raum, in dem die Dateien wie ferne Planeten schweben und immer mehr Details offenbaren, wenn man sie mit dem Cursor-Raumschiff anfliegt.

David Gelernter, Computerwissenschafter an der Yale-Universität, setzt nicht auf den Raum, sondern auf die Zeit. Leben ist eine chronische Angelegenheit, und das elektronische Leben sollte es auch sein. Sein «Lifestreams»-System organisiert die Dateien eines Userlebens in der Reihenfolge ihrer Entstehung. Statt 16 441 Dokumente in 773 Benutzerverzeichnissen zu verstecken, wird jedes Schriftstück, jede E-Mail, jedes Bild und jeder Ton nacheinander auf einem grossen Stapel abgelegt.

Dateinamen braucht man keine zu vergeben, denn niemand kann sich nach einer gewissen Zeit an eine Datei namens «brief1441.doc» erinnern. Aber man weiss vielleicht noch, dass man vor ein paar Monaten einen Brief verfasst hat, gleich nachdem man aus den Ferien zurückkam. Und man wird ihn vielleicht unmittelbar hinter dem Zeitloch, das die Ferien in den «Lifestream» geschlagen haben, finden. Man kann auch die Hilfe einer Suchmaschine in Anspruch nehmen, die automatisch «Substreams» kreiert: Dann erscheinen in einem weiteren Stapel alle Stationen des eigenen digitalen Lebens, die je mit einem bestimmten Stichwort verbunden waren.

An der University of Maryland, im Human-Computer-Interaction-Lab, versucht man zu beweisen, dass sich sogar dem Zweidimensionalen neue Seiten abgewinnen lassen: Mit «Elastic Windows» soll das Sture und Unflexible herkömmlicher Fenster-Technik überwunden werden. «Elastic Windows» füllt den Bildschirm bis in den letzten Winkel mit Fenstern. Je nach der Bedeutung, welche jedes einzelne von ihnen für den Benutzer gerade hat, wächst oder schrumpft es in Abhängigkeit von den anderen und wechselt dabei auch noch die Farbe. Ben Schneiderman, einer der führenden Köpfe auf dem noch jungen Gebiet der «Usability», sieht darin eine vollendete Möglichkeit, viele Anwendungen gleichzeitig zu handhaben und schnell Daten zwischen ihnen auszutauschen.

ALLEN DIESEN ANSÄTZEN ist gemeinsam, dass sie sich gegenseitig ausschliessen. Aber wenn man es recht bedenkt, besteht keine Notwendigkeit für eine Zentralmetapher, der sich alle Computermenschen dieses Planeten unterwerfen. Wie damals in den siebziger Jahren steht wieder einmal viel buntes Volk bereit, der Computerei ein neues Gesicht zu geben, und das heisst in diesem Fall: viele Gesichter.

Manche davon existieren nur in Halluzinationen, was die Wunderdinge erklärt, die man sich über sie erzählt. Wer hinter dem Horizont einen Computer sieht, der uns jeden Wunsch von den Augen abscannt, gilt jedenfalls nicht als verrückt. Und da die intelligenten Benutzer-Schnittstellen der Zukunft auch ein Ohr für menschliche Sprache haben müssen, wird es vermutlich bald genügen, beiläufig «Ich brauche Geld, Wärme und einen Flug nach New York» in ein Mikrophon zu murmeln, und sogleich schickt das servile Genie ein smartes Agentenprogramm ins Netz, das dort Aktien gegen Immobilien tauscht und nebenbei mit Währungen spekuliert, während die Heizung anspringt und sich aus dem Drucker leise ein Ticket schiebt, das vollautomatisch aus dem Gewinn der Transaktionen bezahlt sein wird, noch ehe es auf den Tisch gefallen ist. Und der Computermensch steckt es gähnend in die Jackentasche.

Andere Visionäre geben es billiger. Charles B. Kreitzberg, Präsident der Beratungsfirma Cognetics, hat ein simples Anliegen zur Mission erhoben: Software soll klar, einfach und bedienerfreundlich werden. Das kann nur gelingen, wenn der Benutzer zum wichtigsten Produktionsfaktor wird: Erst das Interface, dann der Code. «LUCID» - Logical User-Centered Interaction Design - nennt Kreitzberg diese Art, Programme zu entwickeln.

Auch Hardware lässt sich darauf prüfen, wieviel sie vom Menschen versteht. Nehmen wir nur die Mäuse. Man kann sie drücken, schütteln und von einer Hand in die andere werfen. Was wäre, wenn sie damit endlich etwas anzufangen wüssten? Studenten der New York University statteten einige Exemplare mit Drucksensoren, Kameras und Mikrophonen aus und drückten sie schwerkranken Kindern in die Hand, die man auf ihren Zimmern in Quarantäne hielt. Damit brachten die Kinder ihr Konterfei auf Bildschirme, von denen in jedem Raum einer stand, und konnten fast so locker miteinander scherzen und spielen, als hätten sie ihr Leben in der Hand. Die Rechner, die dieses Vergnügen möglich machten, blieben unsichtbar. Sie waren unter den Betten versteckt.

Vielleicht verschwindet in absehbarer Zeit nicht nur der Desktop, sondern der ganze Computer. Oder zumindest der, den wir so gut kennen.

Franz Zauner ist stellvertretender Chefredaktor der «Wiener Zeitung» und arbeitet an einem neuen Interface für deren Internet-Ausgabe.


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